Plastikmüll

Warum der Mensch pro Woche eine Kreditkarte isst

Neben dem Klimawandel ist Plastikmüll eines der Probleme, das die meisten Menschen belastet. Wie Berlin damit umgeht.

Plastikmüll an Küsten im östlichen Mittelmeer: Der Müll wurde durch starke Winde angeschwemmt.

Plastikmüll an Küsten im östlichen Mittelmeer: Der Müll wurde durch starke Winde angeschwemmt.

Foto: Marwan Naamani / dpa

Berlin. Bilder von Meeressäugern, die sich in Plastikresten verheddern und verenden oder gigantische Inseln treibenden Plastikmülls in den Ozeanen hat vermutlich jeder schon gesehen. Doch es ist nicht nur der Anblick des Leids und des Unrats, der die gesamte Menschheit vor Probleme stellt.

Wissenschaftlichen Studien zufolge betreffen die Konsequenzen jeden einzelnen, weil sich der Abfall in mikroskopisch keine Partikel teilt. Die Teilchen stecken im Essen, Trinkwasser und in der Luft. Je nach Wohnort und Ernährungsweise nimmt der Mensch wöchentlich fünf Gramm Mikroplastik auf. Das schätzen zumindest Forscher der australischen Universität Newcastle, die sich im Auftrag der Umweltstiftung WWF bereits vorhandene Studien genauer angeschaut haben. Zum Vergleich: Auch eine Kreditkarte wiegt in etwa fünf Gramm.

Die Menge an Plastikmüll steigt in Berlin

Es gibt aber auch immer mehr Initiativen, die das Problem angehen – staatliche, wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche. Müllrecycling ist nur ein Element davon. In Berlin wurden nach Angaben der Senatsumweltverpackung allein 2017 rund 90.000 Tonnen an Verpackungsabfällen gesammelt. Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor. „Nach unseren Beobachtungen steigt die Menge leicht an“, sagt Henning Krumrey, der Sprecher des Entsorgers Alba. Nach seiner Einschätzung dürfte der Grund dürfte im Konsum liegen, da das verfügbare Einkommen der Berliner steige.

Kreislauf: Vom Badeentchen zum Joghurt-Becher

In Berlin gibt es die sogenannte Wertstofftonne, in der Verpackungen aus verschiedenen Kunststoffen, aber auch aus Metall sowie „stoffgleiche Nichtverpackungen“ gesammelt werden. Bei letzteren handelt es sich Krumrey zufolge um Gegenstände, die aus demselben Material wie Verpackungen sind („stoffgleich“), aber eben keine Verpackungen sind. „Eine Bratpfanne ist ebenso aus Metall wie eine Konservendose oder ein Badeentchen ebenso aus Kunststoff wie der Joghurtbecher“, erklärt der Sprecher.

Eingesammelt werden die Tonnen hauptsächlich von Alba, zu einem kleinen Teil auch von der BSR und in die Alba-Anlage nach Mahlsdorf gebracht, wo ihr Inhalt nach verschiedenen Kunststoffen und Metallarten sortiert wird. Die geordneten und wiederaufbereiteten Kunststoffe und Metalle können dann wiederverwertet werden. „Wenn daraus dann wieder eine Verpackung wird, beispielsweise eine Shampooflasche, eine Badeente oder ein Abwasserrohr, ist der Kreislauf geschlossen“, sagt Krumrey. Durch das Recycling einer Tonne gebrauchten Kunststoffs würden rund 800 Kilogramm CO2 eingespart.

Auch Berlins Verwaltung vermeidet Plastikmüll

Auch die Berliner Verwaltung hat sich umgestellt, um Plastikmüll zu mindern. „So dürfen einige Produkte wie Geräte zur Zubereitung von Heißgetränken, in denen Portionsverpackungen zum Einsatz kommen, Mineralwasser, Bier und Erfrischungsgetränke in Einwegverpackungen oder Einweggeschirr und Einwegbesteck in Kantinen und Mensen nicht mehr angeschafft werden“, erklärt die Sprecherin der Umweltverwaltung, Dorothee Winden. In die gleiche Richtung zielt „Better World Cup“, eine Initiative der Senatsumweltverwaltung, der Berliner Stadtreinigung (BSR) und Verbänden aus Umwelt und Wirtschaft. Ziel ist es, möglichst viele Menschen zur Nutzung von Mehrwegbechern zu bewegen und die Verkaufsstellen zu überzeugen, Heißgetränke in solchen Behältnissen zu rabattieren oder selbst mehrmals verwendbare Becher über ein Pfandsystem anzubieten. „Im Rahmen dieser Initiative ist es gelungen, die Anzahl teilnehmender Partnerunternehmen in Berlin auf etwa 1000 anwachsen zu lassen“, sagt Winden.

Charlottenburg-Wilmersdorf hat ein eigenes Spülmobil

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, zu dem auch das Rheingauviertel gehört, macht man sich ebenfalls Gedanken um die Vermeidung von Plastikmüll. „Wir erteilen beispielsweise Genehmigungen für Straßenfeste nur noch mit Auflagen“, sagt Umweltstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Um solche Events entsprechend zu unterstützen, hat der Bezirk ein sogenanntes Spülmobil angeschafft, das sich Festveranstalter ausleihen können, damit kein Einweggeschirr verwendet werden muss. An Aktionstagen wie dem „World Cleanup Day“ am 20. September hat der Bezirk auf dem Steinplatz in Charlottenburg mit verschiedenen Aktionen auf die zunehmende Vermüllung der Erde aufmerksam gemacht. Gäste aus Sri Lanka konnten mit konkreten Beispielen zeigen, wie sehr Plastikmüll das Leben der Menschen auf der tropischen Insel belastet. Die Berliner Morgenpost berichtete.

Forscher der Technischen Universität entwickeln Alternativen

Ganz aus dem Leben wegzudenken sind Kunststoffartikel aus dem Alltag noch nicht. Plastik ist verführerisch leicht, hygienisch und preiswert. Aber es gibt bereits Alternativen: Bio-Plastik. Doch oft ist Bioplastik nicht wirklich Bioplastik, auch wenn es zum Teil aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird. „Die Hälfte der rund zwei Millionen Tonnen, die derzeit pro Jahr produziert werden, ist biologisch nicht abbaubar, die andere Hälfte nur schwer“, sagt Sebastian Riedel von der Technischen Universität (TU) Berlin. Der Bioverfahrenstechniker arbeitet deshalb mit einem Team an Polyhydroxyalkanoate (PHA). Das lässt sich thermisch wie Plastik aus Rohstoffen verformen. „Wir lassen sogenannte Knallgas-Bakterien für uns arbeiten“, sagt Riedel. Die Bakterien werden unter anderem mit Abfallfetten aus der Landwirtschaft und der Gastronomie gefüttert, das sie dann in PHA umwandelten. Noch wird an einer ökonomischen und ökologischen Extraktionsmöglichkeit geforscht. Wenn das gelingt, ist ein großer Schritt erreicht, denn PHA wird in Wasser und Boden vollständig zu Kohlenstoffdioxid und Wasser abgebaut und ist Riedel zufolge mit keinem Risiko für die Gesundheit verbunden.