Nächstenliebe

Ärzte behandeln in Wilmersdorf Menschen ohne Versicherung

Der Malteser Hilfsdienst hat das Ehrenamts-Projekt schon vor fast 20 Jahren gegründet. Bis heute ist es einzigartig in Berlin.

Die Einrichtung der Malteser in einem Seitenflügel des St.-Gertrauden-Krankenhauses in Wilmersdorf behandelt Menschen ohne Krankenversicherung.

Die Einrichtung der Malteser in einem Seitenflügel des St.-Gertrauden-Krankenhauses in Wilmersdorf behandelt Menschen ohne Krankenversicherung.

Foto: Maurizio Gambarini

Wilmersdorf.  Sie kauern oder stehen in einer lange Reihe an der Wand eines düsteren Flurs. Das Wartezimmer, in dem es Stühle gibt, ist längst überfüllt. Wer sie sind und woher sie kommen, wollen sie nicht sagen. Viele verstehen die Frage auch nicht oder wollen sie nicht verstehen. Zu tief sitzt die Furcht, jemand könnte Papiere verlangen, die die meisten von ihnen nicht haben. Wegducken vor einer Gefahr, die ihr Leben begleitet. Doch woher sie auch kommen, sie haben alle eines gemeinsam: Sie sind krank, oft sehr krank, und sie haben keine Krankenversicherung.

Krankheiten mit soziokulturelle Hintergründen

„Wir haben hier jeden Tag herzzerreißende Schicksale vor uns“, sagt Hanno Klemm. Der Allgemeinmediziner ist der Leiter der Einrichtung Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung (MMM). „Viele Krankheiten werden von den Menschen verschleppt, bevor sie hierherkommen. Wir hatten hier kürzlich eine Drillings-Schwangerschaft, da wurde auch alles verschleppt und verzögert. Wir haben alle drei Kinder verloren“, sagt Klemm.

Unter schwierigsten Bedingungen zu arbeiten, scheint Klemm eher zu beflügeln als zu lähmen. Neben seinem Medizinstudium hat er Französisch und Spanisch studiert. „Ich habe auch ein paar Jahre im Ausland studiert und gearbeitet und sozusagen dieses migrantische Sein am eigenen Leib erlebt“, erzählt Klemm. Er habe gelernt, dass Krankheit nicht immer nur eine medizinische Ursache habe, viele Krankheitsbilder seien eingebettet in soziokulturelle Hintergründe, die es zu verstehen gelte. „Ich habe nach meiner Ausbildung dann eine Stelle gesucht, die in diesem interkulturellen Raum verortet ist und bin hier gelandet“, sagt er.

Malteser Medizin vor 20 Jahren gegründet

Sein Hier ist das ehemalige Schwesternheim in einem Seitenflügel des Wilmersdorfer St.-Gertrauden-Krankenhauses, in dem der MMM vor rund 20 Jahren gegründet worden ist. „Wer sich wegen seines illegalen Aufenthaltsstatus oder auch aus finanziellen Gründen nicht leisten kann, zum Arzt zu gehen, der bekommt bei uns die medizinische Grundversorgung, die er oder sie benötigt – kostenlos, auf Wunsch anonym und ohne bürokratischen Aufwand“, sagt die Praxismanagerin der Malteser, Felicitas von Wietersheim.

Einzelne Ärzte, die Bedürftigen oder Obdachlosen helfen, gibt es durchaus in der Stadt. Doch die Wilmersdorfer Einrichtung ist einmalig in Berlin. „Das hier ist wie eine kleine Poliklinik“, erklärt von Wietersheim. Rund 30 ehrenamtlich arbeitende Ärzte decken die Fachrichtungen Allgemeinmedizin, Gynäkologie, Zahnheilkunde und Orthopädie ab. Auch Kindersprechstunden gibt es – und für alle Bereiche die entsprechenden Behandlungsräume. „Viele unserer Instrumente wie die Ultraschall-Geräte sind Spenden, nicht alles auf dem allerneusten Stand, aber funktionstüchtig. Für unseren Zahnarztstuhl haben wir direkt eine Geldspende erhalten“, sagt die Praxismanagerin. Ergänzt wird das Team auch von einer Sozialberaterin, die Menschen unterstützt, die einen gesetzlichen Leistungsanspruch haben, damit sie ihn auch dauerhaft bekommen.

100.000 Menschen ohne Krankenversicherung in Berlin vermutet

„Schätzungen gehen davon aus, dass im Ballungszentrum Berlin 50.000 bis 60.000 Menschen ohne ausreichenden Krankenversicherungsschutz leben“, sagt von Wietersheim. Klemm schätzt die Zahl noch höher: „Ich denke eher, dass das rund 100.000 sind“, sagt er. Nicht alle kommen aus dem Ausland. „Das kann durchaus auch Deutsche treffen, die selbstständig gearbeitet und ihr Leben lang privat versichert waren. Verlieren die ihre Existenzgrundlage im Rentenalter und können die Beiträge nicht mehr bezahlen, ist es kaum mehr möglich, in eine gesetzliche Kasse zu wechseln“, erklärt die Praxismanagerin. Viele Betroffene kämen auch als Studenten aus dem Ausland nach Berlin. Viele verfügten nur über einen Reiseversicherungsschutz, der aber längst nicht alle Leistungen wie beispielsweise Vor- oder Kontrolluntersuchungen bei Schwangeren abdecke.

Der Druck auf die kleine Wilmersdorfer Poliklinik wächst stetig. „Die Menschen, die oft in prekären Situationen hier bei uns leben, sind aber in der Regel gut vernetzt in ihrer Community“, sagt von Wietersheim. „Meistens finden sie uns durch Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt sie. „Oder Netzwerkpartner in anderen sozialen Einrichtungen verweisen auf uns“, ergänzt Klemm. 2771 Patienten wurden 2018 in der kleinen Klinik vorstellig, 8071 Patientenkontakte führt die Statistik für 2018 auf.

„Wir haben zurzeit im Monat rund 150 Neuaufnahmen, also Menschen, die vorher noch nie hier waren“, das mache den Druck deutlich, das spräche Bände, sagt Klemm. Dabei ist das Spektrum der Krankheitsbilder breit. „Wir sehen hier alles, und es ist in der Regel alles weiter fortgeschritten als in einer normalen Berliner Praxis“, sagt Klemm. „Viele kommen ja erst, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht.“

Dringend auf Spenden angewiesen

Die Grenzen für die Behandlungen liegen in den finanziellen Möglichkeiten der Praxis, die sich nahezu ausschließlich aus Spenden finanziert. Immerhin 20.000 Euro pro Jahr steuert auch der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bei. „Das sind die Ärmsten der Armen, die brauchen wirklich unsere Hilfe“, sagt Sozialstadtrat Detlef Wagner (CDU). Gern würde er die Einrichtung stärker unterstützen, doch auch die Bezirkshaushalte verfügen nur über geringen Spielraum. „Wir brauchen wirklich Hilfe“, sagt Felicitas von Wietersheim. „Allein die Medikamente, die wir jährlich benötigen, kosten rund 50.000 Euro.“ Dazu kommen die Miete für die Praxis, Verbrauchskosten und Anschaffungskosten für Geräte, für die sich nicht rechtzeitig ein Spender finde. „Die Strukturen mussten immer wieder im laufenden Betrieb angepasst werden, denn es gab keine Pause, in der man hätte innehalten und neu strukturieren können. Wir sind nun an einem Punkt angelangt, an dem wir wirklich Hilfe benötigen“, sagt Hanno Klemm.

Information

Informationen zum Spendenkonto: „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung (MMM)