Vandalismus oder politisch motiviert?

Am Spreeufer liegt das Gedenken an die Mauertoten in Scherben

Sie nahmen den Weg durch das Wasser, um dem DDR-Regime zu entkommen. Jetzt haben Unbekannte die Gedenktafel für die Mauertoten am May-Ayim-Ufer zertrümmert. Polizei und Senat sind alarmiert.

Foto: Steffen Pletl

Es ist der Abend des 5. Oktober 1961, als Udo Düllick die Nase voll hat. Von der Unterdrückung in diesem Staat, der sich demokratisch nennt, der Mauer, die seine Stadt teilt, der gesamten DDR. Ein Taxi bringt ihn zur Warschauer Straße in der Nähe der Oberbaumbrücke. Die Spree ist eiskalt.

Düllick legt seine Kleidung ab und schwimmt los. Im Bericht der West-Berliner Polizei heißt es später, dass der Unbekannte vermutlich durch Ertrinken starb.

Heute liegt die Erinnerung an diesen Tag in Scherben. Am Flussufer, das heute May-Ayim-Ufer heißt, steht Schwester Maria-Gratia und schaut auf das Wasser. Die Ordensfrau der katholischen Kirche heißt mit bürgerlichem Namen Irene Düllick, Udo war ihr Halbbruder. Vor der 70-Jährigen auf dem Boden befinden sich die Überreste der Gedenktafel mit den Namen der Menschen, die hier wie Udo Düllick umkamen.

Unbekannte zerstörten eine der beiden Tafeln aus Glas, auch die Gedenkstele daneben wurde beschmiert. Die zweite Tafel blieb unbeschädigt. Erschüttert ist Maria-Gratia nicht. „In Berlin gibt es nun mal Randalierer“, sagt sie.

Der Senat ist eingeschaltet

Kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls reagieren die Behörden schnell. Der Senat ist eingeschaltet. „Die Infotafel wird jetzt in die Reparatur gebracht“, sagt Sascha Wenzel von der Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten. „Wir sind bemüht, dass sie bis zum 9. November wieder an ihrem Platz steht.“ Vandalismus an den Mauergedenkstätten kämen immer wieder vor, gerade an Orten mit viel Publikumsverkehr wie in der Gegend um die Warschauer Straße.

Angestoßen durch die Morgenpost-Recherche ermittelt seit Mittwochmittag auch die Berliner Polizei wegen Sachbeschädigung. Eine politisches Motiv wird nicht ausgeschlossen, deshalb wurde der Staatsschutz hinzugezogen.

Aus dem Umfeld der Angehörigen kommt Kritik. Warum wurde die Stele schon vor Wochen beschmiert, aber nicht gereinigt? Müssten die Verantwortlichen in Friedrichshain-Kreuzberg nicht mehr auf die Gedenkstelle achten?

Das Bezirksamt verweist auf die vielen Partygänger in der Gegend. Man könne dort nicht permanent Patrouille laufen. Man bitte aber um Hinweise bei solchen Vorfällen, heißt es.

Offene Kritik gegen das SED-Regime

Schwester Maria-Gratia geht es mehr darum, dass die Geschichte ihres Bruders nicht in Vergessenheit gerät. Udo Düllick wird 1936 in Werder bei Strausberg geboren. Er gilt als intelligent, aufmüpfig. „Er war eine echte Persönlichkeit“, sagt Maria-Gratia. Dass er vom SED-Regime nichts hält, zeigt er offen. „Er ist immer extra spät zu den Wahlen gegangen, weil er wusste, dass das nicht gern gesehen wird“, erinnert sich seine Schwester.

Auch nachdem die Grenze dicht ist, ist Düllick überzeugt, immer einen Weg in den Westen zu finden. Er studiert in Dresden Bauingenieurwesen und arbeitet bei der Reichsbahn. Bei einer Betriebsfeier gerät er mit einem Vorgesetzten aneinander, Berichten zufolge soll er ihm die Schulterstücke der Reichsbahnuniform abgerissen haben. „Kurz darauf haben wir den Anruf bekommen, dass er entlassen sei“, sagt Maria-Gratia.

Da ist Udo schon auf der Flucht. Er gilt als guter Schwimmer, doch er schafft es nicht. Die Grenzposten schießen, doch am Ende stirbt er an Erschöpfung. Kurz vor dem rettenden Ufer.

Düllick geht als siebter Mauertoter in die Geschichte ein. Sein Fall erregt im Westen große Aufmerksamkeit. Zu seiner Beerdigung kommen 2500 Menschen, das Radio überträgt live. Am Spreeufer wird ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Dem unbekannten Flüchtling“ gesetzt. Denn über Wochen bleibt Düllicks Identität unklar.

Die Angehörigen werden geschützt

Bekannte aus dem Westen kommen schließlich an die Überreste seiner Kleidung und verschicken sie. „Meine Mutter wusste sofort: Das ist Udos Oberhemd“, sagt Maria-Gratia. In der Familie wird nicht viel über die Tragödie gesprochen, „aber meine Eltern haben sehr gelitten“. Im Westen wird Düllicks Name geheim gehalten, um die Angehörigen im Osten zu schützen.

Der Stein für den „unbekannten Flüchtling“ steht bis heute, 2011 kamen die Gedenktafeln dazu. Für Monica Geyler-von Bernus steht der Name Udo Düllick sinnbildlich für die Gedanken aller DDR-Bürger, die hier in der Spree ums Leben kamen. „Ihnen erschien der Gang über das Wasser als möglicher Weg“, sagt die Mitgründerin des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart.

Insgesamt seien 15 Menschen bei ihrem Fluchtversuch gestorben. „Die Gedenkstätte ist auch deshalb besonders, weil das eine sehr hohe Zahl ist.“ Unter den Toten befanden sich auch fünf Kinder, die beim Spielen ins Wasser fielen. Einer von ihnen war der fünfjährige Cetin Mert. Die West-Berliner Polizei war alarmiert, durfte aber auf der Ost-Seite nicht eingreifen. Von Seiten der DDR-Grenzposten kam keine Hilfe.

Erst danach einigen sich Senat und DDR-Regierung auf ein Abkommen über Rettungsmaßnahmen in den Grenzgewässern.

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