Kulinarische Reise

Das sind die kreativen Köche von Friedrichshain

Der "Berliner Büchertisch" würdigt den Kiez mit einem ungewöhnlichen Buch. Die Morgenpost stellt fünf Ideen aus der Nachbarschaft vor.

Sie machen ihrem Namen alle Ehre: Die vier von der Tofumanufaktur Soy Rebels. Sie mischen den Tofumarkt im Bezirk kräftig auf

Sie machen ihrem Namen alle Ehre: Die vier von der Tofumanufaktur Soy Rebels. Sie mischen den Tofumarkt im Bezirk kräftig auf

Foto: Patricia Schichl

Nach "Kreuzberg kocht" hat der Verein Berliner Büchertisch mit "Friedrichshain kocht" (16,90 Euro) zum zweiten Mal eine kulinarische Reise durch einen der Hauptstadtkieze unternommen.

Herausgekommen sind Porträts und Rezepte aus dem Stadtteil, der sich derzeit wandelt wie kein zweiter: Friedrichshain. Früher "Arme Leute"- und Besetzerviertel ist die Nachbarschaft heute eine Ausgehmeile für junge Leute und wird von Investoren umworben. Nirgendwo sonst kann man derzeit deutlicher beobachten, wie Gentrifizierung funktioniert.

In 55 Interviews stellen die Macher des Buches Kollektive, Initiativen, Künstler und Vereine vor, die sich in ihrer Nachbarschaft engagieren. Um sie besser kennenzulernen, haben die Autoren mit ihnen zusammen ihr Lieblingsrezept gekocht.

Die Berliner Morgenpost stellt fünf Ideen und ihre sommerlichen Rezepte vor.

Geschichtswerkstatt Stalinallee

Die Karl-Marx-Allee ist eine der wenigen Berliner Straßen, die einen eigenen Verein hat. Den hat sie aber auch verdient, schließlich war sie Anfang der 60er-Jahre die bedeutendste Straße der DDR. Artur Schneider vom Verein Geschichtswerkstatt Stalinallee erzählt Schülern und Besuchern von der Vergangenheit der Prachtallee. "DDR-Geschichte kommt im Geschichtsunterricht viel zu kurz", sagt er, "aber auch die Berliner bleiben meistens in ihrem Kiez. Man weiß nicht so richtig, was in Schmargendorf passiert, wenn man in Friedrichshain wohnt, und wer in Kaulsdorf wohnt, kennt Mitte nicht." Also erzählt er auf seinen Führungen von den "Palästen für Arbeiter" aus den 50er-Jahren, den Aufmärschen, die der Ursprung für die Demonstration am 17. Juni waren, und von den vielen Namensänderungen der ehemaligen großen Frankfurter Straße. Artur Schneiders Lieblingsessen: Käsesuppe.

karlmarxallee.eu

Tofumanufaktur Soy Rebels

Bio ist in. Wer etwas auf sich hält, kauft regional, fair und grün ein. Und der Bauer auf dem Feld? "Der hat nur fünf Euro Stundenlohn", sagt Franki, von Beruf Tofuhersteller. Er und das Kollektiv "Tofumanufaktur Soy Rebels" waren genervt von der Kommerzialisierung der Bioszene, den Großhandelsstrukturen, der intransparenten Herstellung, dem mangelnden Bezug zu den Erzeugern. Also kauften sie deutsche Sojabohnen ein und entschieden, die erste handwerkliche Tofurei Berlins zu gründen. Ohne Plastikverpackung und mit CO2-neutralen Fahrradkurieren beliefern sie Bioläden in der Umgebung. Was die Rebellen seitdem nicht mehr hören wollen: "Tofu schmeckt nach nichts." Ihre Rezeptidee: "Kwark"-Bällchen, klar, mit Tofu.

tofumanufaktur-berlin.de

Kiezsofa

Die lokale Talkshow "Kiezsofa" zieht mittlerweile mit ihrer Couch durch Bars in der ganzen Stadt, doch angefangen hat alles in Friedrichshain. Dort haben Simon Akstinat und Nadine Kleifges kürzlich zum vierten Mal prominente oder unbekannte Kiezbewohner auf dem Sofa zwischen sich in die Mangel genommen. "Wir sind davon überzeugt, dass jeder Mensch interessant ist", sagt Akstinat. Einmal im Monat befragen die beiden vier Gäste, die einen starken Bezug zu dem Kiez haben, dort arbeiten oder aufgewachsen sind. Dann sitzt schon mal ein Busenwunder, ein Bestatter oder der letzte DDR-Ministerpräsident auf dem Sofa. Das Lieblingsessen der beiden: Sauerampfersalat mit Walnüssen und Feigen.

facebook.com/kiezsofa

Aufschnitt

Typisch Berlin: Eine Vegetarierin näht Bierschinken-Stillkissen, Wurstnackenrollen und Stoffnieren. Im "Aufschnitt" in der Boxhagener Straße dreht sich bei Silvia Wald alles um Fleisch, das man nicht essen kann. Wer ihr Textilgeschäft betritt, meint, in einer Fleischerei zu stehen. Fliesen an der Wand, Würste und Steaks in der Theke, nur sind die eben weich und zum Kuscheln. "Unsere Kunden kaufen Fleisch für den Metzger, Herzkissen für den Chirurgen und Baguettes für den Franzosen", sagt Silvia Wald. Und wenn ein Theater anfragt, dann näht sie für dessen Ausstattung auch schon mal einen Darm, den ein Zombie in einer Gruselaufführung aus dem Leib einer Leiche reißt. Silvia Walds Rezeptvorschlag: Senf-Sushi mit Rote Beete.

aufschnitt.net

Hospizdienst Horizont

Wie eine Insel der Ruhe liegt das buddhistische Zentrum Bodhicharya auf dem ehemaligen Stadtgehöft Boxhagen. Bunte Gebetsflaggen, ein Holzhaus und ein Mönch im roten Gewand verwundern die Passanten, die einen Blick in den Innenhof der Kinzigstraße werfen. Mitten in der Oase gibt es nicht nur das Meditationszentrum, sondern auch ein Hospiz. "Im Buddhismus ist der Tod ein Übergang, nicht das Ende, und ein friedvoller Geisteszustand im Moment des Todes ist wichtig", sagt Michaela Dräger. Mit Toleranz und Verständnis für die letzten Wünsche Sterbender will sie ein Hospizdienst für alle sein, ob Buddhist oder nicht. Gemeinsam mit 45 Ehrenamtlichen begleitet sie bis zu 35 Menschen im Jahr auf ihrem letzten Weg. Ihr Lieblingsrezept: Rotes Thai-Curry.

hospiz-horizont.de

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