Jubiläum

Wo sich Kästner und Brecht zum Lesen trafen

90 Jahre „Marga Schoeller Bücherstube“ in Charlottenburg: Konzentration auf das Buch, kein Krimskrams und eine geballte Ladung Kompetenz.

Ruth Klinkenberg (72) ist heute Geschäftsführerin in der Marga Schoeller Bücherstube an der Knesebeckstraße in Charlottenburg. 1972 kam sie nach Berlin und arbeitet anfangs noch mit der Gründerin Marga Schoeller zusammen.

Ruth Klinkenberg (72) ist heute Geschäftsführerin in der Marga Schoeller Bücherstube an der Knesebeckstraße in Charlottenburg. 1972 kam sie nach Berlin und arbeitet anfangs noch mit der Gründerin Marga Schoeller zusammen.

Foto: Katja Wallrafen

Berlin. Vor dem Zweiten Weltkrieg war es der Treffpunkt der „Anti-Nazi-Intelligenz“. Nach dem Krieg das „Zentrum des geistigen Berlins“. Später folgte ein ungeliebter Umzug vom Kudamm an den heutigen Standort an der Knesebeckstraße 33. Und heutzutage der Kampf mit der Konkurrenz durch einen weltweit aktiven Online-Versandhandelskonzern und Buchhandelsketten: Es waren 90 turbulente Jahre, in denen sich die „Marga Schoeller Bücherstube“ dennoch behauptet hat.

Im Jubiläumsjahr blickt das Team nicht nur zurück, sondern zuversichtlich auch nach vorne. „Natürlich wissen wir nicht, wie sich die Buchbranche in der Zukunft entwickelt“, sagt Ruth Klinkenberg, Geschäftsführerin der Bücherstube. „Aber wir haben einen treuen Kundenstamm, der das breite Sortiment und das große Angebot an englischsprachigen Titeln schätzt. Wir hoffen natürlich, dass das so bleibt.“

Wie behauptet sich eine Traditionsbuchhandlung in Zeiten des digitalen Wandels mit ihren „eBook-Flatrates“? Mit den guten alten Tugenden der Gründerin Marga Schoeller. „Ihr Verhältnis zu ihren Kunden war eine wohl ausgewogene Mischung aus Zurückhaltung, Charme und Zugewandtheit. Unstrittig war für sie, dass die Kunden im Mittelpunkt stehen“, erinnert sich Ruth Klinkenberg. Sie arbeitet seit 1972 in der Bücherstube. Zuerst angestellt als Buchhändlerin, später gemeinsam mit anderen in einem Kollektiv, aktuell als Geschäftsführerin. Für die 72-Jährige ist das Buch ein unverwechselbares Produkt, darauf liegt in der „Marga Schoeller Bücherstube“ der Schwerpunkt. „Wir sind im besten Sinne altmodisch. Wir bieten ein breites Sortiment und viele kleinere Verlage. Sie finden hier keine Bestsellerstapel und so gut wie keine „Non-Book“-Artikel, also keine Tassen, Kissen oder Tees“, sagt Ruth Klinkenberg. „Wir inszenieren nichts, sondern lassen Raum für Entdeckungen.“

Prominente Namen schmücken das Gästebuch

So war es in den ersten 45 Jahren am Kudamm und eben auch in den dann folgenden 45 Jahren an der Knesebeckstraße. Die 1905 im rheinischen Düren geborene Marga Schoeller (später verheiratete Rodig) kam nach Berlin und arbeitete zunächst in einem Zeitschriftenverlag. Dort war sie nicht glücklich. Sie verliebte sich in einen kleinen Buchladen am Kudamm. Ihre Eltern, Inhaber einer Papierfabrik, unterstützten die Tochter beim Start in die Selbstständigkeit. „Bald trafen sich in ihrer Bücherstube Schriftsteller und Schauspieler, Professoren und Studenten – alle, die sich gegen nationalsozialistisches Gedankengut stemmten“, erzählt Ruth Klinkenberg. „Die Bücher, die Marga Schoeller verkaufen wollte, waren bald nicht mehr zu bekommen, wurden verbrannt oder verboten. Dennoch versorgte sie manche Kunden mit verbotenen Büchern aus einem geheimen Keller.“ Nach dem Krieg war Marga Schoeller die erste Buchhändlerin in Berlin, die lizenziert wurde. Ihre Bücherstube galt als Zentrum des geistigen Berlins. Ein Gästebuch aus den Jahren 1930 bis 1965 versammelt die Namen von prominenten Köpfen: Thornton Wilder, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Christopher Isherwood, Aldous Huxley, Henry Miller, Elias Canetti, Erich Kästner, Bertolt Brecht, Robert Musil, Jean Cocteau, die Maler George Grosz, Rudolf Schlichter, Alfred Kubin, László Moholy-Nagy, der Bildhauer Henry Moore.

Und nicht nur im heutigen Berlin melden Vermieter „Eigenbedarf“ an. Vor 45 Jahren traf es auch das ursprüngliche Ladenlokal. Schweren Herzens musste Marga Schoeller von der Prachtmeile in die Seitenstraße weichen. Nach dem Umzug gab sie ihr Geschäft in andere Hände, wollte die Verantwortung auf viele Schultern verteilt sehen. „Die Umwandlung in eine GmbH und die Übernahme durch ein Kollektiv, dem auch ihr Sohn Thomas Rodig angehörte, hat sie selbst noch mit vorbereitet.

Vollzogen wurde diese Umwandlung allerdings erst nach ihrem Tod im 1978“, erzählt Ruth Klinkenberg. Nach 20 Jahren im Kollektiv musste dann allerdings doch wieder ein Chef oder eine Chefin gefunden werden. „Es war nicht so, dass es Streit gab, es ist eher so ausgelaufen. Menschen verließen die Stadt, hatten andere Pläne und so lief das aus.“ Inzwischen hat Florian Schoeller, ein weitläufiger Verwandter, als alleiniger Gesellschafter die unternehmerische Verantwortung übernommen.

Zu den Aktionen im Jubiläumsjahr gehört eine Zusammenarbeit mit den Kunden, die sich untereinander auf gute Bücher hinweisen. Im Schaufenster leuchtet ein blauer Rahmen, aktuell wird dort „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos empfohlen. Der Besucher verlässt die Bücherstube nicht, ohne sich Tipps von Ruth Klinkenberg mit auf den Weg geben zu lassen. Auf die Frage, welche Bücher sie empfiehlt, antwortet sie spontan: Eugen Ruges „Metropol“, Gianrico Carofiglios „Drei Uhr morgens“ und Francesca Melandris „Über Meereshöhe“.