Bitcoins

In Kreuzberg kann man auch mit virtuellem Geld zahlen

Im Berliner Graefe-Kiez gehört das virtuelle Geld Bitcoin bereits zum Alltag. Alles was man braucht ist ein Handy und eine App. Ein Besuch bei den Vertretern einer neuen digitalen Währung in Kreuzberg.

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Auf den ersten Blick sieht die Graefestraße aus wie andere Straßen in Kreuzberg. Eine Mischung aus Gründerzeithäusern und sozialem Wohnungsbau. Nur wer genau hinsieht, entdeckt an den Fenstern von Läden und Kneipen einen unscheinbaren schwarz-weißen Aufkleber: „Bitcoins accepted“ steht darauf. Die kryptische Botschaft weist die Graefestraße und das umliegende Viertel als einen Ort aus, an dem sich Revolutionäres tut. Eine Finanz-Revolution.

Die Geschäfte des Graefe-Kiezes akzeptieren eine zweite Währung neben dem Euro, eine Währung ohne Zentralbank und Regierungskontrolle. Der Name dieses Geldes verweist auf seine Herkunft: Zum englischen Wort für Münze „coin“ gesellt sich die Silbe „bit“, die in der Informatik eine Menge von Daten bezeichnet. Tatsächlich ist der Bitcoin eine Währung aus dem Internet. Eine, die nicht an ein Land gebunden ist, international verwendet werden kann.

Das „Room77“ an der Graefestraße war 2011 eine der ersten Kneipen weltweit, die Bitcoins akzeptieren. Das hat das Burger-Lokal zu einem Anziehungspunkt für Tech-Freaks aus aller Welt gemacht. Abends herrscht hier babylonische Vielsprachigkeit. Im weichen Licht von Kerzen werden MacBooks aufgeklappt. Ein scharfer Firecracker („The Burger that fights back!“) kostet zwölf Euro – oder rund 0,12 Bitcoins.

„Die Ursprungsidee war, eine weltweite freie Währung zu schaffen“, sagt Jörg Platzer, der Inhaber des „Room77“. Platzer könnte auch einen Saloon im Wilden Westen führen. Statur und Gestus des 46-Jährigen mit dem markanten Kinn passen zu einem harten Kerl der „Frontier“, des amerikanischen Grenzlands im 19. Jahrhundert. Fehlen nur Cowboyhut und die Lederweste.

Digitale Währung im Kiez akzeptiert

Neben dem „Room77“ akzeptieren gut zwei Dutzend Läden rund um die Graefestraße das digitale Geld. „Es hat eine Weile gedauert, bis die Gewerbetreibenden davon überzeugt waren“, sagt Platzer. Es war seine Idee, das Projekt vor zwei Jahren „Bitcoin-Kiez“ zu nennen. Dazu gehören neben Kneipen und Cafés unter anderem ein Lebensmittelgeschäft, ein Plattenladen und ein Copyshop. „Die technische Abwicklung ist denkbar einfach“, sagt Cassandra Wintgens, Chefin des Feinkost-Bistros „Lekkerurlaub“. Wer mit Bitcoin bezahlen will, braucht nur ein internetfähiges Handy und eine App namens Wallet, die wie eine Börse für digitale Münzen funktioniert.

Der Käufer gibt den Betrag ein, scannt mit seinem Handy den QR-Code des Verkäufers und drückt auf Senden. Auf dessen Tablet oder Laptop erklingt zur Bestätigung das Klimpern von Geldstücken, Transaktion abgeschlossen. Mit der Bestätigung ist das Geld in der Kasse des Verkäufers wie bei Bargeld. Auch was die Kosten angeht, sind die digitalen Münzen eher mit Bargeld als mit Kreditkarten zu vergleichen. „Anders als bei Kreditkartenfirmen fallen nur minimale Gebühren von unter einem Cent an. Auch Rückbuchungen sind nicht möglich“, wirbt Platzer für seine Idee.

Damit etwas als Währung fungieren kann, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: Es darf nicht beliebig vermehrt werden, es muss fälschungssicher sein, und es muss allgemeine Akzeptanz als Tauschmittel finden. Für die ersten beiden Probleme präsentierte der japanische Programmierer Satoshi Nakamoto 2009 eine Lösung: Sein Algorithmus erlaubte es einem Netz von Computern, fälschungssichere Einheiten (digitale „Münzen“) zu erzeugen, die sich in Sekundenschnelle ohne Bankkonto transferieren lassen.

Sicher vor Fälschungen

Fälschungssicher sind Bitcoins dadurch, dass sie nicht an einem bestimmten Ort, sondern im Netzwerk abgelegt sind. Als schwieriger erweist es sich da, Bitcoins allgemein bekannt zu machen. Schließlich steht dahinter kein Staat, der sie als gesetzliches Zahlungsmittel protegiert. Waren es am Anfang nur ein paar Computer-Freaks wie Platzer, die sich der digitalen Münzen bedienten, um sich Beträge zu überweisen und online zu kaufen, so hat das Interesse zuletzt zugenommen.

Die Eigenheit des Bitcoin, kein Papiergeld zu sein, bedeutet jedoch nicht, dass die digitale Währung wertstabil wäre gegenüber offiziellen Zahlungsmitteln wie Euro oder Dollar. Die Legende will, dass die erste Transaktion in der echten Welt 2009 der Kauf von zwei Pizzas für 10.000 Bitcoins war. Seither ist der Preis erheblich gestiegen. Heute sind 10.000 Bitcoins rund eine Million Euro wert. Die Wertexplosion des Bitcoin ging mit heftigen Schwankungen einher.

Florentina Mertens gehört das „Floor’s“, ein kleines Café an der Schönleinstraße in Kreuzberg, unweit des „Room77“. Auch hier prangt der Hinweis „Bitcoins accepted“ an der Tür. Die junge Holländerin betreibt das „Floor’s“ seit einem halben Jahr. Das Interesse an Bitcoins habe deutlich zugenommen, berichtet sie. „Am Anfang hatten wir einmal im Monat einen, der mit Bitcoins bezahlen wollte. Mittlerweile mindestens einmal pro Woche.“ Große Umsätze macht sie mit Bitcoins noch nicht.

Viele Touristen kommen allein wegen der digitalen Währung in das Viertel. Mertens erzählt von Touristen aus Italien und den USA, die von dem Kiez gelesen hatten. „Ein Pärchen aus San Francisco wollte hier ausprobieren, ob es sich allein mit Bitcoins durchschlagen kann.“ Tatsächlich sind Bitcoins in der echten Welt vermutlich nirgendwo so präsent wie in Berlin. Eine Reihe von jungen Internetfirmen haben sich hier angesiedelt, die mit Programmen und Produkten rund um das digitale Geld verdienen wollen. Von Gewinnen sind die meisten Start-ups weit entfernt. Optimisten sprechen davon, die Gründerstadt Berlin habe die Chance, eine Art Bitcoin Valley zu werden.

Wenn der Bitcoin wirklich das Geld der Zukunft werden will, muss er aber eine größere Anhängerschaft finden. Berlin mag die Bitcoin-Hauptstadt der Welt sein, doch selbst hier ist das Volumen der Geschäfte im Vergleich mit den Volumina des gesamten Einzelhandels und der gesamten Gastronomie marginal. Selbst im „Room77“ zahle allenfalls ein Fünftel der Kunden mit den digitalen Münzen, gibt Platzer zu. „Geld ist der Bitcoin erst dann, wenn sich die Leute damit ganz entspannt ein Feierabendbier gönnen.“ Bis es so weit ist, ist das „Room77“ noch ein Saloon im Wilden Westen des Geldes.

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