Kreuzberg

Berliner Hotel bietet Zimmer für 20 Minuten

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Britta Klar

Foto: Frank Lehmann

In Kreuzberg gibt es nun ein Hotel, in dem man für 20 Minuten Erholungsschlaf absteigen kann. Audio-Mentalsystem mit Lichteffektbrille und Kopfhörern für Gedankenreisen gibt’s auch. Ein Selbstversuch.

Mittags am Checkpoint Charlie. Touristengruppen und Schulklassen aus aller Herren Länder schlendern vorüber, Taxifahrer hupen sich ihren Weg frei, Radfahrer fahren fluchend Slalom um Selfie-Stangen. Ich steige von meinem Rad und frage mich, wie ich auf den rund 200 Metern Fußweg, die jetzt noch bis zu meinem Ziel vor mir liegen, den Puls wieder senken soll. Schließlich habe ich etwas Besonderes vor, mitten an diesem sonnigen, hektischen, lauten Wochentag. Ich will mich einfach mal hinlegen. Einen Mittagschlaf machen. Dafür gehe ich zu Irina Ivachkovets in die Zimmerstraße 27 in Mitte. Die 35-Jährige ist die Inhaberin des ersten „Powernapping-Schlafraums“ in Deutschland – und der heißt passenderweise „Nickerchen“.

Schnell das Fahrrad angeschlossen, auf dem Fußweg werde ich noch von einem anderen Radfahrer aus dem Weg geklingelt, und dann hinein durch die unscheinbare Tür in der großen Glasfront. „Schön, dass du da bist“, sagt die gebürtige Weißrussin mit den langen blonden Haaren und den strahlenden Augen zur Begrüßung. Im gleichen Moment fällt die Tür ins Schloss, und es ist absolut ruhig. Ich fühle mich, als hätte mich etwas Großes, Weiches, Flauschiges verschluckt. Vielleicht ist es nur der dicke Teppich unter meinen Füßen, den ich spüre, da im „Nickerchen“ gleich am Eingang die Schuhe ausgezogen werden. Wer mag, darf Puschen anziehen.

Auch dösen erholt

Im Dezember 2014 hat die studierte Betriebswirtschaftlerin und Kulturwissenschaftlerin, die lange Projektleiterin von internationalen Industrie-Fachmessen war, das „Nickerchen“ eröffnet. „Die Idee ist aus meinem Job heraus entstanden“, sagt Irina Ivachkovets. „Ich habe immer im Flugzeug oder am PC gesessen und kenne, wie viele andere gestresste Businessmenschen auch, den heimlichen Sekundenschlaf auf dem Klo oder mit dem Kopf auf der Tastatur.“ Heimlich? Wieso denn eigentlich heimlich, fragte sich die junge Berlinerin, und die Idee zum „Nickerchen“ entstand. Den Wunsch nach so einem schnellen Tagschlaf habe ich auch häufiger mal. Nur wann, wo und wie?, ist die Frage.

Und woher die Ruhe nehmen, die man dafür braucht? Das Wo beantwortet Irina Ivachkovets mit ihrem „Mittagsschlaf-Hotel“. Das Wann auch – nämlich jetzt gleich. Bleibt nur noch die Frage nach dem Wie. Werfe ich doch erst einmal einen Blick auf meine Ruhestätte: Von einem Flur gehen insgesamt zehn kleine, durch Vorhänge voneinander getrennte Nischen ab. Fünf auf jeder Seite. Sie heißen alle „Wolke“ und erinnern an riesige Himmelbetten.

In jedem Abteil stehen Bett und Nachttischchen plus kleiner Lampe darauf. Alles ist in warmen Tönen gehalten, ganz leise dringen beruhigende Tempelklänge durch den Raum. Am Ende des Flurs steht ein dicker Ast. Aufrecht, wie ein Baum. Verwunschen irgendwie. Fast bilde ich mir ein, die Vorhänge würden leicht im Wind wehen. Tun sie natürlich nicht. Das Draußen ist ganz weit weg.

Schlafen also. „Darum geht es gar nicht unbedingt“, sagt Irina Ivachkovets, als sie meinen skeptischen Blick sieht. „Es reicht schon, sich hinzulegen, sich lang zu machen, mitten am Tag, an dem wir fast alle immer nur sitzen. Hier kann man die Gedanken loslassen, ein bisschen ruhen oder einen erholsamen Döse-Zustand erreichen.“ Durchschnittlich acht bis zehn Mittagschlaf-Fans kommen pro Tag. Einer davon bin heute ich.

„Erhol dich“

Liebevoll, ruhig, einnehmend und doch distanziert steht Irina Ivachkovets neben mir am Bett. Komisch, sich so ohne Weiteres hinzulegen. Ich mache es einfach. Sie erklärt mir das Audio-Mentalsystem, bestehend aus Lichteffektbrille und Kopfhörern mit Klängen und Gedankenreisen. Das kann man für drei Euro buchen. Ohrstöpsel und Schlafmaske bekommt sowieso jeder, der mag. Der eine oder andere schnarcht doch mal. Brille auf, Kopfhörer an, Ivachkovets deckt mich zu und sagt: „Erhol dich.“

Schnell merke ich: Mit dieser Brille und mir, das wird nichts. Durch die geschlossenen Augenlider flackert Licht und ich fühle mich, als würde ich an einem Sommertag durch eine Baumallee fahren. Selbst die niedrigste Intensität ist zu viel. Brille ab.

Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf: Wie absurd, mitten am Tag irgendwo zu liegen. Nicht auf dem eigenen Sofa. Ich blinzele immer mal. Alles ruhig, keiner da. Ich denke und denke, irgendwann döse ich tatsächlich ein wenig. Nachdem ich gedacht habe: Warum denn eigentlich nicht – einfach mal darauf einlassen! In asiatischen Ländern ist das gang und gäbe, in Südeuropa ist die Siesta-Kultur auch ausgeprägt. Gut, da ist es mittags heißer als bei uns.

Massage nach dem Schlaf

Aber dass wir um die Mittagszeit, vor allem nach dem Essen, einen Tagestiefpunkt haben, ist nachgewiesen und bekannt. Warum also nicht mal nachgeben? Um das Mittagessen trotz Nickerchen nicht zu verpassen, gibt es im „Nickerchen“ den 20-minütigen Powernap plus Lunch-Box (Obst, Brötchen, Getränk) für zusammen neun Euro.

Ich stehe nach einiger Zeit wieder auf. Wie viele Minuten vergangen sind, weiß ich nicht. Aber ich fühle mich tatsächlich fitter. Das Liegen tat gut. Einfach woanders sein. Es gibt auch einen Weckservice. „Länger als 30 Minuten schlafen empfehle ich nicht“, sagt die Betreiberin. Das hätte den gegenteiligen Effekt. Manche ihrer Gäste gönnen sich auch noch eine kleine Massage. Irina Ivachkovets ist Massagetherapeutin. 20 Minuten Massage kosten 25 Euro, 20 Minuten schlafen fünf Euro. „Zur Massage kommen genauso viele Männer wie Frauen, zum Schlafen mehr Männer“, sagt Irina Ivachkovets. Sie ist sich übrigens sicher, dass man schnelles Entspannen lernen kann. „Ich jedenfalls kann überall schlafen“, sagt sie und lacht. „Ich wäre mein bester Gast!“

Ich muss nach einem köstlichen Tee, den es aufs Haus gibt, wieder hinaus auf die laute Zimmerstraße. Da hat sich in dieser kurzen Zeit nichts geändert. Geschäftsleute laufen vor der großen Glasfront hin und her, sprechen in ihre Handys. Reisegruppen schieben sich vorbei. Autos hupen. Stört mich aber nicht. Ich bin entspannt.