Kreuzberger Quote

Mendelssohn-Platz wird nun weiblich und männlich

Nach der Namensdebatte um den Platz vorm Jüdischen Museum haben sich die Bezirksverordneten auf Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz geeinigt - ein Kompromiss zwischen Museum, Frauenquote und Politik.

Foto: picture alliance / Hans Joachim Rech

Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz – ein bisschen unbequem ist der Name ja schon, aber immerhin: Es gibt ihn. Zuletzt haben sie sich doch auf einen Namen für den Platz vor der künftigen Akademie des Jüdischen Museums geeinigt, die Kreuzberger Bezirkspolitiker. Vielleicht waren die bösen Schlagzeilen eine Art Weckruf. Von „Kreuzberger Kleingeist“ und „deutschem Regelungswahn“ war die Rede, und das ausgerechnet in der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg, wo die Grünen Mehrheit und Bürgermeister stellen. Und wo es Ausschüsse gibt mit Namen wie „Frauen, Gleichstellung und queer“.

Jener war es auch, unter anderem, der sich quer gestellt hatte, im Streit, pardon, der angeregten Diskussion um den neuen Platz vor dem Jüdischen Museum an der Lindenstraße. Dort wird im Mai die Akademie des Museums eröffnet, die zu Migration und Interkulturalität forschen und lehren wird. Das Museum hatte vorgeschlagen, den Platz nach Moses Mendelssohn zu benennen, den großen Berliner Philosophen und Aufklärer des 18. Jahrhunderts. Problem: Er war keine Frau.

Der Philosoph war nicht weiblich genug

Kreuzberg aber hat eine Frauenquote. Sie gilt in allerlei Bereichen und seit 2005 auch für neue Straßen und Plätze. Diese sollen so lange nach Frauen benannt werden, bis Gleichstand erreicht ist. In Kreuzbeg gibt es immerhin schon fünf Straßen mit Frauennamen – bei rund 350 männlichen Namenspaten. Da hätte man sagen können: Nun ja. Zumal immer wieder auch andere Straßen nach Männern benannt wurden. Seit 2008 heißt ein Teil der Kochstraße Rudi-Dutschke-Straße – auf Betreiben der Tageszeitung „Taz“, die dort ihr Redaktionsgebäude hat. In Friedrichshain wird in diesen Tagen die Gabelsbergerstraße in Silvio-Meier-Straße umbenannt. Meier, der der links-alternativen Szene angehörte, war 1992 am U-Bahnhof Samariterstraße von einem Neonazi erstochen worden. In beiden Fällen wurde um die Namen heftig gestritten und auch juristisch geklagt. Nur von Frauenquote war nicht die Rede.

Bei Moses Mendelssohn war das anders. Zwar entsprach er eigentlich allen Kreuzberger Kriterien. Er hat einen „Migrationshintergrund“, wenn man so will, die Nationalsozialisten tilgten seinen Namen aus dem Stadtbild, er ist bis heute bekannt und berühmt – und auch nicht in den Nahost-Konflikt verwickelt. Allein: Der Philosoph war nicht weiblich genug.

So jedenfalls hörte sich die Debatte am Abend an, bevor zuletzt abgestimmt wurde. Plötzlich war nicht mehr von Quoten die Rede, sondern davon, dass es ein Glück sei, als Bezirk einen so historisch bedeutsamen Platz benennen zu dürfen. Als Alternative wurde noch eine Weile Rahel Varnhagen diskutiert – die Berliner Schriftstellerin habe in ihren Salons eine Welt ohne gesellschaftliche und religiöse Schranken gelebt. Aber war sie zum Schluss nicht frustriert zum Christentum konvertiert?

Vorbild für „Nathan, den Weisen“

Wie lässt sich das mit dem Kreuzberger Anspruch auf Vielfalt statt Anpassung vereinen? Für einige Grüne kein Problem, für andere schon, ebenso wie für die CDU. „Varnhagen wäre ein Affront an diesem Ort“, so rief Timur Husein von der CDU Kreuzberg in den Saal – er sei für Moses Mendelssohn. Während für die C-Partei ein muslimisches Mitglied für den Juden vorsprach, verlegte sich die SPD auf ein Lieblingsthema der CDU: die Ehe. Jene von Fromet und Moses Mendelssohn sei glücklich gewesen, was man daran erkenne, dass sie viele Kinder bekommen hätten. Also: Warum nicht beide aufs Straßenschild?

Zum Schluss verteidigte sich der Gleichstellungssausschuss, vertreten durch einen Mann, gegen den „Vorwurf der stalinistischen Haltung“ und nannte das für alle ausschlaggebende Argument: Eine Straße darf nicht benannt werden, ohne die Anwohner zu hören. Und da der Platz nur einen Anlieger hat – das Museum – war die Sache schnell klar. Das Museum wiederum hat signalisiert, es könne mit dem Kompromiss leben.

Moses Mendelssohn war jüdischer Gelehrter, Schüler Rousseaus und Freund Lessings, der ihn als Vorbild für „Nathan, den Weisen“ nahm. Der große Gedanke der Aufklärung war, das Kleingeistige niederzuringen. Möglich, dass die Bezirksverordneten sich dessen besonnen haben. Die Abstimmung dauerte dann nur wenige Minuten.