Wohnen in Berlin

Auf den langen Stillstand folgt das Richtfest im Möckernkiez

An der Vision vom selbstbestimmten, umweltfreundlichen Wohnen halten die Mitglieder der Genossenschaft Möckernkiez bis heute fest.

Frank Nitzsche, Vorstand der Baugenossenschaft Möckernkiez

Frank Nitzsche, Vorstand der Baugenossenschaft Möckernkiez

Foto: Reto Klar

Ein warmer Spätsommertag auf der Großbaustelle am südöstlichen Rand des Gleisdreieckparks in Kreuzberg. Frank Nitzsche, Vorstand der Genossenschaft Möckernkiez, steht auf der höchsten Ebene eines staubbedeckten Baugerüsts, schaut auf die Betonlandschaft unter ihm. 14 gradlinige Hauskörper ragen in den Himmel, warten darauf, vollendet und bezogen zu werden. Im Sommer kommenden Jahres sollen die 471 Wohnungen fertig sein.

Am Donnerstag feierten die Genossen sowie 150 Gäste, unter ihnen Geschäftspartner und Berater das Richtfest. Ein besonderes Ereignis, denn lange galt die Baustelle im Herzen Kreuzbergs als eine abgeschriebene Bauruine. Ein verfallenes Objekt in beliebter, zentraler Lage – prädestiniert für den Bau von Luxuswohnungen. "Hätten die Genossen damals an Investoren verkaufen müssen, wäre es für alle eine großer Schlag gewesen", sagt Nitzsche.

Traum vom "selbstverwalteten, sozialen und ökonomischen Wohnen"

Der schlanke Mann mit grauem Haar und strahlend blauen Augen schaut in die Ferne. Vor ihm liegen der weitläufige Park am Gleisdreieck, dahinter das markante Dach des Technikmuseums. Rechts davon reicht der Blick vom Potsdamer Platz bis hin zum Fernsehturm am Alexanderplatz. "Die Idee für den Möckernkiez entstand vor genau zehn Jahren", erzählt er weiter. Damals entschlossen sich die Anwohner, die Brache am Park zu kaufen, um es vor Spekulanten und Mietpreistreibern zu schützen. Stattdessen sollte auf dem 30.000 Quadratmeter großen Gelände der Traum vom "selbstverwalteten, sozialen und ökonomischen Wohnen" verwirklicht werden, so die Idee der Initiatoren.

Das Vorhaben sollte sich von konventionellen Baukonzepten privater Investoren unterscheiden, barriere- und autofrei sein. Die Nachbarschaft, so hoffte man, würde zu einer offenen Gemeinschaft werden, die Generationen verbindet. Vor allem aber sollte hier bezahlbarer Wohnraum entstehen.

Banken hatten anfangs kein Vertrauen

Im Jahr 2009 wurden aus den Ideen konkrete Pläne. 240 Mitglieder gründeten die Genossenschaft Möckernkiez und kauften 2010 das Grundstück einer privaten Immobiliengesellschaft für acht Millionen Euro ab. Dann die Ernüchterung: Die Kosten für den Bau lagen mit 130 Millionen Euro weitaus höher, als zunächst kalkuliert. Trotz aller Bemühungen scheiterten alle Anfragen bei Banken. Das Konzept der Genossenschaft erschien dort als zu unsicher, das Risiko zu hoch. Auf eigene Kosten starteten die Mitglieder im Januar 2014 den Bau, im November wurde dieser wieder gestoppt. Der Genossenschaft war das Geld ausgegangen. Einige Mitglieder, sprangen trotz finanzieller Verluste ab, so Nietzsche.

Die Mehrheit aber kämpfte weiter. Vor zwei Jahren berief man Frank Nitzsche, Fachmann aus der Wohnwirtschaft, und Architektin Karoline Scharpf in den Vorstand. "Ein Bekannter sagte damals zu mir: 'Ich kenne nur einen Bekloppten, dem ich das zutrauen würde: Dir!'", sagt Nitzsche und lacht. Von da an sei das Projekt neu aufgerollt, seien Strukturen in der Genossenschaft geändert worden. Ein neues Finanzierungskonzept, teils getragen von den Mitgliedern, sollte den Banken als Sicherheit dienen. Die Strategie ging auf: Im Mai vergangenen Jahres bewilligten mehrere Geldinstitute die benötigten Kredite. Die Zukunft des Möckernkiezes war gerettet.

An der Vision vom selbstbestimmten umweltfreundlichen Wohnen halten die Genossen bis heute fest. Bezahlbarer Wohnraum hingegen ist eher ein Traum geblieben. Wer eine Wohnung im Möckernkiez mietet, verpflichtet sich, Anteile an der Genossenschaft zu kaufen. Pro Quadratmeter zahlen die Mitglieder einmalig 920 Euro – für eine der 100 Quadratmeter großen Wohnungen also 92.000 Euro. Hinzu kommt die Kaltmiete mit durchschnittlich 11,50 Euro pro Quadratmeter, Betriebskosten sowie ein Zuschlag für die Errichtung von Gemeinschaftsräumen. Nahezu alle Appartements sind zudem vergeben.

Bis 2027 will man alle Darlehen abbezahlen

Von "Luxuswohnungen" will Nitzsche da nicht reden. "Ich weiß, dass manche Mitglieder für ihren Traum an die Grenzen ihrer finanziellen Belastbarkeit gegangen sind. Andere sogar darüber hinaus", sagt er. Die hohen Zahlungen seien aber notwendig, um die Baukosten und Kredite zu tilgen. Bis 2027 will die Genossenschaft alle Darlehen abbezahlt haben. Bis dahin sollten die Mieten auf dem gleichen Level bleiben, prognostiziert Nitzsche. "Das Projekt Möckernkiez könnte für die gesamte Baubranche richtungsweisend sein", sagt er. Denn selbstbestimmtes Wohnen schütze die Mieter langfristig vor willkürlichen Mieterhöhungen.

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