Neues Projekt

Kreuzberger Bürgeramt wird jetzt von Azubis geführt

Für ein Bürgeramt im Kreuzberger Wrangelkiez gab es kein Personal mehr. Jetzt arbeiten dort Auszubildende. Diese können dort wertvolle Praxiserfahrungen sammeln und die Personalnot ein wenig lindern.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ein Kunde, endlich! Anne-Kathrin Lenz und Jeremy Thomas freuen sich richtig, wenn ein Besucher um die Ecke biegt und ihre Hilfe benötigt. So viel Begeisterung begegnet dem Berliner im Bürgeramt sonst nicht immer. Aber davon abgesehen merken die Kunden im neuen Bürgeramt an der Schlesischen Straße kaum, dass sie es nicht mit langjährigen Verwaltungsmitarbeitern zu tun haben.

Anne-Kathrin Lenz und Jeremy Thomas machen eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg – und arbeiten seit Montag gemeinsam mit sieben anderen Auszubildenden im ersten Ausbildungsbürgeramt Berlins.

Von dem neuen Angebot im Wrangelkiez sollen Auszubildende und Berliner etwas haben. Die einen, weil sie hier weniger zusehen müssen und mehr selbst machen können. Und die anderen, weil es ein Bürgeramt mehr gibt, in dem sie Personalausweise oder Reisepässe beantragen, sich unter einer neuen Adresse anmelden oder ein Führungszeugnis ausstellen lassen können.

Standort monatelang geschlossen

Die Idee sei im vergangenen Sommer entstanden, sagt der für die Bürgerdienste zuständige Bezirksstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke): „Damals standen die Leute im Bürgeramt Frankfurter Allee bis auf die Straße, an der Yorckstraße zog sich die Schlange durch das ganze Treppenhaus.“ Anfang Juni 2014 hatte der Bezirk das Amt an der Schlesischen Straße in Kreuzberg schließen müssen: Wegen der vom Senat auferlegten Sparmaßnahmen habe das Personal einfach nicht mehr für drei Bürgerämter ausgereicht. Auch in den anderen elf Berliner Bezirken gibt es seit Jahren lange Wartezeiten. Wer einen Termin im Internet oder über das Bürgertelefon 115 bucht, muss sich oft wochenlang gedulden.

Gleichzeitig klagten die Ausbilder in den Bürgerämtern, dass kaum noch Zeit für die Auszubildenden bleibe, so Knut Mildner-Spindler. Sie seien teilweise nur noch für Hilfsdienste eingesetzt worden, weil die Zeit fehlte, sie richtig einzuweisen. „Die Qualität der Ausbildung war in einer Schieflage“, sagt Ausbildungsleiter Dennis Glöckner. Von Azubis geführte Ausbildungsfilialen von Supermärkten brachten ihn auf die Idee: Warum sollte das in der Verwaltung eigentlich nicht funktionieren? Ein bisschen komplizierter sei es doch gewesen: Schließlich ziehe ein falsch ausgestellter Personalausweis größere Probleme nach sich als eine falsch eingetippte Summe an der Supermarktkasse. Dennoch sei es gelungen, die Idee innerhalb weniger Monate umzusetzen. In Schulungen wurden die Azubis vorbereitet, außerdem stehen ihnen die Ausbilder immer zur Seite.

Probleme löst das neue Bürgeramt nicht

Das neue Angebot entlastet die Bürgerämter in Friedrichshain-Kreuzberg und in anderen Bezirken. Alle Probleme löst es nicht: Das Bezirksamt brauche unbedingt zusätzliche Stellen in den Ämtern, sagt der Stadtrat. Der Hinweis geht an den Senat, der den Bezirken für 2016 und 2017 300 zusätzliche Stellen versprochen hat. 2015 können die Bezirke in den Bürgerämtern zeitlich befristet 33 neue Mitarbeiter einstellen. „Wir haben für die Bürgerämter in Friedrichshain-Kreuzberg zwei zusätzliche Stellen bekommen“, sagt Mildner-Spindler. Damit habe er aber das dritte Bürgeramt nicht wieder öffnen können.

Jetzt ersetzt das Ausbildungsbürgeramt die bisherige Anlaufstelle. Allerdings können an der Schlesischen Straße weniger Kunden als früher betreut werden. Das Amt ist nur von acht bis 16 Uhr geöffnet, freitags bleibt es geschlossen. Damit den Azubis für jede Aufgabe ausreichend Zeit bleibt, werden Termine im 20-Minuten-Takt vergeben, bei anderen Bürgerämtern ist teilweise weniger als halb so viel Zeit vorgesehen. Der Bezirksstadtrat rechnet damit, dass die jungen Mitarbeiter diese Zeit nur zu Beginn ihrer Ausbildungsstation benötigen werden: „Ich fürchte, sie sind bald so schnell, dass sie die 20 Minuten als Beleidigung empfinden.“ Das wiederum könne die Situation insgesamt weiter entlasten.

Anfragen aus anderen Bezirken

Langfristig will der Bezirk das Angebot ausbauen und mehr Auszubildende in dem Bürgeramt beschäftigen. Es habe sogar schon Anfragen aus anderen Bezirken gegeben, erzählt Knut Mildner-Spindler, „die wollten uns ihre Azubis schicken“. Ausschließen wolle er das nicht, „aber jetzt machen wir erst einmal den ersten Schritt“.

Bei ihrem ersten Schritt hat Anne-Kathrin Lenz an der Information an diesem Morgen mehrere Termine vergeben, berichtet sie stolz, „und einen Berlin-Pass haben wir auch ausgestellt“. Eine Etage höher sitzt Madeline Kundoch einer Familie gegenüber: Einen Reisepass habe sie ausgestellt und einen Kinderreisepass verlängert, erzählt die 20-Jährige. Sie ist fast ein bisschen enttäuscht, als sie ihre Aufgabe an die Ausbilderin übergeben muss, weil der Stadtrat die Azubis zum Gruppenfoto bittet: Die Familie beantrage gerade noch einen neuen Kinderreisepass: „Aber das kann ich jetzt nicht mehr machen.“