Samba-Gefühl und Kostüme aus Keramik

850.000 Zuschauer beim Karneval der Kulturen

Es ist schwer, aus dem Straßenumzug des Berliner Karnevals der Kulturen so richtig herauszustechen - trotzdem konnte der mit 1000 Euro dotierte "Preis der Karneval der Kulturen" vergeben werden, an die chilenische Truppe "Dulce Compania". Doch man muss sagen: Die insgesamt 101 Gruppen übertrumpfen sich bei Farbigkeit und Fantasie ihrer Kostüme gegenseitig. Mit einer Ausnahme.

Foto: DDP

Und eben weil es so schwer ist, all die Farbenprächtigkeit zu übertrumpfen, sagten sich Macher des schlesischen Projektes "Via Sudetica": "Genau das machen wir nicht.“ Und so rieben sich alle 100 Mitglieder am ganzen Körper mit hellem Lehm ein – dem Grundstoff für das Markenprodukt ihrer Heimat: Bunzlauer Keramik.


"Damit repräsentieren wir das Kulturprogramm von Bunzlau und machen gleichzeitig Werbung für die Keramikstadt“, sagt Sudetica-Sprecher Axel Eisenblätter. Schließlich gebe Lehm nicht nur schönes Geschirr ab, sondern sei, an den Körper geschmiert, auch gesund. Seine polnischen Freunde, die mit der Lehmkruste auf der Haut wie Urmenschen aussehen, nicken zustimmend und berichten begeistert vom Lehmbad, das sie sich daheim dreimal wöchentlich gönnen. Zugleich haben sie Glück, dass ihnen kein Regen den Lehm von der Haut wäscht. Anders als in den vergangenen Jahren strahlt in diesem Jahr die Sonne über dem Umzug.

Was macht der Harlekin auf den Stelzen?

Bei strahlend blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen feierten nach Veranstalterangaben knapp 850.000 Schaulustige am Sonntag den 13. Straßenumzug des Karnevals der Kulturen in Berlin. Ursprünglich hatten die Veranstalter 1,3 Millionen Zuschauer erwartet. Rund 4000 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern zogen am Nachmittag in einem kilometerlangen bunten Lindwurm durch Kreuzberg.

Während sich die Schlesier - die keinen Preis bekamen - gegenseitig mit Lehm zukleisterten, sitzt Jirí auf einem Stromkasten am Neuköllner Hermannplatz und schnürt seine Stelzen. Der Prager Schauspieler wird einen Harlekin geben, der wiederum Teil des "Hura Echt Street Puppet Theatre“ ist, das Engel, Tod und Teufel durch die Straßen schickt. Die insgesamt zehn Akteure haben vor kurzem mehrheitlich die Prager Theaterakademie Damu beendet. Jetzt stehen sie an zweiter Stelle des kilometerlangen Berliner Umzuges und warten auf ein Startsignal.

Den Preis gewinnt: die barbusige Madonna

In Sichtweite haben es die Darsteller der chilenischen "Dulce Companía" bereits auf die Stelzen geschafft und kreisen mit ausholenden Gesten zwischen den Zuschauermassen. "Wir stellen eine chilenische Prozession zum Madonnenheiligtum nach“, sagt Franziska Montecinos. Sie reiste vor zwei Wochen extra aus Chile an, um Dulce-Chefin Marjorie Chau zu helfen. Chau entwarf auch die fantasievollen Riesenkostüme, die eine barbusige Madonna, einen Teufel samt Engel, Columbine mit ihrem Harlekin, Eros und Aphrodite sowie Sonne und Wasser abbilden.

"Dulce Compania“ bekam den mit 1000 Euro dotierten Preis des Karnevals der Kulturen. Wie die Werkstatt der Kulturen als Veranstaltermitteilte, entschied sich die Jury für die Formation, die den Straßenumzug am Sonntag auf Stelzen und in prächtig ausladenden Kostümen bewältigte. Die Figuren zeigten Themen aus dem chilenischen Karneval. Die ebenfalls mit 1000 Euro dotierten zweiten und dritten Preise gingen an "Baba Jaga & The Violinist“ und an "Rios Profundos“.

Damit die "Dulce Companía" und andere Gruppen ungestört ihre Geschichten zeigen können, hat an der Spitze des Zuges Zeremonienmeister Murah Soares symbolisch die Straße gewaschen und alle Tänzer seiner 200 Leute starken "Afoxé Loni“ mit diversen Elexieren "gesegnet“. Sie alle frönen dem Afoxé, einem Tanz, der Teil einer besonders in der brasilianischen Provinz Salvador de Bahía gepflegten Religion mit afrikanischen Wurzeln ist: Candomblé. Soares’ Gruppe ist zum zwölften Mal beim Karneval der Kulturen dabei.

Wenn der Zeremonienmeister schreit

Plötzlich schreit Soares laut auf: Soeben hat er die Grande Dame der Candomblé-Forschung, Yeda Pessoa de Castro, entdeckt. Ehrfürchtig wird die brasilianische Professorin zu einer Rikscha geleitet, die sie bis zum Ende des Umzuges um 21.00 Uhr fahren soll. Um sie herum wirbeln Brasilianer, Deutsche, Skandinavier, Niederländer, die sich alle dem Afoxé verschrieben haben und von Soares choreographierte Tänze zeigen. Für ungeübte Augen sieht der durch Trommeln begleitete Tanz wie Samba aus. Aber, so belehrt der Mittänzer und Mitbegründer des Berliner "Forums Brasil“, Martin Titzck: "Afoxé ist so weit vom Samba entfernt wie Langsamer Walzer von Slow Fox“.

Inzwischen hat sich Pessoa de Castro mit Grandezza in der Rikscha niedergelassen. Ein eigens für sie komponiertes Lied ertönt. Der Straßenumzug mit 4500 Künstlern aus 80 Nationen setzt sich in Bewegung. „Das Ganze hat regelrecht Happeningcharakter“, sagt ein Polizeisprecher später.

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