Rauchverbot

Tabak für Jugendliche? Kein Problem

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Patrick Goldstein und Mathias Stengel

Foto: al_ae/kd / dpa-Zentralbild

Seit dem 1.September gilt das „Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens". Doch nicht überall ist angekommen, dass Taxis qualmfrei bleiben müssen und Jugendliche unter 18 Jahren keinen Tabak konsumieren oder kaufen dürfen. Morgenpost Online hat den Test gemacht.

In den Bezirksämtern Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf, Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf versicherten die Verantwortlichen gestern zwar die Bereitschaft, Jugendliche und Nichtraucher zu schützen. Problematisch sei dies aber bei der viel zu schlechten personellen Ausstattung der Ordnungsämter, die für die Kontrollen zuständig sind. Die für die Ordnungsämter verantwortlichen Stadträte bemängeln zudem, dass es noch immer keine Durchführungsbestimmung des Senats zu der neuen Regelung gebe. Sie sei aber die Voraussetzung, um Verstöße ahnden zu können. Aus der Innenverwaltung hieß es dazu: „Im Hause findet gerade ein Prüfung statt, wie mit dem Gesetz beziehungsweise der Zuständigkeit umgegangen werden soll.“

Wird also auf Bahnhöfen, in Taxen und öffentlichen Gebäuden genauso ungehemmt geraucht wie vor dem 1. September? Bekommen Jugendliche unter 18 Jahren Zigaretten zu kaufen? Die Morgenpost Online-Reporter waren im Selbstversuch unterwegs – und machten erstaunliche Erfahrungen.

Meilenweit für ein Taxi unterwegs

Auf der Suche nach einem Taxi, das uns samt glimmender Zigarette mitnimmt, bewahrheitet sich ein alter Slogan der Tabak-Werbung, der von „meilenweitem“ Laufen für die Marke kündet. Denn wer heute noch rauchen will, muss laufen. Der erste Fahrer zuckt bedauernd die Schultern, auch bei seinen Kollegen prangt deutlich sichtbar an Fenstern und Kopfstützen das Symbol mit der durchgestrichenen Zigarette.

Auf der Kreuzberger Urbanstraße steigen wir zu und haben kaum das Feuerzeug gezückt, als der Chauffeur schon mit weit aufgerissenen Augen einschreitet – schweren Herzens. Als Nächste verneint eine iranische Fahrerin. In ihrem Wagen dulde sie auch ohne Behördenverbot keinen Qualm.

Wie gut das Rauchverbot angenommen wird, zeigt auch der Test auf Berlins U-Bahnhöfen, wo dies schon lange üblich ist. Nur bei genauem Hingucken entdeckt der Suchende etwa auf der Station Mehringdamm vereinzelt Raucher, doch sind dies ausschließlich Männer mit Bierflasche in der Hand. Wer sich dort eine Zigarette anzündet, wird von anderen Fahrgästen zwar nicht zurecht gewiesen. Doch naht der Wachschutz mit Schäferhund, machen sich die Untergrund-Raucher schnell aus dem Staub.

Zuletzt kommen wir doch noch zum Zug an der Zigarette: Genaue Observation der Fahrer in einer langen Taxischlange auf der Gneisenaustraße führt uns zum Richtigen: kein Miesmacher-Aufkleber am Wagen. Der Mann in Schwarz verliert kein Wort, als wir das Fenster herunterkurbeln und das Feuerzeug aufflammen lassen. Er sei der erste, der uns das lebensgefährliche Vergnügen erlaube, schmeicheln wir. „Gilt das Verbot schon?“, fragt er zurück. „Gibt's da eine Übergangszeit?“ Aber er sieht auch etwas Positives in der neuen Regelung: „Gar nicht schlecht, dass das jetzt verboten ist“, gibt er zu, „ich qualme eh' zuviel“.

Zigarettenverkauf erst an Erwachsene ab 18 Jahren, wie sieht es damit aus? Wir waren mit zwei 17-jährigen Lockvögeln, Ricarda und Turgan, unterwegs. Im Zeitungsladen an der Ecke: kein Problem. Obwohl an der Kasse ein Schild hängt, dass Tabakwaren erst ab 18 Jahren verkauft werden dürfen, schiebt der junge Verkäufer die Zigarettenschachtel kommentarlos über den Ladentisch. „Die sieht ja viel älter aus“, ist sein Kommentar, als wir ihn über das Alter unseres Lockvogels informieren.

Kellner bringt Kippen

Auch im Supermarkt ist es kein Problem, die gewünschten Zigaretten zu kaufen. „Au, Backe“, ist dort die einzige Bemerkung der jungen Kassiererin. Vollkommen wortlos gehen im Internet-Café die gewünschten Zigaretten über den Tresen. Auch im Drogeriemarkt will niemand das Alter unserer Käufer wissen. Zuletzt, im Restaurant, gibt es sogar die Zigaretten, obwohl dem Kellner zuvor von unserem Lockvogel gesagt wurde, dass er erst 17 Jahre alt ist. Fünf Versuche an die verbotene Ware zu kommen, fünf Treffer.

keywordsUnd wenn er die Zigaretten nicht im Laden bekommt, kann der rauchende Jugendliche ja immer noch zum Automaten gehen. Zwar gilt für den Zigarettenkauf am Automaten bereits seit dem 1. Januar die EC-Karte als Kontrollinstrument, das Alter des Karteninhabers ist auf dem Chip neuerer EC-Karten gespeichert und wird von Lesegeräten geprüft. Die Software ist jedoch durch die Neuregelung seit dem 1. September veraltet und muss nun für 30 Millionen Euro nachgerüstet werden. Diese Aktualisierung wird dann aber für alle Automaten erst in 16 Monaten wirksam. Peter Lind, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Tabakwaren-Hersteller, weist darauf hin, dass die Übergangsfrist erforderlich sei. „Vor uns liegt eine riesige Aufgabe, da verschiedene Softwarestände entwickelt, getestet, zertifiziert und in die Automaten eingespielt werden müssen.“

Bis dahin werden auch Minderjährige ab 16 Jahren an den mehr als 500.000 Automaten in Deutschland ihre Zigaretten nahezu problemlos erwerben können.

( Mitarbeit: Mario Vorberg )