Interview

Warum Jim Avignon sein Bild auf der Berliner Mauer übermalte

In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion hat Jim Avignon sein eigenes Mauer-Bild aus dem Jahr 1991 übermalt. In Interview spricht er über die Beweggründe, neue Mauermalerei und das Gesetz der Straße.

Foto: SCHROEWIG/CS / picture-alliance / SCHROEWIG/CS

Jim Avignon ist bekannt für seine künstlerische Massenproduktion. In kürzester Zeit produziert der deutsche Pop-Art-Künstler eine Vielzahl von Bildern, die er zu günstigen Preisen verkauft oder verschenkt. Sozialisiert durch die Berliner Techno-Szene der Post-Wende-Zeit, soll seine Schnelligkeit auch Ausdruck des Lebensgefühls dieser Generation sein. Zu seinen Werken auf der Straße pflegt der Street Artist ein lockeres Verhältnis – was auch seine jüngste Aktion an der Berliner East Side Gallery erklärt.

Berliner Morgenpost: Wie kamen Sie auf die Idee, Ihr Bild an der East Side Gallery zu übermalen?

Jim Avignon: Erst einmal ist das gar nicht mehr mein Bild. Ich habe mein ursprüngliches Bild im Jahr 1991 übermalt. Später wurde es dann von Kunsthochschülern wieder zurückgemalt. Meine emotionale Bindung zu dem Bild ist daher nicht sehr groß. Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, das Werk erneut zu übermalen. Und dann kam Arte mit der Idee auf mich zu, einen Flashmob anzuzetteln.

Verstehen Sie die Kritik, die gegen Ihre Aktion geäußert wird?

Wer auf der Straße malt, weiß, dass seine Bilder nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Ich habe schon überall auf der Welt gezeichnet, und oft wurden meine Bilder nach einer Zeit von anderen Künstlern übermalt. Das ist okay – so funktioniert das Gesetz der Straße. Es ist reaktionär, einen alten Zustand krampfhaft aufrechtzuerhalten. Deswegen habe ich mich auch von Anfang an nicht an den Renovierungsarbeiten an der East Side Gallery beteiligt.

Was erhoffen Sie sich davon, nun ein neues Bild an der East Side Gallery erschaffen zu haben?

Ich möchte damit gern eine Diskussion anregen – aber niemanden bevormunden. Ich hänge einfach nicht sehr an meinem Bild, das ich mit Anfang 20 erschaffen habe. Ich habe mich als Künstler weiterentwickelt und käme mir albern vor, ein altes Werk noch einmal Strich für Strich nachzuzeichnen. Aber das soll jeder Künstler für sich selbst entscheiden. Es könnte doch eine charmante Idee sein, jedes Jahr die Mauer für Künstler aus aller Welt neu auszuschreiben. So könnte man den sich ständig wandelnden Zeitgeist gut einfangen.

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