Musik-App

Wenn sich Grundschülerinnen in Helene Fischer verwandeln

Mit einem einzigartigen Projekt wird Berliner Schülern ein neuer Zugang zur Musik eröffnet. Eine App macht dabei aus Tablets Musikinstrumente. Der Initiator wurde jetzt ausgezeichnet.

Foto: Amin Akhtar

„Atemlos“ schallt es über den Flur. Helene Fischer mit Band zu Gast in einer Grundschule? Nein, es sind Medina, Melina, Ennie, Amelie und Katy, die hier im Nawi-Raum der Adolf-Glaßbrenner-Grundschule in Kreuzberg den beliebten Ohrwurm covern. Cello, Schlagzeug, Bass und Gitarre – der Sound ist authentisch, aber wo sind die Instrumente? Das einzige, auffällt, ist ein Skelett hinten in der Ecke, schließlich ist das hier der Raum, in dem sonst Naturwissenschaften gelehrt werden und die Tablets auf dem Tisch. „So, Katy, Du gehst ans Cello“, sagt Matthias Krebs und schon nimmt sich das neunjährige Mädchen eines der Tablets. Amelie hat indessen schon ihr Tablet zum Bass umfunktioniert, und Ennie versucht sich auf den Gitarrensaiten, die auf ihrem Bildschirm erscheinen.

Jeden Mittwochnachmittag treffen sich die fünf Mädchen hier zur Appmusik-AG, einem Zusatzangebot der Schule. Und gerade proben sie „Atemlos“, auf den Song haben sie sich schnell geeinigt. Und nun versuchen sie, dem Original recht nahe zu kommen – mit Hilfe der entsprechenden Apps auf den Tablets und Medinas Stimme. Ein bisschen Übung ist noch nötig, damit die Einsätze stimmen und die Trefferquote der Töne bei 100 Prozent liegt, trotzdem haben sich die Mädchen schon mal Künstlernamen für ihren Auftritt ausgedacht: Grolly und Grilly zum Beispiel, Amelie hat sich für eine etwas ausgefallenere Variante entschieden und nennt sich Mailifesint, natürlich englisch ausgesprochen.

Viele Schulen wiegeln ab

Seit 2010 bietet Matthias Krebs an Berliner Schulen Appmusik-AGs an, Arbeitsgemeinschaften, in denen Schüler lernen, mit Smartphones und Tablets zu musizieren. App2music heißt das Projekt, für das dem diplomierten Musik- und Medienpädagogen, der überdies auch eine Ausbildung zum Opernsänger hat, am Sonnabend in Berlin der Dieter Baacke Preis in der Kategorie „Projekte von und mit Jugendlichen“ verliehen wurde. Mit diesem Preis zeichnen die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur und das Bundesfamilienministerium jedes Jahr herausragende Medienprojekte der Bildungsarbeit in Deutschland aus.

Entwickelt wurde das Projekt an der neu gegründeten Forschungsstelle Appmusik, die am Career College der Universität der Künste angesiedelt ist und die Krebs ebenfalls leitet. Die Musikapp-AG, die durch den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung finanziert wird, hat der Musikpädagoge bereits an sechs Berliner Schulen umgesetzt – an Grundschulen, aber auch an Gymnasien. Manche Schulen sind begeistert, wenn Krebs sein Konzept vorstellt, und es gibt Lehrer, die inzwischen schon selbst mit Tablets und Smartphones im regulären Musikunterricht arbeiten. Oft wiegeln Schulleiter aber gleich ab, wenn sie hören, welche Geräte hier zum Einsatz kommen. Ihr Gebrauch ist in den meisten Schulen untersagt, daher ist die Befürchtung groß, dass dieses Verbot durch so eine AG ausgehebelt werden könnte. Matthias Krebs wünscht sich hier mehr Offenheit, gerade weil die Kinder und Jugendlichen ja so lernen würden, dass man mit den kleinen elektronischen Begleitern nicht nur spielen und Nachrichten verschicken kann, sondern sie auch zu Kreativität anregen.

Doch die Skepsis gegenüber dem Projekt von Matthias Krebs scheint symptomatisch zu sein. Vor einigen Tagen wurde die erste internationale Vergleichsstudie zu den Computerkenntnissen von Achtklässlern veröffentlicht. Die deutschen Schüler landeten dabei lediglich im Mittelfeld. Und die Kenntnisse, die sie haben, würden sie laut den Untersuchungsergebnissen meist nicht über die Schule vermittelt bekommen. Das liegt schon allein daran, dass es oft an der Ausstattung fehlt, aber auch die Lehrer sind nur an wenigen Schulen entsprechend ausgebildet.

Für die fünf Mädchen an der Kreuzberger Grundschule waren die Tablets im Nawi-Raum auch erst mal ungewohnt, und sie wussten nicht, was sie bei der AG erwartet. „Aber ich war neugierig“, sagt Amelie und findet das Angebot jetzt „cool“. Sie spielt den Bass, und das mit großer Verlässlichkeit. Ennie und Melina, die neben ihr stehen, schauen immer mal wieder auf ihre Finger, um selbst wieder in den Takt zu finden. Melina hat schon ein eigenes Tablet geschenkt bekommen, und seit sie bei der AG ist, versucht die Neunjährige, damit auch manchmal zu Hause Musik zu machen.

Erstes digitales Orchester in Berlin

Und Katy, die sich bislang noch gar nicht mit Musik beschäftigt hat, wünscht sich nun – nach ihrem Cello-Einsatz auf dem Tablet – auch mal auf dem richtigen Instrument zu spielen. Matthias Krebs freut sich über solche Reaktionen. „Auch Kinder, die keinerlei musikalische Erfahrungen haben, lernen hier sehr schnell“, erklärt er. Oft ist die Scheu ja groß, ein Instrument zu erlernen, allein schon wegen der Kosten. Er stellt aber gleich klar, dass dies nur ein Anfang ist: In der Appmusik-AG können Kinder überhaupt erst einmal erfahren, wie einzelne Instrumente klingen, das Spiel auf dem richtigen Instrument können sie über den Bildschirm aber nicht lernen.

Seit 2009 beschäftigt sich Matthias Krebs mit Appmusik, also mit Anwendungsprogrammen, die es ermöglichen, ein Tablet oder Smartphone zum Musikinstrument umzufunktionieren, die ein Mischpult ersetzen oder mit denen es sich sogar komponieren lässt. Krebs hat sich dabei selbst auf Entdeckungsreise begeben und neben dem Projekt app2music auch das DigiEnsemble Berlin gegründet, ein Orchester, bestehend aus Musikern verschiedener Genres, die hier auf Tablets und Smartphones spielen. Zwei Jahre zuvor hatte sich an einer Universität in Kalifornien zwar schon einmal ein Handy-Orchester gebildet, aber nur als temporäres Projekt. Das DigiEnsemble Berlin ist bislang das einzige professionelle und ständige App-Orchester der Welt. Es ist schon im Gewandhaus Leipzig und im Berliner Dom aufgetreten.

Auch die Appmusik-AG probt für ihren ersten Auftritt. Ein bisschen aufgeregt sind die Mädchen schon, denn in aller Öffentlichkeit wollen sie natürlich nicht ihren Einsatz verpassen oder den falschen Punkt auf dem Bildschirm erwischen. Regelmäßig organisiert Matthias Krebs mit den Schülern solche Präsentationen, um Interesse für sein Projekt zu wecken und mehr Kindern einen neuen Weg zur Musik zu erschließen.