Charlottenburg

Naumann: „Ein kostenloser Shuttlebus für den Kudamm“

Charlottenburg-Wilmersdorfs Bürgermeister Reinhard Naumann setzt sich für Gratis-Mobilitätsangebot auf dem Kurfürstendamm ein.

Foto: pa/Funke Foto Services/Montage BM

Berlins prominenteste Einkaufsstraße, der Kurfürstendamm, ist sichtbar im Wandel begriffen. Nachdem die Einzelhandelsunternehmen jahrelang auf möglichst große Geschäftseinheiten pochten, ist der Trend in Zeiten des Internethandels nun genau umgekehrt, viele Marken verkleinern ihre Fläche. Mit überraschenden Ideen will Reinhard Naumann die Attraktivität des weltweit bekannten Tourismusmagneten auch in der Zukunft sichern. Der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf (SPD) über Fußgängerzonen, kostenlose Einkaufs-Shuttle und Hochhäuser an Berlins erster Shopping-Adresse.

Herr Naumann, wie wollen Sie in Zeiten des zunehmenden Internethandels den Kurfürstendamm stärken?

Reinhard Naumann Zunächst ist der Handel selbst gefordert. Unsere Aufgabe ist es, die äußeren Rahmenbedingungen positiv weiter zu entwickeln. Ich persönlich könnte mir einen kostenfreien Shuttle-Service zwischen dem U-Bahnhof Wittenbergplatz und S-Bahnhof Halensee sehr gut vorstellen. Funktionieren könnte der wie die „Hop-On-Hop-Off-Busse“, die an bestimmten Stellen halten. Das muss nicht unbedingt dort sein, wo auch heute schon die Linienbusse der BVG halten, die sind ja am Kurfürstendamm schon sehr gut ausgelastet. Dazu müsste es also auch einige bauliche Veränderungen geben, das ist klar.

Wer soll denn den Shuttleservice anbieten, die BVG?

Das würde ich befürworten.

Und wer soll das Ganze bezahlen?

Die Finanzierung ist in der Tat noch offen. Wir sind im Gespräch mit der Händler- und Anliegerinitiative AG City und ihrer neu gegründeten Gesellschaft Business Improvement District (BID). Die BID möchte die Attraktivität des Kurfürstendamms stärken, hat dazu für die kommenden vier Jahre rund acht Millionen Euro zur Verfügung. Der jetzige Bereich, der vom Wittenbergplatz bis zur Uhlandstraße reicht, müsste dazu erweitert werden. Finanziert wird das BID-Projekt über Abgaben, die von Grundstückseigentümern jährlich gezahlt werden. Aber natürlich will ich auch schauen, ob man ein solches Projekt vielleicht auch auf Landesebene finanziell unterstützt.

Das Einkaufsvergnügen an Kurfürstendamm und Tauentzien leidet ja, weil der Verkehr stark zugenommen hat. Was halten Sie von der Idee einer Fußgängerzone?

Es gibt bisher dazu kein konkretes Projekt, sondern die Prüfung von Möglichkeiten, das ist zumindest mein Kenntnisstand. Für diese Idee, die ja ursprünglich die Grünen und die FDP im Bezirk einschließlich der grün geführten Senatsverkehrsverwaltung aufgebracht haben, bin ich persönlich grundsätzlich offen. Klar muss aber sein, dass die Anrainer und Händler eine solche versuchsweise Schließung eines Straßenabschnitts zwischen Wittenbergplatz und Joachimstaler Straße mittragen müssen, über ihre Köpfe hinweg werden wir da sicher nichts veranlassen. Vor einer finalen Sperrung der Straße muss mit einer temporären Sperrung erst einmal getestet werden, ob es funktioniert. Mal eben gut gemeint, dabei aber nicht gut gemacht, das darf nicht sein. Die Hauptakteure, vor allem die AG City, müssen mit auf den Weg genommen werden. Entscheiden wird darüber die BVV, aber sicher nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg.

In Neukölln und Kreuzberg tobt der Kampf um Abriss und Neubau von Karstadt am Hermannplatz. Was ist denn eigentlich mit den Plänen des Karstadt-Eigners Benko und seiner Signa Holding für Karstadt am Kudamm?

Natürlich ist die Signa keine Mutter Theresa, die wollen auch ihre Rendite machen, das ist klar und auch legitim. Aber was ich bei der Diskussion um den Karstadt-Umbau vermisse, sind die Chancen, die mit dem Umbau verbunden sind. Das gilt auch für die Signa-Pläne am Kurfürstendamm.

Signa hat gleich fünf verschiedene Varianten einer möglichen Bebauung für die City West im Baukollegium vorgestellt. Zwei davon mit drei Türmen, drei Varianten mit lediglich zwei Hochhäusern in verschiedenen Höhen – alle sind durchgefallen.

Natürlich haben wir Kommunalpolitiker nicht einer Maximalrendite das Wort zu reden, aber klare Ansage an uns ist auch, genauer hinzuschauen. Wir müssen im Interesse des Standortes klar öffentliche Interessen benennen, aber auch die Interessen von Signa im Blick haben. Denn klar ist auch, dass Karstadt gezwungen ist, auf neue Entwicklungen zu reagieren. Das Konsumverhalten der Menschen hat sich nachweislich geändert und darauf muss das Unternehmen reagieren. Wir sollten deshalb schauen, dass wir Veränderungen auch als Chancen für Angebote der öffentlichen Daseinsvorsorge begreifen und nicht einfach verlangen, dass ein altes Kaufhaus durch ein neues ersetzt wird. Damit wäre doch niemandem gedient. Wir warten jetzt, dass der Investor seine intensiven Abstimmungen mit der Landesebene beendet und dass in diesem Jahr ein Ergebnis erzielt wird. Welche Massen und Höhen am Ende wie inhaltlich klug vereinbart werden, darauf sind wir gespannt.

Nicht nur Signa, sondern auch andere Hochhausprojekte stehen in der City West in den Startlöchern. Was sagen Sie denn zu den Pepper-Plänen eines 300 Meter hohen Hauses in der Nürnberger Straße?

Hier kann ich mich klar bekennen: Ich bin ein Fan von weiteren Hochhäusern, aber konditioniert unter klaren Kriterien, die der Senat ja vor einiger Zeit benannt hat. Aber wir wollen uns das nicht einzelfallbezogen, sondern in der Gesamtplanung anschauen. Denn nachfolgende Generationen werden schon noch mal fragen, was ist denn eigentlich die Gesamtidee für die Weiterentwicklung der City West gewesen? 300 Meter sind natürlich umstritten, aber zukünftig wird es weiter in die Höhe gehen. Diese finalen Antworten stehen noch aus und werden möglicherweise auch gar nicht mehr in dieser Legislaturperiode beantwortet.

Braucht es da nicht mehr Tempo?

Das wäre wirklich wünschenswert! Aber noch dringender brauchen wir den Turbo beim Hardenbergplatz, der immer noch den Charme der 80er-Jahre versprüht und modernen Mobilitätsanforderungen nicht gerecht wird. Ebenso den Turbo benötigen die Planungen Hertzallee Nord und Süd, weil auch da moderne Infrastruktur und Daseinsvorsorge verwirklicht werden sollen, unter anderem mit Studierendenwohnungen. Wir wären ja verrückt, wenn wir das nicht auf dem Schirm hätten mit den großen Universitätsstandorten eine bessere Vernetzung hinzubekommen und den vorhandenen Platz besser zu nutzen. Auch die Technische Universität und die Universität der Künste sind inzwischen mit Recht ungeduldig.

Was ist mit den Umplanungen der Autobahnen am Dreieck Funkturm?

Die bisher vorgelegte Planung der Deges (Die Gesellschaft ist seit 1991 in zwölf Bundesländern für den Neu- und Ausbau der Bundesfernstraßen zuständig, Anm. d. Red.) lehnen wir ab, denn sie haben enorme Auswirkungen auf die Bewohner der Siedlung Eichkamp. Zu den Prämissen, die die Planer am 31. Oktober in der Urania vorgestellt haben, haben wir gute Ersatzvorschläge gemacht. Die sind bisher nicht in der Form gehört worden, dass sie tatsächlich zu einer veränderten Planung geführt hätten.

Besonders umstritten ist eine neue Zufahrt in Höhe der Jafféstraße und des Messedamms, die zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen in der Siedlung führen wird, wie die Anwohner befürchten...

Die Deges ist unterwegs mit dem Versprechen, jetzt mit Bürgerbeteiligung auch Gegenargumente aufzunehmen. Unsere Erwartung ist, dass dieses Versprechen nicht nur Galerie-Charakter hat, sondern wirklich ernst gemeint ist. Bei einer ersten Infoveranstaltung am 26. Februar, die jetzt endlich, endlich gemeinsam auch mit dem Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese in der Siedlung stattfinden kann, wird dieses Entgegenkommen hoffentlich deutlich. Was uns als Bezirk fehlt: Dass nicht nur die Meinung des Bundes, sondern auch die des Landes endlich sichtbar wird. Der Bezirk hat sich eindeutig gegen die Pläne positioniert, das Land Berlin leider noch nicht.

Kann der Bund als Haupteigentümer der Deges nicht eigentlich machen, was er will?

Der Bezirk kann da in der Tat nur Wünsche äußern, aber das Land kann auch klar und deutlich sagen, wie es den Neubau denn gerne hätte. Die Deges, beziehungsweise der Bund, hat da keine Blankovollmacht.