Bezirksbürgermeisterin

"Wir haben knallharte Mafia-Kriminalität in Kreuzberg"

Die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) wünscht sich mehr Polizeipräsenz in ihrem Kiez.


Polizeibeamte stehen vor dem U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg

Polizeibeamte stehen vor dem U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg

Foto: dpa Picture-Alliance / Sophia Weimer / picture alliance / dpa

Offener Drogenhandel, Diebstahl, Schlägereien und zuletzt ein Mord. Der Kottbusser Platz ist ein Kriminalitätsschwerpunkt in der Stadt. Jetzt schlagen die Hauseigentümer Alarm. „Ich fühle mich im Stich gelassen“, sagt Wolfgang Kremer, der mit seiner Hausverwaltung das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) mit mehr als 1200 Bewohnern und 100 Gewerbeeinheiten betreut. „Unsere Geduld wird überstrapaziert.“ Seit Monaten sei das Problem am Kottbusser Tor bekannt, weder die Politik noch die Polizeiführung würden jedoch darauf angemessen reagieren.

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Das Kottbusser Tor gilt seit Jahren als Kriminalitätsschwerpunkt. Vor allem der offene Drogenhandel hat in der Vergangenheit zugenommen. Anwohner fühlen sich zunehmend unsicher. Kremer hat wegen der hohen Kriminalitätsbelastung zusammen mit zwei anderen Hausverwaltungen seit einem halben Jahr einen privaten Sicherdienst beauftragt, der seitdem auf dem Platz patrouilliert. Doch die Hausverwalter haben zunehmend das Gefühl, dass sie mit den Problemen alleingelassen werden. „Außer Betroffenheitsbekundungen tut sich nichts“, sagt Kremer. In einem Brief an Innensenator Frank Henkel (CDU) habe er die Lage geschildert, aber bis heute keine Antwort erhalten. Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), der zuletzt die Existenz von No-Go-Areas in der Stadt bestritt,, verkenne die Lage. Und von der Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), gingen keine Impulse aus, das Kottbusser Tor zu befrieden. „Wir haben lange versucht, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen, um ein größer angelegtes Konzept für den Platz zu entwickeln, bislang ohne Erfolg. Das frustriert uns erheblich“, sagt Kremer. „Ich habe nicht den Eindruck, dass wir an einem Strang ziehen.“ Lediglich auf unterster Ebene zwischen Hausverwaltern und den Kontaktbereichsbeamten funktioniere die Zusammenarbeit.

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Die Hauseigentümer haben nun beschlossen, die Finanzierung des privaten Wachschutzes im Oktober zu beenden – „bis sich andere bewegen“, sagt Kremer. Es bestehe zunehmend der Eindruck, die Kriminalitätsbekämpfung werde an die Hauseigentümer abgeschoben. Bislang haben die Eigentümer 250.000 Euro für den privaten Sicherheitsdienst ausgegeben.

Bezirk kann Probleme nicht allein bewältigen

Bezirksbürgermeisterin Herrmann sieht sich mit der Bewältigung des Problems überfordert. „Hier existiert knallharte mafiöse Kriminalität“, sagte sie „Zeit online“ (Freitag). „Da kommst du nicht weiter mit Sozialarbeitern und dem Ordnungsamt.“ Am Görlitzer Park, dem Zentrum der Drogenkriminalität, werde viel Geld verdient. Die kleinen Dealer aber seien nur das Ende der Kette. Statt sie hochzunehmen müssten die großen Drogenlager ausgemerzt werden, forderte Herrmann. Friedrichshain-Kreuzberg sei ein „Seismograph für die Metropole Berlin“, sagte die Grünen-Politikerin. Hier gebe es Lebensentwürfe von der Wagenburg bis zum Penthouse - und dadurch oft Spannungen. „Das wird Berlin in den nächsten Jahren in Gänze erleben“, warnte Herrmann.

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Innensenator Frank Henkel weist die Kritik der Hauseigentümer zurück. „Wir setzen auf Präsenz und hohen Druck“, sagte Frank Henkel am Freitag. „Die Polizei betreibt einen wahnsinnig hohen Aufwand an den Kreuzberger Brennpunkten.“ Allein am Kottbusser Tor habe die Polizei in diesem Jahr mehr als 18.000 Einsatzstunden geleistet. „Von großer Bedeutung ist auch die Arbeit der drei Kontaktbereichsbeamten vor Ort.“ Bis Ende August seien 755 Platzverweise erteilt und 1537 Freiheitsbeschränkungen vorgenommen worden. Seit März habe die Polizei mit einer speziellen Ermittlungsgruppe den Druck auf die kriminelle Antänzerszene noch einmal erhöht. „Gegen die Täter, die vorwiegend aus dem nordafrikanischen Raum stammen, braucht es Härte und ein gezieltes Vorgehen“, sagte Henkel.

Hielten sich früher vor allem alkoholkranke Menschen am Kottbusser Tor auf, so wurde er in den vergangenen Jahren zunehmend zum Schwerpunkt für Drogenhandel und der damit einhergehenden Beschaffungskriminalität. Die Zahl der Diebstähle hat sich zuletzt mehr als verdoppelt, Raub und Körperverletzungen nahmen stark zu. Die Polizei regis­trierte von Januar bis Juni 346 Drogendelikte. Zudem gab es 52 Raubtaten (83 im ganzen Jahr 2015) und 49 Fälle von Körperverletzung (67). Im April räumte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ein, dass die Lage etwa am Kottbusser Tor dringend verbessert werden müsse. Doch die Hausbesitzer spüren von alldem nichts.

Ende vergangener Woche eskalierte die Gewalt erneut. Ein harmloser Streit an der Ecke Adalbertstraße endete in einer Schießerei, bei der ein 32-Jähriger starb. Als Täter steht ein 22-jähriger Intensivtäter unter Verdacht, der sich seitdem auf der Flucht befindet. Zwei Mitglieder einer Rockerbande, die sich ebenfalls am Tatort befanden, haben nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nichts mit der Tat zu tun. Sie wurden lediglich als Zeugen vernommen. Über die Hintergründe der Tat ist bislang nichts bekannt, der Täter ist weiter auf der Flucht.