Nachhaltigkeit

Erster Unverpackt-Laden der City West öffnet in Wilmersdorf

Warenangebot soll nicht nur Verpackungsmüll vermeiden, sondern durch kurze Lieferwege auch die Co2-Bilanz günstig beeinflussen.

Bauen ein Ladenlokal an der Düsseldorfer Straße zu einem Unverpackt-Laden um: (v.l.) Stefan Jugel und Florian Remmler

Bauen ein Ladenlokal an der Düsseldorfer Straße zu einem Unverpackt-Laden um: (v.l.) Stefan Jugel und Florian Remmler

Foto: Carolin Brühl

Wilmersdorf. „Ich wünsche Ihnen viel Glück mit Ihrem neuen Geschäft“, sagt eine alte Dame, die interessiert vom Nachbartisch dem Gespräch gelauscht hat. „In meiner Kindheit“, fügt sie beim Verlassen des Cafés noch hinzu, „da waren fast alle Lebensmittelgeschäfte noch so.“ Stefan Jugel und Florian Remmler freuen sich über den Zuspruch. Die beiden Männer wollen im April den ersten „Fair unverpackt“-Laden an der Düsseldorfer Straße 12 in Wilmersdorf eröffnen.

Unverpackt-Laden in Wilmersdorf mit eigenem Konzept

Drei Läden gibt es schon in Berlin, in denen Kunden Lebensmittel und andere Produkte ohne Umverpackung in mitgebrachte Gefäße oder vor Ort erhältliche Mehrwegbehältnisse erwerben können. „Zwei in Kreuzberg und einer in Prenzlauer Berg“, sagt Florian Remmler. Es sei an der Zeit gewesen, sich mit der Idee auch nach in die City West zu wagen. Remmler und Jugel haben sich lange in der Branche umgesehen und sich über Lieferwege, Großverpackungen, CO2-Fußabdrücke und nachhaltige Landwirtschaft schlau gemacht. „Wir können das Rad nicht neu erfinden und sind froh, dass wir in bereits bestehende Netzwerke einsteigen können, aber wir wollen auch eigene Vorstellungen umsetzen und mit anderen Anbietern im Kiez zusammenarbeiten“, sagt Stefan Jugel.

Laden soll plastikfrei sein

Ein Grundpfeiler ihres Konzepts lautet: Plastikfrei soll er sein. „Wir wollen die Waren nicht in PVC-Behältern anbieten, sondern in Behältern aus Glas, auch wenn deren Anschaffung kostspieliger ist“, sagt Remmler. Schon bei der Anlieferung der Produkte werde darauf geachtet, dass diese in Mehrwegbehältnissen verfügbar seien. „Es gibt Alueimer auf Pfandbasis oder andere Mehrwegbehälter, die wieder an den Lieferbetrieb zurückgesandt oder von diesem abgeholt werden“, sagt Jugel. Es gebe zwar noch nicht viele solche Zulieferer, aber es würden immer mehr, auch in Berlin und der Region.

Regionale Versorgung mit kurzen Lieferwegen

Gerade die regionale Versorgung mit möglichst kurzen Wegen in den Laden ist für Jugel und Remmler ein weiteres Prinzip. „Wir haben uns für einen Radius von 150 Kilometern entschieden. Uns geht es ja nicht nur um eine Minimierung des Verpackungsmülls, sondern auch um eine Verbesserung der CO2-Bilanz“, sagt Remmler. Zwar, so räumt er ein, würden einige der großen Gebinde, wie auch Milch, in großen Kunststoffverpackungen oder Schläuchen geliefert. Doch es sei angesichts der Gesamtmenge des Mülls immer noch weniger, einen großen Beutel der Wiederverwertung zuzuführen, als viele kleine. Die beiden Geschäftsleute lehnen aber auch Angebote ab, die an sie herangetragen werden. „Gestern wurden uns Bio-Baumwoll-Binden angeboten. Das finden wir ja alles toll, aber Baumwolle an sich ist aber ja schon nicht der gute Stoff, weil sie aus wärmeren Regionen zu uns geliefert wird und als Pflanze einen hohen Wasserverbrauch hat“, erklärt Remmler. Zudem habe er den Eindruck, es sei mehr Biobaumwolle auf dem Markt als hergestellt werde. Ihr textiles Angebot priorisiert deshalb Produkte aus Hanf, eine Pflanze, die auch in der Region Berlin bis zu vier Mal im Jahr heranwachse, dabei sogar den Boden verbessere und sich mit ihren langen, weichen Fasern gut zur Herstellung von Textilien eigne. „Wir haben da schon Kontakte mit Herstellern hier in Berlin geknüpft“, sagt er.

Hersteller können kaum den Bedarf decken

Bei einigen Produkten weichen Jugel und Remmler von ihrem 150-Kilometer-Grundsatz ab. „Wenn wir sagen, das ist ein besonderes Produkt oder das brauchen wir unbedingt in unserem Portfolio, machen wir auch eine Ausnahme“, sagt Jugel. Dazu gehörten beispielsweise Kaffee oder Schokolade. „Aber da bleiben wir dann bei den Standards bio und fair trade.“ Bei Schokolade gebe es beispielsweise auch die Möglichkeit, dass man nicht nur den Kakao in einem Ursprungsland wie Ghana kaufe und dann in der Region zu Schokolade veredle, sondern die Schokolade direkt bei Herstellern in Afrika beziehe. „Da bleibt dann mehr Geld direkt dort“, erklärt Remmler. Doch bislang komme solche Schokolade noch im Hafen Hamburg an, werde an einen Großhandel nach München geliefert und von dort aus dann deutschlandweit verteilt. „Da sagen wir dann tut uns leid, da machen wir dann noch nicht mit. Da stimmt die CO2-Bilanz dann so gar nicht.“, sagen die beiden.

Rund 600 verschiedene Produkte

Etwa 600 verschiedene Produkte sollen auf 96 Quadratmetern im „Fair unverpackt“-Laden an der Düsseldorfer Straße verkauft werden. Vorerst nur Dinge, die nicht gekühlt werden müssen, „weil das wieder nur Energie kostet“, wie Körner, Nüsse und vorgemischte Müslis, Nudeln und Brot, aber auch Schokolade, Kaffee und Nuss-Nugat-Creme, Säfte und Milch sowie Wasch- und Reinigungsmittel. 1,60 Euro soll ein Liter Vollmilch etwa kosten, 100 Gramm Mandelmus oder 500 Gramm brauner Rohrzucker sind für 3 Euro zu haben, verschiedene Sorten Müsli pro 100 Gramm für 1,90 Euro.

Bis April müssen Remmler und Jugel noch viele Kontakte zu Anbietern knüpfen. „Es gibt beispielsweise vier kleine Produktionsstätten von Bio-Seife in Berlin. Drei haben uns abgesagt, weil sie gar nicht mehr in der Lage sind, den Bedarf zu bedienen“, sagt Remmler. So sei das in vielen Bereichen, die Kunden wollten ein Produkt, aber die Industrie sei noch gar nicht bereit dafür. Allein die großen Glasbehälter für ihren Laden hätten eine mehrmonatige Lieferfrist, weil die so gar nicht auf Lager liegen würden.

Crowdfunding-Initiative gestartet

Damit alles klappt, haben Remmler und Jugel eine Crowdfunding Initiative gestartet, in der sie um Unterstützung für ihr Projekt bitten. „Wir freuen uns natürlich sehr über Spenden, weil das in der Anfangszeit unsere Kosten minimiert, aber wir vergeben auch Einkaufsgutscheine, die dann nach der Eröffnung des Ladens eingelöst werden können“, sagen die beiden Unternehmer.

Video zum neuen Unverpackt-Laden