Neue Pläne

Neues Wohnviertel ohne Verkehr soll am Westkreuz entstehen

Zwei Genossenschaften würden gern auf der Brache in Charlottenburg rund 900 Wohnungen bauen. Doch Senat und Bezirk wollen dort einen Park.

So soll das genossenschaftliche Dorf am Westkreuz einmal aussehen

So soll das genossenschaftliche Dorf am Westkreuz einmal aussehen

Foto: Simulation: ecoplan

Charlottenburg-Wilmersdorf.  Die Idee ist nicht neu. Schon vor gut zwei Jahren wollte der Berliner Investor Christian Gerôme das Westkreuz-Areal mit 1000 Wohnungen und einem Park bebauen. Er kam nicht zum Zug. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmerdorf und der Senat wollen das Areal als Grünanlage entwickeln. Über eine entsprechende Änderung des Flächennutzungsplans (FNP) soll am 30. Oktober das Abgeordnetenhaus abstimmen. Jetzt gibt es für das rund 17 Hektar große Areal zwischen Fern- und S-Bahn aber neue Interessenten und ein neues Konzept.

Die Berliner Genossenschaften Erbbauverein Moabit (EVM) Berlin und die WBV Neukölln möchten gemeinsam mit einer dritten, noch unbenannten Genossenschaft auf dem Areal ebenfalls rund 900 Wohnungen bauen. In einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) sowie die Fraktionen im Abgeordnetenhaus und im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bitten sie deshalb darum, die für den 30. Oktober vorgesehene Abstimmung über den Flächennutzungsplan zu verschieben.

Entstehen soll eine Art genossenschaftliches Dorf

„Wir wollen verhindern, dass da Fakten geschaffen werden, die eine Bebauung auf Jahre hinaus unmöglich machen oder ganz blockieren“, sagt EVM-Vorstandsmitglied Jörg Kneller. Die Genossenschaften stellten seit Jahren für den Berliner Wohnungsmarkt wichtige und zuverlässige Partner dar. „Wir brauchen dafür aber auch auch bezahlbare Grundstücke in der Innenstadt, auf denen sich genossenschaftlicher Wohnbau realisieren lässt“, so Kneller. „Wir stellen uns vor, dass auf dem Areal am Westkreuz eine Art genossenschaftliches Dorf entsteht.“

Die Unternehmen haben deshalb das Berliner Planungsbüro Ecoplan beauftragt, ein Konzept für eine Bebauung zu entwickeln. Das sieht drei Gebäude vor, die sich aus zwei unterschiedlich hohen Baukörpern zusammensetzen. Der niedrigere Gebäudeteil ist achtgeschossig, der höhere soll 22 Stockwerke hoch werden. Geplant ist eine intensive Begrünung mit Bäumen auf den Dachterrassen der niedrigen Gebäudeteile, die für die Bewohner zugänglich sein sollen, um die überbaute Fläche zu kompensieren. Als weitere Kompensationsmaßnahme ist eine Aufforstung des östlichen Grünstreifens vorgesehen.

Erschließung über der Holtzendorfstraße

Erschlossen werden soll das ganze Areal Ecoplan zufolge unterirdisch über die Holtzendorfstraße. Durch den Höhensprung des Planungsgebiets könnten Autos an dieser Stelle ebenerdig in die Tiefgarage einfahren. Parallel dazu soll das Gelände aber auch über eine Rampe für die Feuerwehr und Anlieferungen erreichbar sein. Fußgänger gelangen über eine Treppe auf das Areal, Barrierefreiheit soll mit zwei Aufzügen gewährleistet werden. Zudem sind dem Konzept zufolge Brücken für Fahrradfahrer und Fußgänger über die nördlich S-Bahn-Trasse sowie die südliche Bahn-Trasse geplant, die das neue Viertel an die benachbarten Quartiere in Charlottenburg und Halensee anbinden sollen. „Es soll damit auf der gesamten oberirdischen Fläche kein motorisierter Verkehr stattfinden“, sagt Ecoplan-Chef Christoph Mojen.

Vorgesehen ist zudem auch eine Durchwegung zum S-Bahnhof Westkreuz, die durch die Kleingartenanlage führen soll. Die Kleingärten sollen erhalten bleiben und planungsrechtlich gesichert werden, so die Idee. „Bisher bildet das Areal des Westkreuzes eine große stadträumliche Barriere, aus der viele Umwege für Fahrradfahrer und Fußgänger resultieren. Dieser Mangel würde durch die Erschließung geheilt“, sagt Mojen.

Auch an das Gemeinschaftsleben der künftigen Bewohner ist gedacht. So sollen in den Erdgeschossen der Häuser keine Wohnungen, sondern Gemeinschaftsräume sowie ein Concierge-Service eingerichtet werden. In den jeweiligen achten Stockwerken der höheren Baukörper würde ebenfalls Gemeinschaftsräume geschaffen, die über eine Verbindung zur Dachterrasse des nierigeren Gebäudetrakts verfügen sollen.

„Wir denken, wenn Bezirk und Senat bereit sind, mit uns über dieses Konzept zu reden, müsste eigentlich erkennbar sein, dass jeder davon profitieren würde“, ist sich Mojen sicher.

Gelände ist Spielball von Interessen

Doch das Gelände ist schon lange ein Spielball verschiedener Interessen. Noch ist es als Bahnfläche planfestgestellt, doch die Deutsche Bahn möchte es möglichst gewinnbringend veräußern und hat es vor gut einem Jahr dem Vernehmen nach für rund 6,5 Millionen Euro an den Berliner Investor Uwe Glien verkauft. Doch der Eigentümerwechsel ist noch nicht vollzogen, weil der Bezirk auf sein Vorkaufsrecht pocht und das vor Gericht einklagt. „Bevor diese Entscheidungen nicht gefallen sind, gibt es sowieso nichts zu diskutieren“, sagt Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) auf die Frage, was er von den Plänen der Genossenschaften halte.

Keine Diskussion wollen indes die Linken in der Bezirksverordnetenversammlung zulassen, die auf einer Grünanlage bestehen. Unterstützt werden sie dabei von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke), die wegen des Westkreuzes schon einen Streit mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) ausgefochten hat.

„Wir wünschen uns, dass unser Plan ein bisschen Sachlichkeit in die Diskussion zurückbringt und sich die Abgeordneten am 30. Oktober gegen eine Änderung des FNP entscheiden“, sagt Uwe Springer aus dem Vorstand der Neuköllner Genossenschaft WBV.