Brandbrief

Breitscheidplatz: „Tiefpunkt der Verwahrlosung erreicht“

Micheal Frenzel, Manager des Palace Hotels, beklagt in einem Brandbrief die Zustände am Breitscheidplatz.

Berlin. Vermüllte Gehwege, blockierte Zufahrten und Behörden, die sich nicht zuständig fühlen – im Juli sorgte Martin Germer, der eigentlich sonst ruhige Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg mit einem Brandbrief an Senat und Bezirk für Aufsehen.

Die Zustände auf dem Breitscheidplatz stanken dem Kirchenmann gewaltig. Geändert hat sich seitdem augenscheinlich nichts. In einem zweiten Brandbrief an Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) legt Michael Frenzel, General Manager des Palace Hotels im Europacenter, nun nach und fragt: „Ist die Tatenlosigkeit eine steuergeldschonende Strategie, damit wir, genervt und enttäuscht ob des Stillstands, Geld in die Hand nehmen und die temporären Sicherheitsinstallationen sowie den Platz adäquat aufhübschen?“

Breitscheidplatz in Berlin: Überall Abfall, Nagetiere fühlen sich wohl

Frenzel zeigt sich besonders enttäuscht, weil Geisel im Juli im Gespräch Verbesserungen ankündigte. Er sei optimistisch gewesen, dass die Nöte der Gewerbetreibenden berücksichtigt worden seien, schreibt der Hotelmanager. „Nach nunmehr knapp drei Monaten Stillstand hat der Zustand des Breitscheidplatzes einen Tiefpunkt der Verwahrlosung erreicht, der durch die Budenansammlung und Installationen des Marktes zu ,Berlin leuchtet’ noch unterstrichen wird.“ Einem Luftkissen in Form des Brandenburger Tors gehe „bei Tageslicht die Puste aus“. Die Müllbehälter seien verhüllt, Abfall allgegenwärtig, Nagetiere würden sich „überaus wohlfühlen und munter vermehren“.

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Mehrere Zusagen aus dem Sommer seien nicht eingehalten worden, klagt Frenzel. So seien etwa die defekten Sandsäcke nicht ausgetauscht worden. Auf den eingerichteten Baustellen würde niemand arbeiten. Für den ständigen Auf- und Abbau der Jahrmärkte würden die nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt installierten Poller und Blockaden versetzt oder zeitweise ganz entfernt. „Somit entstehen große Lücken, und es scheint, dass die Sicherheitslage für die Berliner und die Gäste dieser Stadt variabel bewertet wird“, so Frenzel.

Gedächtniskirche - Pfarrer Germer stimmt Michael Frenzel zu

Kurz nach Frenzels Schreiben meldete sich auch Pfarrer Germer zu Wort. Er könne sich den Ausführungen nur anschließen. Er beklagt, dass seine Mails an Senat und Bezirk im Anschluss an die Besprechung mit Geisel unbeantwortet geblieben seien und keinerlei Maßnahmen zur Folge gehabt hätten. „Ich habe bis heute keine Mitteilung darüber, wer für uns Ansprechperson ist, um Schadenersatzansprüche infolge von durch die Sicherungsmaßnahmen verursachten Baukostenerhöhungen geltend zu machen“, schreibt Germer.

Infolge des Besucherrückgangs beklagt der Pfarrer „gravierende Einnahmeausfälle“. Die seien unzweifelhaft auf „die abschreckende Optik der völlig überdimensionierten Sicherungsvorkehrungen zurückzuführen“. Germer appelliert an die moralische Verpflichtung des Landes und des Bezirks gegenüber dem Wahrzeichen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, das auf Spendeneinnahmen der Besucher existenziell angewiesen ist.