Ruhestand

Abschied nach 17 Jahren in der Gedächtniskirche

| Lesedauer: 8 Minuten
Andreas Abel
Betonwaben und blaues Glas: Pfarrer Martin Germer in einer Fotoausstellung der Gedächtniskirche.

Betonwaben und blaues Glas: Pfarrer Martin Germer in einer Fotoausstellung der Gedächtniskirche.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Gedächtniskirchen-Pfarrer Martin Germer ist einer der bekanntesten Seelsorger der Stadt. Am Sonntag wird er verabschiedet.

Wenn ein Pfarrer in den Ruhestand geht, interessiert das in aller Regel nur die Kirchengemeinde. Bei Martin Germer verhält es sich anders. Wenn der Pfarrer einer der wichtigsten Berliner Kirchen, der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, am Sonntag offiziell verabschiedet wird, ist das ein Einschnitt, der im größeren Rahmen auf Resonanz stößt. Zu dem Gottesdienst mit anschließendem Empfang werden auch etliche namhafte Vertreter der Landeskirche, der Politik und der Stadtgesellschaft erwartet.

17 Jahre lang hat Germer am Breitscheidplatz gewirkt und eben nicht nur in die Gemeinde hinein. Er hat sich für den Erhalt und die Zukunftsfähigkeit der Kirche stark gemacht und ihre Bedeutung als Mahnmal für den Frieden, als architektonisch herausragendes Gebäudeensemble und als wichtigen Fixpunkt in der City West in die Welt getragen. Vielen Menschen und Medien galt er als Gesicht und Stimme der Gedächtniskirche.

Großen Respekt vor dem neuen Amt

Geboren wurde er am 16. Oktober 1956 in Würzburg, als er sechs Monate alt war, zog die Familie nach Berlin. Das geht als waschechter Berliner durch. Martin Germer wuchs im Südwesten der Stadt auf und studierte von 1976 an Evangelische Theologie in Berlin und Göttingen. Nach dem Vikariat arbeitete er zunächst als Assistent im Fach Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf. 1990 wurde er Pfarrer in der Wilmersdorfer Auenkirchengemeinde, wo er immerhin 15 Jahre lang blieb.

Dann suchte er neue Herausforderungen. Auf die ausgeschriebene Pfarrstelle an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche reagierte er indes zunächst nicht. Das sehr anspruchsvolle Anforderungsprofil schreckte ihn ab. Schließlich überzeugte ihn der damalige Gemeindekirchenratsvorsitzende Wolfgang Kuhla, sich zu bewerben. „Ich hatte sehr großen Respekt vor dem Amt. Aber dann dachte ich, wenn ihr mir das zutraut, traue ich mir das auch zu“, erzählt Germer.

Die Gedächtniskirche in die Wiege gelegt

Und ein wenig trug auch sein Vater zu der Entscheidung bei. Der erinnerte seinen Sohn daran, dass die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt worden sei. Denn zur Zeit des Umzugs der Familie nach Berlin wurde die Debatte um die Zukunft der berühmten Turmruine im Westteil der Stadt besonders heftig geführt. Der Zeitgeist der Architekten und Stadtplaner tendierte zum Abriss, ein Proteststurm der Berliner und Berlinerinnen verhinderte dies. 2005 also trat Martin Germer seine Pfarrstelle an der Gedächtniskirche an, es sollte seine Lebensaufgabe werden.

Und die hat er mit großer Passion erfüllt. „Ich freue mich jeden Tag, Pfarrer an dieser Kirche sein zu dürfen, weil die Aufgaben so vielfältig sind“, sagte er kürzlich in einem Interview. Es ist eben keine Kirche wie andere auch. Mitten im Leben der City-West thronend, wird sie von vielen Menschen aus aller Welt besucht, hat aber nur eine kleine Gemeinde. Das bedingt auch Schattenseiten: Finanziell und personell ist die Gedächtniskirche chronisch unterausgestattet.

Touristenmagnet und Gedenkort

Sie ist ein Touristenmagnet mit stets offenen Türen und ein Zentrum der Kirchenmusik, sie ist ein Gedenkort – seit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Dezember 2016 sogar in doppelter Hinsicht. Diesen Terroranschlag bezeichnet Germer als das berührendste und folgenreichste Ereignis seines Arbeitslebens.

Die evangelische Landeskirche sieht sich nicht in der Lage, diese Vielfalt, zu der noch die üblichen Gemeindeaufgaben von Taufen bis Seelsorge kommen, angemessen zu finanzieren. Mit Spendeneinnahmen und viel ehrenamtlicher Arbeit konnte das jahrelang kaschiert werden. Selbst die zweite Pfarrstelle bezahlte in den vergangenen Jahren der Verein „Freunde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“. Als Zukunftsmodell taugt eine solch unsichere Konstruktion allerdings nicht, das ist spätestens seit Corona klar.

„Ich bin nicht allein für die Menschen da, die immer wiederkommen“

Wer Pfarrer an der Gedächtniskirche ist, muss also eine große organisatorische Verantwortung schultern und aushalten, dass viele Menschen, die die Kirche besuchen, nur dieses eine Mal dort sind und oft auch sonst nicht zu regelmäßigen Kirchgängern zählen. „Die müssen sich dann gut angesprochen fühlen“, sagt Martin Germer. Und weiter: „Ich bin nicht allein für die Menschen da, die immer wiederkommen.“ Das muss man mögen. Er mag es.

In dieser speziellen Konstellation sind auch die regelmäßigen Gottesdienste zu besonderen gesellschaftlichen Themen und Anlässen entstanden, die Martin Germer besonders ans Herz gewachsen sind – etwa der Gottesdienst zur Grünen Woche, den er stets gemeinsam mit Junglandwirten vorbereitet hat oder zum Workers Memorial Day, der alljährlich eine Begegnung von Kirche und Gewerkschaftern ermöglicht.

Eiermann-Bauten müssen saniert werden

Nicht zuletzt aber ist die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – im wörtlichen Sinne – eine Dauerbaustelle. Nach der Sanierung des Alten Turms und der Kapelle sind nun die übrigen Bauten des von Egon Eiermann vor gut 60 Jahren entworfenen Ensembles fällig. Die Betonwaben müssen dringend generalüberholt werden und das blaue Glas, das der neuen Kirche ihre einzigartige Atmosphäre verleiht, ebenfalls. Im Glockenturm muss das zuerst geschehen, anschließend im Kirchenachteck. Martin Germer schätzt die Eiermann-Bauten sehr, findet Konzept und Wirkung großartig. „Was sie so schön macht, macht sie aber auch verletzlich“, kommentiert er den Bedarf.

Neben den Sanierungsarbeiten soll das Kirchenensemble an zwei wesentlichen Stellen weiterentwickelt werden. Im flachen Foyerbau, der derzeit eine Corona-Teststelle beherbergt, wünschen sich Gemeinde und Eigentümerin, die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, ein Begegnungscafé.

Ausstellung im Alten Turm soll erweitert werden

Zweitens soll die Ausstellung, die seit den späten 80er-Jahren in der Gedenkhalle des Alten Turms zu sehen ist, grundlegend überarbeitet und vor allem in die erste und zweite Etage der Turmruine erweitert werden. Dann soll für den Besuch der Ausstellung auch Eintritt erhoben werden, um die Arbeit des Personals und letztlich die Zukunft der Kirche finanziell abzusichern.

Dieses Zukunftskonzept mit dem Namen „Perspektive 2025“ ist das größte Projekt an der Gedächtniskirche seit vielen Jahren. Es hat ein Kostenvolumen von 36 Millionen Euro. Bund, Berlin und Stiftungen stellen dafür Geld bereit. Auch die Landeskirche, der Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf und die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Eigentümerin des Ensembles selbst, beteiligen sich. Komplett ist die Summe allerdings noch nicht aufgebracht. Martin Germer hat sich in großer Verantwortung um dieses Projekt gekümmert, hat es mit konzipiert und vorangetrieben, hat Fördermittel und Spenden akquiriert.

Germer kümmert sich weiter um das Großbauprojekt

Und das soll und wird er auch weiter tun. Der Pfarrer a.D. verabschiedet sich nicht vollends, sondern setzt sich als Beauftragter der Stiftung weiterhin dafür ein, die „Perspektive 2025“ zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Er wird also weiterhin mit Verwaltungen verhandeln, Politiker überzeugen, an Bausitzungen teilnehmen. Das muss man mögen. Er mag es. Und die Begeisterung, mit der er etwa erzählt, dass „wir jetzt Geld für das Blaue Glas sammeln“, wirkt ansteckend.

Und er freut sich darauf, für diese wichtige Arbeit in Zukunft mehr Zeit zu haben. So wie er sich darauf freut, an den Sonntagen nun auch Gottesdienste in anderen Gemeinden besuchen zu können oder mit seiner Frau Karin Ausflüge zu machen. Vermissen werde er, selbst Gottesdienste zu halten, bekennt er. Und, dass er Trauerfeiern mag – das Leben eines Menschen noch einmal Revue passieren zu lassen. Vielleicht würde ihn die Arbeit an einem Buch über die Geschichte der Gedächtniskirche entschädigen. Diese Idee treibt ihn um. Passen würde es, ist er doch ein profunder Kenner dieser Geschichte.

Zunächst freue er sich aber auf den heutigen Sonntagabend, erzählt er strahlend, auf den Verabschiedungsgottesdienst, der um 18 Uhr beginnt. Dafür ist keine Anmeldung erforderlich, die Kirche wird aber gut gefüllt sein. Der anschließende Empfang mit vielen seiner Wegbegleiter ist bereits ausgebucht.