Charlottenburg-Wilmersdorf

Berlins Globe Theater probt „Sturm“ und hofft auf Neubau

Die Morgenpost ist zu Gast bei den Proben des Globe Theaters und spricht mit Leiter Christian Leonard über den geplanten Neubau.

Theaterleiter Christian Leonard (li.) und Regisseur Jens Schmidl proben mit dem Ensemble des Globe Theaters Shakespears „Der Sturm“ und hoffen auf den Bau einer festen Spielstätte.

Theaterleiter Christian Leonard (li.) und Regisseur Jens Schmidl proben mit dem Ensemble des Globe Theaters Shakespears „Der Sturm“ und hoffen auf den Bau einer festen Spielstätte.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

„Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“ ist das wohl bekannteste Zitat aus Shakespeares Komödie „Der Sturm“. Kaum etwas ist in dieser schwierigen Zeit wohl wichtiger als Träume: vom finanziellen Überleben, künstlerischer Arbeit vor Publikum und im Fall einer aufstrebenden Theatertruppe auch der Traum eines schicken neuen Theaterhauses. Wie passend also, dass das Ensemble des Globe Theaters genau dieses Stück zurzeit probt. Und damit vom 23. Juli an auch vor Publikum spielen will.

„In dem Stück ist der Sturm die Naturgewalt, die die Protagonisten vor große Herausforderungen stellt“, sagt Leonard. Er steht jedoch auch für die umwerfende Magie des Wandels und den Zauber, der jedem Anfang innewohnt.

Globe Theater zimmerte kreisrunde Freilichtbühne für Saison 2020

Vermutlich beschreibt kein anderes Stück Shakespeares die Situation von Theaterleiter Christian Leonard besser, jenem Visionär, der sich seit drei Jahren dafür einsetzt, dass das Open-Air-Theater auf dem Grundstück an der Sömmeringstraße 15 eine feste Spielstätte bauen und darin einen Neuanfang wagen kann. Bisher steht ihm nur eine selbstgebaute Freilichtbühne zur Verfügung. Leonard hoffe, dass er im Herbst den Pachtvertrag mit der Bezirksverwaltung für den Neubau unterschreiben könne, sagt er.

Erst dann kann er mit dem Bau des hölzernen Rondells beginnen. Das Theater soll nach dem Vorbild des Globe Theaters, in dem Shakespeare im 16. und 17. Jahrhundert seine Stücke in London aufführte. Die Baumaterialien hat sich Leonard bereits beschafft. Er erstand Bauteile des Globe Theaters in Schwäbisch-Hall und veranlasste den Transport nach Charlottenburg.

Nun lagert er sie auf dem Grundstück an der Sömmeringstraße. Aus den Brettern zimmerte das Ensemble für diese Saison zunächst eine kreisrunde Freilichtbühne, auf der es den „Sturm“ spielen wird. So können die Schauspieler während der Aufführung den Abstand von 1,50 Meter einhalten, den die Corona-Regeln fordern. Das Publikum sitzt in der Mitte.

„Für die Inszenierung des ,Sturms‘ habe ich mich entschieden, da er in dem Stück Parallelen zu der Corona-Pandemie erkenne“, sagt Leonard. In der Komödie wird der Herrscher Prospero mit seiner Tochter auf offener See ausgesetzt. Die beiden können sich auf eine abgelegene Insel retten. Auf dieser Insel entfesselt Prospero Jahre später einen Sturm, der seine Widersacher auf der Insel stranden lässt.

Naturmaterialien werden bei den Proben und Aufführungen verwendet

„Der Sturm, den Prospero auslöst, ist ein Elementarereignis, der den Menschen ihre Schwäche bewusst werden lässt“, sagt Jens Schmidl, der Regie bei der Inszenierung führt. Die Corona-Pandemie erwecke in Menschen das gleiche Bewusstsein. Sie würden erkennen, dass sie die Natur nicht wie ein Gott unterwerfen könnten, sondern Teil von ihr sind. Naturgewalten wie ein Sturm oder die Ausbreitung eines Virus können die Zukunft ändern und alte Machtverhältnisse aufbrechen. „Nun stellen Menschen sich die Frage: Was ist die Zukunft?“, sagt Schmidl.

Naturmaterialien werden bei den Proben und Aufführungen verwendet. So dienen die gelagerten Bretter auf dem Gelände als Requisiten. Schmidl setzt sie bei den Proben zur ersten Szene des dritten Aktes seit Mitte Juni ein. „Wir nutzen die Bauteile des Theaters, weil wir kein Geld haben, um Requisiten zu kaufen“, sagt Leonard. Er hoffe auf einen Pachtvertrag in diesem Jahr, da er dann Sponsoren für das Globe Theater gewinnen könne.

Senat gab grünes Licht für Neubau des Globe Theaters

Die Atmosphäre der Freilichtbühne sei zwar „wild-romantisch“, meint er. Doch bei den Aufführungen würde das Ensemble immer wieder durch die Verkehrsgeräusche der angrenzenden Straße und den Lärm des Sportplatzes nebenan gestört werden. „Mit dem Neubau könnte hier ein Ort der Bildung und Unterhaltung für alle Altersgruppen entstehen“, so Leonard weiter. Sein Ziel sei, die Mierendorffinsel kulturell aufzuwerten. „Wer nicht an Träume glaubt, ist kein Realist.“

Die diesjährige Saison hatte das Globe Theater am 18. Juni unter dem Motto „Hoffnung & Heimat“ eröffnet. Eine Entscheidung des Senats lässt Leonard darauf hoffen, dass in der kommenden Saison bereits im fertiggebauten Theater gespielt werden kann: Im Mai gab der Senat grünes Licht dafür, dass die ehemalige Sportfläche umgewidmet und künftig für den Neubau des Globe Theaters genutzt wird. Nun muss das Abgeordnetenhaus noch zustimmen. Eine Entscheidung erwartet Leonard nach der Sommerpause.

BVV setzt sich für zügiges Verfahren zum Neubau ein

Auch die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wies in ihrer jüngsten Sitzung darauf hin, dass das Theater möglichst rasch gebaut werden sollte. Einem entsprechenden CDU-Antrag stimmten alle Fraktionen zu. Demnach soll das Bezirksamt „bei den zuständigen Stellen und insbesondere beim Senat von Berlin dringend darauf hinwirken, dass das Verfahren zum Bau des Globe Theaters zügig vorangetrieben wird.“

Wenn der Vertrag mit dem Bezirk endlich unterzeichnet werden kann, möchte Leonard die Spielstätte bis zum Sommer 2021 errichten. Nach vier Jahren könnte der Traum vom Neubau dann endlich wahr werden. Als bloße Träumer möchte Leonard sich und die anderen Mitglieder des Theaters jedoch nicht verstanden wissen. „Wir sind Realisten, nicht Träumer. Denn wer nicht an Träume glaubt, ist kein Realist“, sagt er.

Tickets für Der Sturm sind ab 15 Euro unter www.globe.berlin erhältlich. Ab 23. Juli und bis September sind gut 50-Freilicht-Aufführungen geplant.