Galeria Karstadt Kaufhof

Bedauern, Tränen und Zukunftsängste im Karstadt-Konzern

Das Karstadt-Warenhaus an der Wilmersdorfer Straße in Berlin ist seit Jahrzehnten das Zentrum für den Kiez. Nun naht das Aus.

Wut und Trauer: Nadine Stubbe, Mitarbeiterin von Galeria Karstadt Kaufhof an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, weint während der Kundgebung am Sonnabendvormittag.

Wut und Trauer: Nadine Stubbe, Mitarbeiterin von Galeria Karstadt Kaufhof an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, weint während der Kundgebung am Sonnabendvormittag.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Einen Tag danach steht Charlottenburgs Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) vor den Türen von Galeria Karstadt Kaufhof an der Wilmersdorfer Straße und redet sich in Rage: „Ihr seid nicht alleine“, sagt Naumann am Sonnabendvormittag. Im Eingangsbereich haben sich zahlreiche Mitarbeiter des Unternehmens, Gewerkschafter und Politiker versammelt. Es wehen rote Fahnen, immer wieder bleiben auch Passanten stehen.

Keine 24 Stunden zuvor wird auch vielen Kunden die Nachricht nicht entgangen sein: Karstadt Kaufhof in ihrem Bezirk steht vor dem Aus. Weil wegen Corona noch weniger eingenommen worden ist als ohnehin schon, soll in Berlin nicht nur das Warenhaus an der Wilmersdorfer Straße schließen. Fünf weitere Standorte sind betroffen. Fünfmal wird einem Kiez das Herz herausgerissen. Es ist ein Eingriff mit ungewissen Folgen.

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Galeria Karstadt Kaufhof: Auch Verbraucher tragen Mitschuld am Niedergang der Warenhäuser

„Die da oben“, ruft Naumann kurz nachdem er seine Rede begonnen hat. „Die sollen sehen, dass das nicht schweigend und auch nicht widerstandslos hingenommen wird.“ Das Aus der zahlreichen Galeria Karstadt Kaufhof Filialen im ganzen Land sei eine nationale Katastrophe, sagt Naumann. Nun müsse auch die Bundesregierung darüber nachdenken, ob sie neben den angeschlagenen Konzern Tui und Lufthansa nicht auch den Beschäftigten der Warenhaus-Kette helfen könne.

Dafür gibt es Applaus. Naumann schimpft dann noch auf das Management von Karstadt Kaufhof. Aber auch die Kunden selbst hätten zum Niedergang der Warenhäuser beigetragen. „Es geht nicht an, sich kompetent beraten zu lassen hier im Haus und dann für fünf Euro weniger bei Amazon zu bestellen“, brüllt Naumann. Jetzt sei er richtig auf Betriebstemperatur, sagt er dann.

Seit fast 120 Jahren ist an dieser Stelle ein Warenhaus Taktgeber für den Kiez: 1900 errichtete die Firma Graff & Heyn ein Manufaktur- und Kurzwarengeschäft, sechs Jahre später an der Stelle des kleinen Ladens ein Warenhaus. 1912 wurde es wieder abgerissen und durch einen größeren Neubau ersetzt. 1914 übernahm die Firma Jandorf das Gebäude. Inhaber Adolf Jandorf galt als Visionär, baute wenig später am Wittenbergplatz auch das Kaufhaus des Westens. Das Warenhaus an der Wilmersdorfer Straße übernahm 1926 der jüdische Kaufmanne Hermann Tietz. 1935 enteigneten die Nazis die Familie und benannten die Kette in „Hertie“ um. Der Name lebte an dem Standort auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. 1997 übernahm Karstadt „Hertie“. Heute arbeiten etwa 250 Mitarbeiter in dem Warenhaus.

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Karstadt-Kaufhof-Mitarbeiterin bricht in Tränen aus

Vor der Eingangstür ergreift am Vormittag auch Nadine Stubbe das Wort. Stubbe, hat ihre Haare zu einem Zopf zusammen gebunden. Die bitteren Nachrichten des Vortags stehen ihr wie ins Gesichts geschrieben. Die Belegschaft sei wie eine Familie für sie, sagt sie. Dann bricht Nadine Stubbe in Tränen aus. Ein paar Minuten später kommt ein Kollege zu ihr, umarmt sie. „Ich bin stolz auf dich Stubbi“, sagt der Mann. In schwierigen Zeiten wird bei Galeria Karstadt Kaufhof zusammen gehalten.

Nicole Stubbe ist seit 24 Jahren in dem Warenhaus an der Wilmersdorfer Straße tätig. Ihre Lehrjahre hat sie hier absolviert, dann später in der Haushaltswaren-Abteilung Kunden bedient. „Ich bin meinen Weg gegangen“, erzählt sie. Sollte Stubbe ihren Job verlieren, wäre die Familie besonders betroffen. Auch ihr Mann habe erst kürzlich seine Stelle verloren. Er war bei dem Zigarettenhersteller Philip Morris in Neukölln tätig. Dort wurde erst Ende Dezember die Produktion beendet.

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Sollte das Kaufhaus schließen, geht im Kiez etwas verloren

Hinter der Tür des Galeria-Karstadt-Kaufhof-Warenhauses in Charlottenburg geht am Sonnabendvormittag alles seinen gewohnten Gang. Kunden stöbern durch die Angebote, Verkäufer beraten und hasten durch die Flure, um noch schnell die passende Größe zu bringen. Marlies Knecht ist auf der Suche nach einem neuen Paar Schuhe. 45 Jahre lebt die 70-Jährige im Kiez. Sollte das Kaufhaus wirklich schließen, gehe für sie eine wichtige Anlaufstelle verloren, sagt Knecht. „Ich bin immer sehr gut bedient worden“.

Ganz oben im Restaurant des Warenhauses sitzt Nils Busch-Petersen, der Chef des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, an einem Tisch und schlürft einen Espresso. Busch-Petersen spricht seit 30 Jahren für den Handel in der Region, hat schwere Jahre, den Boom und zuletzt auch den schleichenden Niedergang der Warenhäuser miterlebt. „Kiezgesteine“ nennt der Verbandschef die Kaufhäuser. Auf seinem Weg nach oben habe er ein Foto gemacht von T-Shirts eines Charlottenburger Sportvereins gemacht, die es hier zu kaufen gebe. „Die DNA geht verloren, es stirbt ein Stück von Berlin, wenn die großen Warenhäuser schließen“, sagt Busch-Petersen.

Aufgerufene Miete war nur schwer zu erwirtschaften

Galeria Karstadt Kaufhof sei aber zuletzt auch von den zu zahlenden Mieten erdrückt worden, die der Konzern für die Häuser entrichten muss, die nicht der Signa-Holding gehörten. Busch-Petersen führt das auch auf alte Fehler zurück, die noch unter der Ägide des früheren Karstadt-Chefs Thomas Middelhoff begangen worden seien. Um den Konzern zu sanieren, hatte Middelhoff vor Jahren zahlreiche Häuser in Innenstadtlagen verkauf – und dann teuer zurückgemietet. "Nach Angaben des Betriebsrats-Chefs von Karstadt Kaufhof an der Wilmersdorfer Straße, André Erdmann, zahlt der Konzern 18 Prozent des erzielten Umsatzes als Miete an den Immobilieninvestmentmanager Redevco. „Da hat man keine Chance“, sagt Erdmann. Der branchenübliche Mietanteil am Umsatz liege bei fünf bis sechs Prozent.

Redevco selbst widersprach am Montag der Darstellung, wonach Karstadt Kaufhof 18 Prozent Umsatzmiete zahlen müsste. Redevco sei seit Wochen im Austausch mit den Verantwortlichen von Karstadt Kaufhof. „Es werden konstruktive Gespräche geführt, die substanzielle Zugeständnisse von Seiten Redevcos in Bezug auf die Miethöhe beinhalten“, sagte eine Sprecherin.

Für die umliegenden Händler an der Einkaufsstraße bedeutet das drohende Karstadt-Kaufhof-Aus nichts gutes. Minh Pham, der in einem kleinen Laden gegenüber Textilien aus China, Thailand und Vietnam verkauft, rechnet mit weniger Laufkundschaft.