Interview

Direktoren sollen Schüler kontrollieren

Berlins Innensenator Ehrhart Körting spricht sich gegen private Sicherheitsdienste an Schulen aus. Er will das Waffengesetz verschärfen und fordert mehr Sensibilität von Schulpersonal und Eltern.

Foto: MIKE WOLFF TSP / Tagesspiegel

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) fordert einen Mentalitätswechsel im Umgang mit Waffen. Damit könne man zum Abbau der Jugendgruppengewalt beitragen, sagt der Vorsitzende der Innenministerkonferenz. Körting ist seit 2001 Innensenator. Mit ihm sprach Stefan Schulz.

Morgenpost Online: Herr Körting, was halten Sie von privaten Sicherheitsdiensten?

Ehrhart Körting: Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten eine völlige Veränderung der sozialen Kontrolle erlebt. In Kaufhäusern, Hotels, der Bahn ist das Personal, das einen beraten hat, fast vollständig abgebaut worden. Dadurch ist eine Lücke in der sozialen Kontrolle entstanden, die mit dem Einsatz von Sicherheitsdiensten geschlossen wird. Insofern ist das keine Verdrängung von Polizeitätigkeit.

Morgenpost Online: Der Bezirk Neukölln will diesen Wegfall der sozialen Kontrolle an Schulen jetzt auch mit privaten Sicherheitsdiensten schließen. Was halten Sie davon?

Ehrhart Körting: Ich bin genauso skeptisch wie der Bildungssenator. Das ist höchstens für eine Übergangszeit denkbar. Bei Schlägereien auf dem Schulhof helfen aber sicherlich keine Wachleute. Das ist Aufgabe der Pausenaufsichten.

Morgenpost Online: Neukölln will vor allem schulfremde Personen davon abhalten, das Schulgelände zu betreten. Sinnvoll?

Ehrhart Körting: Ich möchte zunächst erst einmal untersuchen, welche Vorgänge es gegeben hat und wie effektiv private Sicherheitsdienste gewesen wären. Viele Schulen wollen auf ihre besonders schwierige Situation aufmerksam machen. Ich habe aber große Zweifel, ob diese Einzelfälle mit privaten Wachleuten verhindert worden wären. Wie können Wachleute beispielsweise erkennen, wer fremd an der Schule ist und wer nicht? Das wäre eine Abkehr von dem Prinzip der offenen Schule. Wollen wir das wirklich? Vielleicht wäre es besser, die Kontrolle an der Schulpforte würde der Direktor oder Lehrer übernehmen. Es gibt Schulen, an denen das so passiert.

Morgenpost Online: Das heißt, der Bezirk Neukölln übertreibt?

Ehrhart Körting: Ich finde, Neukölln setzt ein ungeeignetes Mittel ein.

Morgenpost Online: Ursache ist doch, dass die Jugendgruppengewalt 2006 um 8,4 Prozent stieg. Eskaliert die Situation?

Ehrhart Körting: Von 2001 bis 2005 haben wir einen kontinuierlichen Rückgang der Jugendgruppengewalt registriert. Im vergangenen Jahr ist die Zahl dann wieder gewachsen, vor allem durch Raubtaten und Körperverletzungen, die jeweils um zehn Prozent anstiegen. Das kann uns nicht befriedigen.

Morgenpost Online: Unternimmt denn der Senat genug? Wie steuern Sie dagegen?

Ehrhart Körting: Wir wollen, dass Kinder früher in die Kitas kommen. Wir dürfen sie auch nicht sich selbst überlassen. Mit der Einführung der Ganztagsschule versuchen wir gegenzusteuern. Vieles ist auch auf Mentalitätsprobleme zurückzuführen: Wenn ich aus einer gewalttätigen Familie komme, gehe ich bei der Diskussion von Problemen auch ganz anders vor. Hinzu kommen Familien, in denen Jungen zu kleinen Machos erzogen werden. Da spielt auch das Verhältnis zu Waffen eine Rolle.

Morgenpost Online: Ist das der Grund, warum Sie das Waffengesetz ändern und Messer ganz verbieten wollen?

Ehrhart Körting: Ja. Wir brauchen einen Mentalitätswechsel im Umgang mit Waffen. Es muss klar sein, dass es nicht schick ist, ein Klappmesser am Gürtel zu tragen. Dazu gehört als ein Teil eine Gesetzesänderung in diesem Bereich. Das muss aber auch weiter gehen. Wir werden überschüttet mit Gewaltdarstellungen, im Fernsehen, in den Medien, durch Killerspiele.

Morgenpost Online: Braucht man mehr Verbote?

Ehrhart Körting: Ich glaube nicht, dass wir alles verbieten sollten. Aber wir sollten eine höhere Sensibilität walten lassen. Wenn ich zulasse, dass meine Kinder bis 24 Uhr vor dem Fernseher Gewaltfilme gucken, kann das Fehlverhalten hervorrufen. Das sagt doch der gesunde Menschenverstand, dass eine Verrohung auftritt, wenn ich permanent brutalen Bildern ausgesetzt bin. Das sollten Eltern besser kontrollieren. Sonst versündigen sie sich an ihren Kindern.

Morgenpost Online: Noch eine andere Frage: Wie sieht es aktuell mit der Terrorgefahr aus?

Ehrhart Körting: Die abstrakte Gefahr ist sehr hoch. Deutschland steht auch im Fokus islamischer Terroristen. Man muss sich bewusst sein, dass jederzeit auch hier ein Anschlag möglich ist. Konkrete Hinweise auf Anschläge in Berlin gibt es aber nicht.