Technologiepark

Neue Lebensader zwischen BBI und Tempelhof

Wenn am BBI in Schönefeld der Flugbetrieb startet, entsteht im Südosten ein neuer Haupteingang nach Berlin. Und für die Wirtschaft öffnet sich eine neue Hauptschlagader: Die A113 verbindet den Airport mit dem boomenden Technologiepark Adlershof und dem Flugfeld Tempelhof, das schon jetzt die Fantasien der Planer beflügelt.

Foto: WISTA-MG - www.adlershof.de.

Die Stadt steht bald Kopf. Wenn in wenigen Jahren die Jets am Flughafen Berlin-Brandenburg International in Schönefeld Besucher abladen, entsteht im Südosten ein neuer Haupteingang, ein neues Entree in die Metropole. Und für die Wirtschaft Berlins bildet sich eine neue Hauptschlagader: Längs der neuen Autobahn A113 entsteht Berlins „Cash Korridor“, wie Stadtplaner die Zone bereits hoffnungsfroh nennen. Bis zum Hauptbahnhof soll der neue Entwicklungsraum ausstrahlen.

Dynamisch wachsende Zentren für Investitionen reihen sich wie Perlen an der Kette entlang der neuen Autobahn, die am 23. Mai für den Verkehr freigegeben wird. Das Gewerbegebiet um den BBI, der Vorzeige-Technologiepark Adlershof, das Tempelhofer Flugfeld mit neuen Nutzungen, bis hin zur zentralen Zone der Stadt mit dem noch immer ziemlich frei an der Spree stehenden Hauptbahnhof. Selbst der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sprach neulich von den positiven Effekten, die der neue Kraftraum selbst auf Gebiete wie Oberschöneweide, die östlich der Spree liegen, haben werde.

Neues Stadt-Entree im Südwesten

Der Blick auf die Stadt wird sich verändern. Nicht mehr Charlottenburg und Messegelände, wie nach der Landung in Tegel, werden den Eindruck von Millionen Besuchern prägen, sondern der High-Tech-Park Adlershof. „Wir sind die erste Abfahrt nach BBI“; sagt Hardy Schmitz, Chef der Wista, der städtischen Gesellschaft, die den Technologiepark managt. Die Entscheidung für BBI und die letztinstanzliche Gerichtsentscheidung für den Bau 2005 habe bereits zu einem „deutlichen Nachfrageschub“ in Adlershof geführt. Rund um den neuen Groß-Flughafen sollen nach den Prognosen der Planer rund 40000 Jobs entstehen, zum Teil natürlich auch von Flughafen-nahen Firmen, die ihren Sitz von Tegel in den Südosten der Stadt verlegen werden.

Internationale Projektentwickler haben sich bereits die ersten Grundstücke gesichert. „Der große Andrang beginnt üblicherweise drei Jahre vor der Eröffnung eines neuen Flughafens“, sagt Detlef Stronk, Chef der Zukunftsagentur Brandenburg, die gemeinsam mit Berlin Partner die Vermarktung der Flächen rund um BBI vorantreibt. Nach dieser Prognose müsste jetzt der Startschuss für die ersten größeren Ansiedlungen erfolgen. Denn offiziell wird immer noch der Herbst 2011 als Eröffnungstermin für den neuen Flughafen hochgehalten. Skeptiker befürchten jedoch, dass sich der Bau verzögern könnte. Dass die wirtschaftliche Entwicklung rund um einen Flughafen für 25 Millionen Passagiere letztlich ausbleibt, glaubt niemand.

Erste Ausfahrt Adlershof

Drei Autobahnkilometer nördlich der Abfahrt „Flughafen BBI“, jenseits des Tunnels unter der Rudower Höhe, sehen die Adlershofer die Zukunft schon konkreter als die Planer am Flughafen. Nach 18 Jahren steht das Gebiet vor einem qualitativen Schub, sagt Gerhard Steindorf, der in Adlershof den von der Stadt subventionierten Ausbau der Infrastruktur verantwortet. „Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem man den zweiten Aufbruch braucht“, sagt Steindorf.

Ging es hier bisher vor allem um kleine Technologiefirmen, Ausgründungen von Tüftlern aus den Labors der Universitäten und Forschungsinstituten, die auf dem Humus der Wissenschaftsszene lebensfähig wurden, soll nun die Industrie nach Adlershof kommen. Nicht mehr die alten Werkhallen, wo es kracht und zischt. Aber Pilotproduktionen, kleine Serien und komplizierte Technologien in Reinräumen. „Der Wirtschafts- und Technologiepark ist weitgehend entwickelt“, sagt Wista-Chef Schmitz. Künftig muss er großflächiger denken. Grundstücke von 25.000 Quadratmetern sind im Angebot, ideal für mittelgroße Werkhallen.


Dafür hat Immobilienentwickler Steindorf im Auftrag der Stadt 250.000 Quadratmeter längs der S-Bahn-Trasse vom Stinnes-Konzern erworben und den Groß-Berliner Damm als neue Erschließungsstraße angelegt. Darüber hinaus merken die Adlershofer nach Jahren der positiven Geschichten über zweistellige Wachstumsraten und steigende Beschäftigung das Interesse von Immobilieninvestoren an ihrem Standort. Die Bahn hat den Schatz entdeckt, den ihre 250.000 Quadratmeter aufgelassener Gleisanlagen südlich des Betriebsbahnhofs Schöneweide darstellen. Mit den Planern des benachbarten Entwicklungsbietes Adlershof laufen Gespräche, um bei der Vermarktung zusammenzuarbeiten. Auch die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft hat begonnen, ihre vergammelten Hallen im Gebiet abzutragen und das Grundstück herzurichten. „Adlershof kann sich locker verdoppeln“, sagt Wista-Chef Schmitz. Bisher arbeiten rund 14.000 Menschen im Gebiet. Das Wachstum war 2007 wieder zweistellig, Hunderte neuer Jobs sind entstanden. Genaue Zahlen nennt die Wista morgen.

Inzwischen ist auch eine andere Mentalität bei vielen Gründern eingezogen. War es bisher üblich, dass Forscher ihr eigenes Unternehmen mit eigenem Geld allmählich großziehen wollten, hat nun Risikokapital aus den USA den Weg nach Adlershof gefunden und einige Neustarter sogleich in eine größere Dimension gehoben. „Die Welle von Investitionen in saubere Technologien aus Kalifornien kommt an“, sagt Schmitz. Außerdem seien diverse Adlershofer Firmen inzwischen so groß geworden, dass sie sich einen eigenen Firmensitz mit Verwaltungsgebäude und Produktionshalle aufbauen wollten. Vier hätten den Schritt schon getan, mit sechs weiteren sei man in Verhandlungen, so Schmitz. Eine eigene Zone im Gebiet soll diesen neuen Mittelständlern als Domizil dienen.

Fantasien fürs Flugfeld Tempelhof

Zehn Autobahn-Minuten von Adlershof nach Nordosten liegt das Flugfeld Tempelhof, das die Planer-Fantasien beflügelt. Unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids über den weiteren Flugbetrieb ist klar, dass auf dem weitläufigen Areal etwas geschehen muss, was Berlins Wirtschaft voranbringt.

Die Pläne des Senats sind aber noch überaus vage. Profis, die sich mit dem Aufbau von profilierten Standorten auskennen, raten dazu, eine rechtlich eigenständige Gesellschaft aufzubauen, die flexibel handeln und Nachfrager aus einer Hand befriedigen kann. Die Dimension der Aufgabe ist gewaltig: Die 81 Hektar des Adlershofer Entwicklungsgebiets würden fast dreimal auf das Flugfeld passen. Allein das alte Flughafengebäude bietet mit 290.000 Quadratmetern fast so viel Platz, wie die Adlershofer jetzt neu für Produktionshallen bereitstellen wollen. Hier soll eine Adresse für Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft entstehen. In wessen Verantwortung ein solches Zentrum aufgebaut werden soll, ist ein halbes Jahr vor der vom Senat angestrebten Schließung des Airports offen. So sehen viele die Gefahr, dass in Tempelhof nur ein buntes Sammelsurium zufälliger Investitionen ohne eigene Qualität entsteht.