Volkstrauertag

Bundeswehr - Naumann fordert Respekt und Wertschätzung

Charlottenburg-Wilmersdorf hat eine Patenschaft mit einer Kompanie der Bundeswehr. Der Bezirksbürgermeister will sie mit mehr Leben füllen.

Soldaten des Wachbataillon der Bundeswehr und der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD) sammeln am Sonnabend  für die Kriegsgräberfürsorge.

Soldaten des Wachbataillon der Bundeswehr und der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD) sammeln am Sonnabend für die Kriegsgräberfürsorge.

Foto: Maurizio Gambarini

Charlottenburg-Wilmersdorf. Seit 20 Jahren pflegt der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf eine Partnerschaft mit der 5. Kompanie des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung. Anlässlich des Volkstrauertags kommen Mitglieder der Kompanie traditionell zum Markt am Karl-August-Platz, um Geld für die Kriegsgräberfürsorge zu sammeln. Im Interview der Berliner Morgenpost erklärt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD), wie diese Partnerschaft entstanden ist, wie sie der Bezirk mit Leben füllt und warum es wichtig ist, dass die Bundeswehr mehr Kontakt mit der Zivilgesellschaft bekommt.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet diese Paten- oder Partnerschaft denn ganz konkret für den Bezirk?

Reinhard Naumann: Ich bin als Kommunalpolitiker von der Charlottenburger Seite her zum ersten Mal mit einer Aktion in Berührung gekommen, die die Beziehung vielleicht am nachhaltigsten abbildet, nämlich beim damaligen Fest der Nationen auf dem Prager Platz. Dort gibt es immer Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, die in der Kaserne zubereitet wird und von den Soldatinnen und Soldaten, unterstützt von der Reservistenkameradschaft 04 Wilmersdorf, während des Festes für einen sozialen Zweck im Bezirk verkauft wird. Etwas Vergleichbares hat es in Charlottenburg vor der Bezirksfusion nicht gegeben. In diesem Jahr konnten sie nicht an unserem Bezirksfest teilnehmen, weil das Datum des Festes genau auf den Tag der Feier des 60-jährigen Bestehens ihrer Kompanie fiel, aber im nächsten Jahr, das ist schon verabredet, wird die Erbsensuppe wieder ausgeschenkt.

Wem kam denn das Geld zugute?

Das Geld wurde zuletzt Kinder- und Jugendeinrichtungen des Bezirks übergeben. Das zeigt, dass die Kompanie sich über soziales Engagement dem Bezirk verbunden fühlt.

Gibt es noch weitere Kontakte jenseits der Erbsensuppen-Aktion einmal im Jahr?

Ich treffe mich mindestens einmal im Jahr zu einer gemeinsamen Jahresplanung mit dem Kompaniechef. Da überlegen wir dann, wie eine gemeinsame Aktivität aussehen kann. Die Kompanie wünscht sich dann schon immer etwas, das ein Arbeitseinsatz sein soll. Da müssen wir dann aber immer auch darauf achten, dass wir Handwerkern keine Arbeit wegnehmen. So hat sich die Kompanie in jüngster Zeit beim Sandaustausch im Jugendfreizeitheim Plöner Straße beteiligt und auch bei Malerarbeiten in zwei bezirklichen Kitas, das hat uns die Handwerkskammer genehmigt. Die Eltern und die Kita-Teams waren hellauf begeistert. Wichtig ist mir auch, Teile der Kompanie im Rathaus begrüßen zu dürfen, um ihnen die kommunalpolitische Arbeit als Teil gelebter Demokratie vor Ort vermitteln zu können.

Brauchen wir in Berlin mehr solcher Kontakte, um die Bundeswehr als Teil unserer demokratisch verfassten Gesellschaft zu erleben?

Erst einmal kann ich das an mir persönlich festmachen. Als West-Berliner Junge war ich von der Wehrpflicht ausgenommen. Ich habe mich Anfang der 80er-Jahre auch in der Friedensbewegung engagiert. Als evangelischer Christ habe ich regelmäßig bei meinen Besuchen auf den Kirchentagen wahrgenommen, dass in diesem Spektrum neben pazifistischen Gruppierungen auch die Militärseelsorge Präsenz zeigte. Ich habe für mich immer, das hat vielleicht auch mit meinem Jura-Studium zu tun, die Notwendigkeit der Bundeswehr im Rahmen des Verfassungsauftrags gesehen. Es hat sich für mich also nie eine „Ob-Frage“ gestellt, sondern eine „Wie“-Frage. Ich bedauere sehr, dass die Bundeswehr in der gesellschaftlichen Realität zu oft mit der „Ob“-Fragestellung konfrontiert wird.

Meinen Sie mit der Ob-Frage die Frage danach, ob es die Bundeswehr überhaupt geben muss?

Ja, genau, bis hin zu der Formulierung „Alle Soldaten sind Mörder“. Ich finde es aber wichtig, sich mit der „Wie“-Frage auseinander zu setzen, also was ist die Bundeswehr und wie ist sie unterwegs? Und da stelle ich fest, dass ich durch das Kennenlernen von Menschen, die den Beruf Soldat gewählt haben, auch für mich ein differenziertes Bild gewonnen habe. Ich leite meine Haltung vom Verfassungsauftrag ab und sehe die Bundeswehr als Parlamentsarmee. Meine Wahrnehmung ist, dass das zu sehr in Sonntagsreden hängen bleibt und wir vor Ort in Kommunen oder eben in einem Bezirk zu wenig Berührungspunkte haben. Ich bin seit Jahren im Umfeld des Volkstrauertags unterwegs und unterstütze die Sammlung für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem sich die Bundeswehr natürlich eng verbunden fühlt. Auch in diesem Jahr sind wir deswegen wieder gemeinsam mit den Soldatinnen und Soldaten der 5. Kompanie des Wachbataillons auf dem samstäglichen Markt am Karl-August-Platz unterwegs und sammeln.

Wie wird eine solche Aktion denn wahrgenommen von der Zivilbevölkerung?

Die Rückmeldung von den Soldatinnen und Soldaten bezogen auf den Charlottenburger Kiez war durchweg positiv. Es gab keine Anfeindungen und Pöbeleien. Manchen ist es egal, aber es gibt auch Menschen, bei denen die Erfahrung des Kriegsleids noch spürbar ist und die auch mit dem Stichwort Kriegsgräberfürsorge etwas anfangen konnten, die das begrüßt haben. Auch wenn das etwas antiquiert wirkende Wort Kriegsgräberfürsorge für die jüngere Generation vielleicht nicht hip klingt, der Inhalt ist aber hip. Es geht nämlich um das Thema Versöhnung über den Gräbern. Der Berliner Landesverband des Volksbunds für Kriegsgräberfürsorge veranstaltet regelmäßig Camps für junge Erwachsene aus unterschiedlichen Ländern, insbesondere in Ländern, die unter dem von Nazi-Deutschland angezettelten Krieg besonders gelitten haben. Und wenn sich dann junge Deutsche, junge Russen, junge Ukrainer, Polen oder Franzosen begegnen und gemeinsam arbeiten, und auf den Grabsteinen das Alter der Gefallenen lesen, die ja in ihrem Alter waren, dann schafft das wichtige Verbindungen.

Warum ist das dann nicht positiver bei uns besetzt?

Mich stört, darum mein Annäherungsprozess, den ich eben geschildert habe, dass das Thema viel zu ideologisch besetzt ist und immer wieder wird. Mich stört, dass viele mit Vor-Urteilen unterwegs sind, ohne sich vielleicht selber mal der Mühe unterzogen haben, mit Soldatinnen und Soldaten ins Gespräch zu kommen: Was ist Eure Motivation, diesen Beruf gewählt zu haben? Ich habe ja selbst Vorurteile revidiert, weil ich erlebt habe, dass mir kluge reflektierte Menschen begegnen, die sich klar auf unser Grundgesetz beziehen und in Ableitung des Verfassungsauftrags in diesem Beruf tätig sein wollen. Sie haben Respekt und Wertschätzung dafür verdient.

Müsste man gerade deshalb nicht gerade frühzeitig bei Jugendlichen mit dem Abbau von Vorurteilen beginnen und Kontakte herstellen?

Bezogen auf die Schulen besteht ja immer der Verdacht, wenn die Bundeswehr dort auftritt, dass das platte, plumpe Werbeveranstaltungen sein könnten. Ich bin aber sehr dafür, dass Schülerinnen und Schüler, beispielsweise im Sozial- und Gemeinschaftskundeunterricht, gleichberechtigt darüber informiert werden, warum gibt es eine Bundeswehr, welchen Stellenwert hat die Bundeswehr, aber natürlich auch, welche anderen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements gibt es. Das wäre aus meiner Sicht ein kluges Setting.

Wäre die enge Partnerschaft des Bezirks mit dem Wachbataillon da nicht ein Anknüpfungspunkt für so ein Setting?

Es ist ja nicht die Sache des bezirklichen Schulträgers, da aktiv Initiative zu ergreifen, aber natürlich haben Schulen im Bezirk die Freiheit, da von sich aus anzufragen, wenn Interesse besteht.