Alkoholmissbrauch

Senat startet Jugendschutzkampagne

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Immer häufiger müssen Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung behandelt werden. 14 waren es allein in den vergangenen acht Tagen in Berlin. Mit einem Appell an die Verantwortung Erwachsener startet jetzt die Gesundheitsverwaltung eine Kampagne gegen Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen.

Die Gesundheitsverwaltung hat eine Kampagne gegen den übermäßigen Alkoholkonsum unter Berliner Jugendlichen gestartet. 500.000 Info-Karten und 50.000 Aufkleber in deutscher, türkischer und russischer Sprache appellieren an die Verantwortung der Erwachsenen und sollen Tankstellenpächter, Gaststätten- oder Clubbesitzer künftig sichtbar an den Jugendschutz erinnern. „Jede Flasche Alkohol, die Jugendliche trinken, geht durch die Hände Erwachsener“, sagte Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Mittwoch auf einer Pressekonferenz zum Jugendschutz in Friedrichshain. Sie handelten oft fahrlässig.

Kontrollen und Sanktionen

Nach Lompschers Ansicht reichen die gesetzlichen Regelungen für einen wirksamen Jugendschutz aus – auch beim Thema Alkohol. „Es gibt aber genug Erwachsene, die wenig über diese Bestimmungen wissen oder sie ignorieren“, ergänzte Lompscher. „Wir müssen über Kontrollen und Sanktionen reden und auch über Bußgelder und Gewerbeentzug.“

Der Hintergrund ist ernst genug: Immer häufiger müssen Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung behandelt werden. 14 waren es allein in den vergangenen acht Tagen in Berlin. Zuletzt am Dienstagabend fielen zwei 13 und 14 Jahre alte Mädchen einer Passantin kurz nach 18 Uhr am Wermuthweg in Neukölln auf, weil sie sich nicht auf den Beinen halten konnten. Die Jüngere erbrach sich mehrfach und sackte bewusstlos zusammen. Emilys Mutter, Kerstin H., reagierte geschockt auf den Vorfall. „Ich habe mich an diesem Abend dienstlich in Düsseldorf aufgehalten“, sagt die Hauptkassiererin einer Textilfirma. „Ich hatte gehofft, dass all die Berichte über die Alkoholexzesse meine Tochter wachgerüttelt hätten, aber leider war das nicht der Fall.“

Dabei sei es nicht das erste Mal gewesen, dass Emily mit ihrer Freundin Vivian getrunken habe. „Sie sind bereits einmal erwischt worden. Es gab damals innerhalb der Familie intensive Gespräche. Wir werden uns jetzt um eine psychologische Betreuung bemühen“, so Kerstin H. Die beiden Mädchen sollen den Alkohol bei Eltern von Bekannten gestohlen haben.

195-mal mussten Berliner Ärzte 2004 akute Alkohol-Vergiftungen bei unter 20-Jährigen behandeln. Ein Jahr später waren es bereits 274 Fälle. Besorgniserregend, so Gesundheitssenatorin Lompscher, sei vor allem das sinkende Alter und die Menge, die im Einzelfall getrunken werde. Und das, obwohl der Alkoholkonsum in der Gesamtbevölkerung seit Jahren zurückgeht.

„Die Sensibilität für das Thema ist gestiegen“, so die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. Aber die Jugendkultur habe sich verändert. „Es ist offenbar ein Trend, sich zu betrinken.“ Von einer „Art Sport“ spricht auch Jörg Kreutziger. Der Sozialpädagoge kümmert sich beim Projekt HaLT (Hart am Limit) um alkoholgefährdete Kinder und Jugendliche in Lichtenberg. Die zwei Mitarbeiter dort fangen suchtgefährdete Jugendliche in einer Situation ab, in der sie für Hilfsangebote empfänglich sind. So besucht Kreutziger seine potenziellen Klienten noch im Krankenhaus. „Das ist für sie eine von Schamgefühlen geprägte Situation“, sagt er. 90 Prozent der Jugendlichen kommen nach dem Erstkontakt in den Bauwagen am U-Bahnhof Lichtenberg, der als Beratungsstelle dient. 330 waren es seit Juni 2005.

Alkohol als Alltagsproblem

Länger betreut werden jene, bei denen hinter den Alkoholgelagen ernste Probleme stehen: Stress in Schule und Familie, Misshandlungen und Ähnliches. Während sich Alkoholmissbrauch durch alle sozialen Schichten zieht, fördert nach Ansicht Kreutzigers das gesellschaftliche Umfeld den Trend: „Heute ist es normal, dass Erwachsene schon morgens in der U-Bahn eine Bierdose halten.“ Auch die Werbung und auf Jugendliche zugeschnittene Produkte spielten eine Rolle. „Seit Alcopops teurer geworden sind, mischen sich die Jugendlichen das eben selbst“, sagt Kreutziger.

Berlin sucht jetzt auf Bundesebene Verbündete für ein Werbeverbot für Alkohol. Eine Gesetzesänderung über die Erlaubnis der Alkoholausgabe ist

dagegen nicht geplant. Es sei weltfremd zu denken, in einer Gesellschaft, in der der Konsum von Alkohol alltäglich sei, Jugendliche bis zum Erreichen der Volljährigkeit davon abhalten zu können, sagt Jugendsenator Jürgen Zöllner (SPD). Die Jugendverwaltung setzt daher auf schärfere Kontrollen.

( dpa/che/ehre/mb/-ker )