Berlin blüht auf

Was Bienen-Projekte bringen – und was sie nicht können

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Norman Börner
Cornelia Mirke von der  Untere Naturschutzbehörde und Werner Wedell vom Straßen- und Grünflächenamt in Charlottenburg-Wilmersdorf betreuen das Projekt.

Cornelia Mirke von der Untere Naturschutzbehörde und Werner Wedell vom Straßen- und Grünflächenamt in Charlottenburg-Wilmersdorf betreuen das Projekt.

Foto: Norman Börner

Mehr als 6500 Quadratmeter Grünfläche wurden in Charlottenburg-Wilmersdorf bienenfreundlich umgestaltet. Zeit für eine Bilanz.

Berlin. Auf der Wiese vor der Turnhalle an der Ecke Forckenbeckstraße und Cunostraße ist Ruhe eingekehrt. Im Sommer summte es überall auf der Fläche. Aber die Wiese mit ihrem lockeren Boden ist jetzt im Winter ein Rückzugsort für Nager, Vögel und Insekten. Das war nicht immer so. Wie auf vielen Freiflächen gab es hier früher einfach nur Rasen. Seit einigen Jahren allerdings dürfen Kräuter, Blumen und Löcher im Boden sich hier frei entfalten. „Wir wollen die Artenvielfalt in Berlin auch für die Zukunft sichern“, sagt Cornelia Mirke, Mitarbeiterin des Umwelt- und Naturschutzamtes im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.

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Es mag erst einmal paradox klingen: Aber die biologische Vielfalt in Berlin ist größer als in vielen ländlichen Regionen. Insekten, Vögel und Wirbeltiere treffen in Großstädten auf weniger Fressfeinde, mehr Nahrung, Wärme und Verstecke, weniger Pestizide. Die vielen unterschiedlichen Gewässer, Gärten, Parkanlagen, Friedhöfe, Straßenbäume, Wälder und Schutzgebiete sind Lebensräume für viele verschiedene Arten. Aber diese Nischen sind in Gefahr. „Immer mehr Flächen werden zugebaut“, sagt Werner Wedell.

Berlin blüht auf: Erfolgreiches Projekt soll über das Jahr 2022 hinaus verlängert werden

Er ist für die Straßen- und Grünflächen im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zuständig. Die Initiative „Mehr Bienen für Berlin – Berlin blüht auf“ wurde 2018 in Kooperation mit der Wildtierstiftung gestartet. Das Ziel: Auf öffentlichen Grünflächen sollen Blumenwiesen und Staudengärten angelegt, Flächen naturnah gepflegt und Nisthabitate geschaffen werden. Ende 2022 läuft das Vorhaben aus. „Aber die Zeichen stehen gut, dass das Projekt noch einmal verlängert wird“, so Cornelia Mirke vom Umwelt- und Naturschutzamt.

Denn „Berlin blüht auf“ sei ein voller Erfolg. Statt der geplanten sechs, habe man in der Zeit acht Flächen im Straßenraum mit einer Größe von 6500 Quadratmetern bestäuberfreundlich umgestaltet. Nachdem es in Charlottenburg-Wilmersdorf als Pilotprojekt startete, seien inzwischen alle Berliner Bezirke beteiligt.

Zahl der Wildbienenarten auf Testflächen nach einem Jahr verdoppelt

Statt wie früher den Rasen immer kurz zu halten, seien in den vergangenen Jahren rund 755 Quadratmeter Wildblumenwiese geschaffen und 97 Quadratmeter offene Böden angelegt worden. Auf rund 531 Quadratmetern sei die Pflege naturnah umgestellt worden. Am Betty-Hirsch-Platz, am Tegeler Weg, Ruhwaldpark oder auf einem Mittelstreifen an der Otto-Suhr-Allee wurde der artenarme Rasen ersetzt.

Finanziert wird das Ganze größtenteils über die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, wissenschaftlich begleitet von der Wildtier Stiftung. Seien im Jahr 2018 vor der Umsetzung lediglich 45 Wildbienenarten festgestellt worden, fand der Experte 2019 insgesamt 92 verschiedene Arten. Im Jahr 2020 ging die Zahl wieder leicht zurück. Dass die Artenanzahl leicht gesunken ist, geht laut der Stiftung, auf Baustellen entlang der Projektflächen und eine naturferne Neukonzipierung von Parks zurück.

Keine finanziellen Vorteile: Auch Wildblumenwiesen brauchen Pflege und kosten Geld

Unbearbeitete Flächen gab es auch früher schon in den Bezirken. „Aber eher aus Kostengründen“, sagt Werner Wedell. Vor Jahren wurden manche Flächen auch gedüngt und gewässert. Aber weniger Geld hieß irgendwann auch weniger Wasser, weniger Dünger und weniger Mäharbeiten. Grünpflege ist teuer. Auch im Jahr 2021 gab der Bezirk noch 2,27 Millionen Euro für den Unterhalt und die Pflege der Flächen aus.

„Die Blühwiesen sind nicht billiger als Rasenmähen“, sagt Werner Wedell. Es sei ein Irrglaube, dass solche naturnahen Flächen einfach munter drauflos sprießen können. So sei bereits das Saatgut für die wilde Wiese nicht günstig. Es gebe die Vorgabe, nur Arten aus Berlin und Brandenburg aufzubringen. „Es gibt nur weniger Anbieter, die sich das auch entsprechend bezahlen lassen“, sagt Mitarbeiterin Cornelia Mirke.

Ohne den Eingriff des Menschen geht es (noch) nicht

Zudem müssen auch die blühenden Wiesen im Hochsommer einmal abgemäht werden. Sonst würde das Gras die Oberhand gewinnen und die teuer ausgebrachten Wildblumen verdrängen. „Deshalb bekommen wir jedes Jahr gleich von zwei Gruppen wütende Anrufe“, sagt Cornelia Mirke. Jene, die sich an der Ästhetik der wild wuchernden Wiesen stören. Und jene, die sich darüber beschweren, dass die Flächen dann doch während voller Blüte abrasiert werden. „Um die Vielfalt zu erhalten, müssen wir eingreifen“, sagt Wendell.

Ziel sei es, eine Gesamtstrategie für eine biologisch nachhaltige Pflege von Grünflächen zu entwickeln. Erkenntnisse werden im sogenannten „Handbuch gute Pflege“ zusammengefasst. Projekte wie diese, sollen helfen, die Leitlinien immer weiter zu entwickeln. „Wir lernen noch viel dazu“, sagt Cornelia Mirke. Welche Sorten wachsen besonders gut? Wie oft muss gemäht werden? Ändern sich die Bedingungen vielleicht? So werde der Klimawandel vielleicht irgendwann ergeben, dass heimische Sorten nicht mehr so gut wachsen.

Bürgerinitiativen und Einzelpersonen sichern Vielfalt in Charlottenburg-Wilmersdorf

Neben solchen öffentlichen Projekten gibt es viele Beispiele wie Einzelpersonen und Bürgerinitiativen sich für Artenvielfalt engagieren. Am Brixplatz entstand vor Jahren ein botanischer Lehrgarten. Am Nikolsburger Platz kümmern sich Anwohner um ein ehemaliges Schmuckbeet des Bezirks. „In diese Richtung ist viel möglich und wir sind dankbar. Es wäre nur gut, das vorher mit uns abzusprechen“, sagt Cornelia Mirke.

Denn ohne Absprache könnte solche Aktionen auch vieles zerstören. So seien beispielsweise manche kostenlos verteilten Blühmischungen nicht optimal, weil sie nicht auf die Arten der Region zugeschnitten sind. „Wichtig wäre es vor allem, dass die Leute ihre privaten Gärten nicht zupflastern“, so Werner Wendell.

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