Tanztreffen der Jugend

Improvisation mit Sofa

Die Kreuzberger Bühnenkunstschule Academy ist beim Tanztreffen der Jugend dabei.

Auf dem Sofa werden im Tanzstück der Academy allerlei Positionen ausprobiert. Da ist viel Humor im Spiel

Auf dem Sofa werden im Tanzstück der Academy allerlei Positionen ausprobiert. Da ist viel Humor im Spiel

Foto: Etienne Girardet / Etienne Girardet/»Pacifico Grafik Images«

Am Anfang wird ein Sofa auf die Bühne gewuchtet. "Dynamisch" heißt die etwas absurde Anweisung, angesichts des zig Kilogramm schweren Möbelstücks. Tatsächlich dynamisch geht es dann aber weiter. Die acht jungen Tänzer beginnen miteinander und vor allem mit dem Sofa zu kommunizieren. "Feierabendposition", "kuscheln", "langweilig", "ungemütlich", ruft einer der Darsteller, und die anderen legen los: lümmeln sich auf dem Sofa, kugeln sich über die Armlehnen, lassen sich von der Sitzfläche herabgleiten. Es sind treffende und sehr humorvolle Darstellungen. Besonders bei den Stichworten "Fußballgucken" , "Elfmeter" und "daneben".

Am Anfang des ersten Tanzstückes vom Academy Produktionshaus aus Kreuzberg war also das Sofa, dann kam die Einladung zum Tanztreffen der Jugend bei den Berliner Festspielen. Vier bundesweite Jugendwettbewerbe gibt es beim Festival, finanziert mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums. Die Treffen junger Autoren und der jungen Musikszene sowie das Theatertreffen der Jugend gibt es seit mehr als 30 Jahren, seit 2014 nun auch das Tanztreffen.

80 Produktionen hatten sich in diesem Jahr fürs Tanztreffen beworben, sieben Ensembles lud die Jury nach Berlin ein. Als Auszeichnung zeigen sie ihre Produktion im Haus der Berliner Festspiele und besuchen eine Woche lang Workshops. Das Stück vom Academy Produktionshaus mit dem sperrigen Titel "#2 Von der Schönheit und Seltsamkeit des Anlehnens" ist der einzige Siegerbeitrag aus Berlin. Überzeugt hat die Jury die Freude an der Improvisation und die Unbefangenheit der Darsteller, "sich in seltsamen Positionen, Konstellationen und Bewegungen wiederzufinden", so Jurorin und Theaterpädagogin Martina Kessel. Den Spaß an der Bewegung sieht man den Tänzern schon bei der Probe an. Anfang des Jahres haben sie das Stück erarbeitet, jetzt, ein paar Tage vor der Aufführung bei den Festspielen, muss es wiederbelebt werden.

Bis zu 200 Bewerbungen auf 45 Plätze an der Academy

Im Tanzsaal der Alten Feuerwache in Kreuzberg herrscht Konzentration, während der vier Stunden Probe scheinen Smartphones vergessen. Jugendliche aus dem Academy Produktionshaus haben gelernt, sich auf die Bühne zu konzen­trieren. Gegründet wurde die Academy 2003. Die Gasag hatte ein Jugendkulturprojekt ausgeschrieben, die aus den Niederlanden stammende Theatermacherin Rachel Hameleers bekam zusammen mit dem Stadtteilzentrum Alte Feuerwache den Zuschlag.

Seitdem werden jedes Jahr 45 Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren aufgenommen, die an zwei Nachmittagen pro Woche Bühnenkunst lernen: Tanz, Gesang oder Schauspiel. Am Ende des Schuljahres gibt es Auftritte aller drei Sparten. Vorkenntnisse sind nicht nötig, die Auswahl erfolgt über ein Casting. Etwa 150 bis 200 Jugendliche aus ganz Berlin bewerben sich jedes Jahr. "Was sie hier trotz aller Unterschiede zusammenbringt, ist das gemeinsame Interesse", sagt Academy-Leiterin Rachel Hameleers, "in der Schule sind sie vielleicht der einzige schräge Vogel, der gern tanzt, hier teilen sie diese Leidenschaft."

Mit besonders talentierten Absolventen des Basisjahres wird später ein Stück erarbeitet. Der Monatsbeitrag an der Academy beträgt 20 Euro. Hauptgeldgeber ist die Gasag, weitere Partner sind die Kreuzberger Kinderstiftung und die Stiftung am Grunewald. "Kennzeichen der Academy ist der interdisziplinäre Ansatz", sagt Hameleers. Die Jugendlichen sind an der Entwicklung der Stücke beteiligt, das Thema wird vorgegeben, "hier war es das Anlehnen und der Tanzstil Kontaktimprovisation", sagt Choreografin Elaine Hutmacher. "Und das Sofa", ergänzt ihre Kollegin Susanne Martin, "ich habe Secondhandläden abgesucht, bis ich eines gefunden habe, das robust genug war."

Was auf dem Sofa stattfindet, entwickelte sich in der Arbeit mit den Jugendlichen und fällt bei jeder Aufführung anders aus. Für die sieben Mädchen und einen Jungen scheint das keine Schwierigkeit zu sein, sie haben keine Scheu voreinander und vor allem nicht vor der Bühne. Die 20-jährige Anna zum Beispiel bewegt sich wie ein Profi. Vor fünf Jahren besuchte sie die Academy, damals reifte ihr Wunsch, Tänzerin zu werden. Heute trainiert sie jeden Tag. Han (18) aus Lichtenberg belegte ursprünglich Schauspiel und will auch beruflich diesen Weg verfolgen, "aber der Tanz ist für mich eine wichtige Erfahrung".

Dass an der Academy Berufswünsche geboren werden, ist nicht selten. Felix Lüke fing dort an, studierte dann an der Schauspielschule Ernst Busch, trat im HAU und in der Schaubühne auf. Nun ist er Academy-Dozent. Vielleicht gelingt auch Anna oder Han ein solcher Durchbruch. Die Einladung zu den Berliner Festspielen kann dabei helfen.

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