Auszeichnung

Sabine Kahl macht in Schmargendorf das Licht an

Buchhändlerin sorgt für die erste Weihnachtsbeleuchtung an Berkaer und Breite Straße und wird mit dem Monika-Thiemen-Preis ausgezeichnet.

Ausgezeichnet: Sabine Kahl in ihrer Schmargendorfer Buchhandlung mit Dackelmädchen Pauline

Ausgezeichnet: Sabine Kahl in ihrer Schmargendorfer Buchhandlung mit Dackelmädchen Pauline

Foto: Carolin Brühl

Wilmersdorf. Sabine Kahl ist für viele Dinge verantwortlich. Zu allererst ist da Dackelmädchen Pauline, die für ein Mitglied ihrer Rasse ausnehmend friedlich auf einem Riesenkissen unter dem Flügel der Schmargendorfer Buchhandlung liegt. Dann sind da ihre Mitarbeiter, die begeistert von ihrer Chefin schwärmen – auch, wenn sie nicht zuhört. Und da ist da noch Schmargendorf, das ebenfalls in den Genuss der anpackenden Art Sabine Kahls kommt. Die beiden Boulevards des sonst eher beschaulichen Ortsteils, Breite und Berkaer Straße, bekommen in diesem Jahr erstmals eine Weihnachtsbeleuchtung. Viele Gründe dafür, dass die gebürtige Essenerin in diesem Jahr mit dem Monika-Thiemen-Preis „Frau in Verantwortung“ des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf ausgezeichnet wird.

Konto bei einer Buchhandlung in Rüttenscheid

Bücher haben im Leben von Sabine Kahl immer eine Rolle gespielt. „Unser Vater hat in der Buchhandlung in Rüttenscheid, in der wir immer eingekauft haben, ein Konto für uns eingerichtet. Meine Geschwister und ich konnten da immer hin und uns holen, was wir lesen wollten. Einmal im Monat hat er dann klaglos die Rechnung bezahlt.“ Nie habe er ein Wort über deren Höhe verloren. „Nach dem Abitur 1978 bin ich dann ganz frech da hingegangen und habe gesagt, dass ich eine Lehre machen möchte“, erinnert sich die 60-Jährige. Zwei Tage später bekommt sie ihre Zusage. „Der Buchhändler führte parallel auch eine Galerie. Seither kann ich kein Bild mehr schief hängen sehen“, sagt Kahl und lacht.

Den Flug nach Salzburg zu Peter Handke verpasst

Verlassen hat sie 1982 ihre Heimatstadt Essen, die Welt der Bücher seither aber nicht mehr. „Ich habe mich damals in einen Typen verknallt, der wohnte in Frankfurt. Über einen Freund landete sie beim Suhrkamp-Verlag, erst im Vertrieb, dann in der Werbung. Immer wieder hatte sie auch mit der Verleger-Legende Siegfried Unseld selber zu tun. „Ich erinnere mich, wie er einmal sagte: ,Fräulein Kahl, können Sie heute Abend nach Salzburg fliegen und Handkes Manuskript abholen?’“ Peter Handke hatte Kahl zufolge immer Sorge, dass sein Manuskript auf dem Postweg verloren gehen könnte. „Und dann, ich schwöre es Ihnen, das war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich den Flug verpasst habe.“ Nach einigen Telefonaten sei sie dann am nächsten Morgen geflogen, habe Handke getroffen, der war sehr verständnisvoll, habe sie zum Kaffeetrinken eingeladen und sogar alle ihre mitgebrachten Handke-Bücher signiert. Anschließend habe sie dann sein Manuskript nach Frankfurt gebracht. „Da traf ich dann Unseld im Aufzug wieder“, erinnert sich Kahl und zieht den Kopf ein wenig ein. „Er sagte zu mir: ,Also Fräulein Kahl, Sie wissen, ich reise viel, aber das ist mir noch nie passiert.’ Ich wäre am liebsten gestorben.“

Viele Stationen fast überall in Deutschland

Geschichten wie diese kann Sabine Kahl viele erzählen, immer begleitet von ihrem fröhlich dröhnenden, rauchigem Lachen und gewürzt mit der Schnoddrigkeit des Ruhrpotts, die sie nicht verloren hat, obwohl sie das Leben einmal quer durch Deutschland und wieder zurück spülte. Von Suhrkamp in Frankfurt aus zog es sie weiter in andere Verlagshäuser wie Heyne, Hoffmann und Campe, Ullstein Heyne List oder den Groh Verlag, nach München, Hamburg, Hagen, in die Schweiz und nach Berlin. Manchmal der Liebe wegen, manchmal, weil sie einfach eine neue Aufgabe reizte. „Ich hatte sehr viel Glück, aber ich habe oft auch eins vor die Glocke gekriegt. Wahrscheinlich, weil ich nicht so geschmeidig, sondern immer so gerade heraus bin“, sagt sie. Bis 2015 arbeitete Sabine Kahl in der Geschäftsführung der Vereinigten Berliner Medien Vertriebs GmbH, als sie dann für sich beschloss: „Ich habe keinen Bock mehr, mir von irgendjemandem erklären zu lassen, wie die Welt funktioniert, ich will jetzt mein eigenes Ding machen“, erklärt sie.

2016 Buchhandlung in Schmargendorf gekauft

Mit 57 Jahren kaufte Sabine Kahl dann im Juni 2016 die alteingesessene Schmargendorfer Buchhandlung Starick an der Breite Straße 35-36. „Das war für mich ein ,Zurück zu den Wurzeln’ und ich habe mir das hier so gemacht, wie ich es schön finde“, sagt sie und wischt mit einer Geste einmal rundherum. Heller, moderner und größer ist das Geschäft seither. Im Team der „Schmargendorfer Buchhandlung“, wie sie jetzt heißt, arbeiten nur Frauen. Geplant hat Sabine Kahl das nicht. „Als ich die Buchhandlung übernommen habe, gab es hier auch noch einen Herrn“, sagt sie. „Das war ein ganz wunderbarer Kollege.“ Er habe dann aber noch einmal etwas ganz anderes machen wollen. „Wir waren irre traurig, als er ging.“ Sie habe dann noch einmal einen jungen Mann eingestellt, „aber dem hat man im Laufen sie Schuhe besohlen können“. Es müsse halt passen und mit dem Team harmonieren. „Prinzipiell ist mir das total schnuppe, ob Mann oder Frau“, sagt sie.

Ihren Mitarbeiterinnen ist Sabine Kahl indes alles andere als „schnuppe“, die haben sie nämlich für den Monika-Thiemen-Preis vorgeschlagen. „Sie lässt uns alle Freiheiten. Dennoch haben wir alle ungeheuer viel von ihr und ihrer Erfahrung im Verlagswesen gelernt“, sagt Mitarbeiterin Gisa Kochinke. „Und ich denke, da spreche ich für alle, wir haben auch viel im zwischenmenschlichen Bereich, in der Frage, wie gehen wir miteinander und mit Stresssituationen um von ihr gelernt. Das hat uns geholfen und uns weitergebracht“, sagt sie.

Sabine Kahl ist aktiv im Vorstand von „14199 Mein Kiez“

Ihr kleine Welt in der Buchhandlung ist Sabine Kahls letzte Station. Ihr Ja kommt auf die Frage wie aus der Pistole geschossen. Genug scheint der Umtriebigen die Buchhandlung allein aber nicht zu sein. Schon 2017 gründete sie mit 50 anderen Geschäftsleuten des Kiezes Berkaer und Breite Straße die Initiative „14199 Mein Kiez“, in deren Vorstand sie sitzt. Gemeinsam wollen sie versuchen, die Verbundenheit der Schmargendorfer mit ihrem Wohnviertel und Einkaufsstandort zu stärken und gelungen ist ihnen, wovon andere Einkaufsstraßen nur träumen: Ab dem 27. November gibt es in Schmargendorf zum ersten Mal eine Weihnachtsbeleuchtung. „Also ich finde das romantisch“, sagt Sabine Kahl.

Vorhergehende Preisträgerinnen

2017 geht der Monika-Thiemen-Preis an Carola Zarth

2018 wurde die Unternehmerin Kristina Feibig als „Frau in Verantwortung“ in Charlottenburg-Wilmersdorf ausgezeichnet: „Ich mag es gern ein bisschen schwierig“

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