Flüchtlinge

Ukraine-Krieg: Das sind die Helfer vom Berliner ZOB

| Lesedauer: 7 Minuten
Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland: Bund will "solidarische" Verteilung

Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland: Bund will "solidarische" Verteilung

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) will sich für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland einsetzen. "Das kann Berlin natürlich nicht alleine stemmen", sagte die Ministerin bei einem Besuch des Berliner Hauptbahnhofs.

Beschreibung anzeigen

Täglich kommen Hunderte Geflüchtete am Zentralen Omnibusbahnhof an. Viele Freiwillige sind dort Tag und Nacht im Einsatz.

Berlin. Es sind lange Schichten, die Melissa Stock zurzeit am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) verbringt. Acht, neun Stunden und oft auch mehr ist die Studentin an der Station und koordiniert dort die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer, die die Geflüchteten aus der Ukraine empfangen, sie mit Kleidung oder Essen versorgen und weiterleiten, zu ihren Unterkünften oder für die Weiterfahr zum Hauptbahnhof. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt die 22-Jährige. Vergangene Woche Dienstag ist sie erstmals nachts zum ZOB gekommen, nachdem sie zunächst am Hauptbahnhof geholfen hatte. „Ich habe eine Familie mitbegleitet, und als ich dann gehört habe, dass am ZOB noch Menschen gesucht werden, bin ich hier hergekommen.“



Seither war sie meistens nachts an dem Busbahnhof – dann kommen in der Regel besonders viele Busse an, die vormittags in Polen oder der Ukraine losgefahren sind. Die Tage der Helferin sind im Moment durchgetaktet. Tagsüber studiere sie – Puppenspielkunst an der Schauspielschule Ernst Busch –, außerdem versuche sie, genug zu schlafen, erzählt Stock. Dass sie helfen wollte, war ihr schnell klar, als sie eine Mail mit Informationen dazu vom Studierendenparlament las. „Ich habe Freunde, die Familie in der Ukraine haben. Krieg bewegt einen immer, aber vor allem, wenn es Freunde betrifft. Und ich bin in Deutschland, sicher und habe gerade die Kapazität zu helfen“, sagt sie. Diese Hilfe sei auch wirklich nötig.

Geflüchtete erreichen auch mit Haustieren den ZOB

Die Bereitschaft, für die ankommenden Menschen da zu sein, ist auch am ZOB groß. Mindestens 20 sind – bereits in ruhigen Nächten – vor Ort, und es kommen weiter Menschen dazu, die ihre Unterstützung anbieten. „Wir brauchen auch alle“, sagt Stock, „weil echt unvorhersehbar ist, wie viele Menschen mit einem Bus ankommen. Manchmal kommt ein Bus aus Polen, da sitzen nur drei Leute drin, manchmal kommt ein Bus aus Kiew, in dem gleich 50 sitzen, meistens sogar noch mehr.“

Unter den Geflüchteten sind auch welche, die ohne jegliches Gepäck reisen. „Es kommen Menschen, die haben alles in der Ukraine gelassen, um in den Bus zu steigen und herzufahren“, erzählt die Helferin. Andere haben ihre Haustiere dabei, oft Hunde oder Katzen, von denen sie sich nicht trennen wollten. „Eine Frau hatte ihre Designertasche über der Schulter und darin saß ihre Katze, eine andere hat ihre Katze in einem Rucksack vor sich getragen. Das geht einem schon ans Herz. Die Menschen sowieso, aber auch, wie sie sich um ihre Tiere kümmern.“ Und auch die Haustiere können, am Busbahnhof angekommen, dank Spenden versorgt werden.

Malteser sind mit fünf Zelten vor Ort

Die Freiwilligen haben ihre Hilfe auffallend professionell aufgestellt. Es gibt Menschen, die fürs Essen zuständig sind, das Kommunikationsteam, deren Mitglieder auch russisch oder ukrainisch sprechen, die Koordinatoren wie Melissa Stock oder wieder andere, die sich das „Housing“, also die weitere Unterbringung, im Blick haben. „Es ist für alle eine neue Situation und wir greifen uns gegenseitig unter die Arme“, sagt die Studentin. So sei die Arbeit zwar anstrengend, mache aber auch viel Spaß. „Es ist so toll, den Zusammenhalt hier zu erleben.“

Unterstützung bekommen die Freiwilligen seit knapp einer Woche von den Maltesern. Der Hilfsdienst ist mit inzwischen insgesamt fünf Zelten am Busbahnhof: zwei für den Aufenthalt der Menschen, mit Feldbetten und sogar einem Fernseher ausgerüstet, auf dem Kinder Zeichentrick-Serien schauen können. Zwei weitere werden als Lager für die vielen Spenden genutzt, vom Babyessen über warme Kleidung bis zu Hygieneprodukten. Und das fünfte Zelt nutzen die Sanitäterinnen und Sanitäter rund um die Uhr zur medizinischen Erstversorgung.

Medizinstudent hilft als Sanitäter bei der Erstversorgung der Flüchtlinge

Unter ihnen ist auch Konrad Schultz. Der 21-Jährige ist ausgebildeter Rettungssanitäter und studiert Medizin. Zurzeit hat er Semesterferien, die er nutzt, um am Busbahnhof zu unterstützen. „Es war für mich klar, dass ich hier helfen muss. Die Leute müssen sich hier willkommen fühlen und versorgt sein“, erzählt Schultz, der sich bereits seit fünf Jahren ehrenamtlich bei den Maltesern engagiert. Vergangenen Donnerstag, nach einer Frühschicht als Rettungssanitäter, war er das erste Mal am Busbahnhof, bis in die Nacht hinein. Seither sei er täglich acht bis zehn Stunden vor Ort gewesen, sagt Schultz. „Und das wird auch die nächsten Tage so weiter gehen.“

Wie ihm sei es auch vielen anderen gegangen, die sich bei den Maltesern engagieren. Teilweise würden die Sanitäter vormittags in ihren eigentlichen Jobs arbeiten, nachmittags und abends dann am ZOB helfen. „Das ist der Malteser-Gedanke und Helfer-Wille, der in uns durchkommt. Für die meisten heißt es: arbeiten, helfen, schlafen und das Ganze wiederholen“, sagt Schultz. „Die Freizeitgestaltung kommt vielleicht im Moment etwas zu kurz, aber das ist zu verkraften.“

„Viele Kinder haben Augenringe bis in die Kniekehlen“

Insbesondere die Sanitäter, die in den Nachtschichten eingeteilt sind, haben gut zu tun. Allein in der Nacht auf Montag sind etwa 17 Busse angekommen. „Schlafen ist hier nicht drin“, sagt Schultz, „dafür ist es aber natürlich auch nicht gedacht.“ Die Sanitäter versorgen vor allem Flüchtlinge mit Erschöpfungssymptomen, die zum Teil lange nichts gegessen haben. Viele der ankommenden Menschen waren tagelang unterwegs. „Manche haben Schwächeanfälle, andere Druckstellen vom langen Sitzen. Aus dem Grund haben wir auch schon Leute ins Krankenhaus eingewiesen“, berichtet Schultz.

Es kämen aber auch „klassische Notfälle“ vor – etwa der Verdacht auf einen Herzinfarkt, der vermutlich aber nicht mit der Flucht zusammenhing. Ein anderer Patient war Diabetiker, hatte aber seine Medikamente nicht dabei und musste ebenfalls versorgt und ins Krankenhaus geschickt werden. Auch Kinder würden öfter behandelt. „Viele kommen mit Bauchschmerzen, ihnen ist übel, sie haben Augenringe bis zu den Kniekehlen“, sagt Schultz. Neben der medizinischen Versorgung nutzen die Ukrainerinnen und Ukrainer bei den Maltesern deshalb auch oft die Chance, sich in den beheizten Aufenthaltszelten auszuruhen, bevor die Reise weitergeht. Dort werden sie mit warmen Kaffee oder Tee versorgt und „es gibt Wolldecken ohne Ende“, sagt Schultz.

Trotz anstrengender Schichten betont Schultz, wie auch die Helferin Melissa Stock, den Spaß, den er bei seinem Ehrenamt hat. „Dafür habe ich das auch gelernt“, sagt er. „Dass wir es nicht nur bei Übungsdiensten durchspielen, sondern hier auch wirklich einsetzen können.“