Jüdische Geschichte

In diesem Haus spiegelt sich die deutsche Geschichte

Ian Stuart besuchte zum ersten Mal das Haus seiner Großeltern in Berlin. Die mussten 1938 als Juden nach London fliehen.

Ian Stuart (Mitte) neben dem heutigen Eigentümer Markus Klimmer (r.) und dem Vorbesitzer Martin Fischer-Dieskau.

Ian Stuart (Mitte) neben dem heutigen Eigentümer Markus Klimmer (r.) und dem Vorbesitzer Martin Fischer-Dieskau.

Foto: Maurizio Gambarini

Einmal sei er bei einem Besuch in Berlin vorbeigegangen, erzählt Ian Stuart. Aus Neugier. „Ich hätte aber nie gedacht, dass ich dieses Haus je betreten würde“, sagt der 62-Jährige und lächelt. Er sitzt zurückgelehnt in einem roten Sessel im großen Wohnzimmer der Villa in Westend, die seine Großeltern vor 97 Jahren bauen ließen, und streicht über seine bunte Krawatte. In seiner Familie habe das Haus, das er bislang nur von Fotos und aus Erzählungen kannte, immer eine große Rolle gespielt. „Meine Mutter liebte es. Sie hatte sehr glückliche Erinnerungen daran und hat sehr bedauert, dass es vorbei war.“ Es nun selbst zu besuchen, sei „magisch – ein großes Abenteuer“. Er habe sich jeden Raum angeschaut. Möglich machte das der jetzige Eigentümer Markus Klimmer, der den Londoner Stuart für einen Tag nach Berlin einlud.

Klimmer gehört heute die Villa, die Stuarts Großeltern Eugen (1878–1954) und Thea Buchthal (1888–1969) 1922 errichten ließen. Das wohlhabende jüdische Ehepaar besaß zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Bekleidungskaufhaus am Gendarmenmarkt. Zunächst lebten sie mit ihren beiden Kindern Hugo und Annegerda, Stuarts Mutter, an der Bayernallee. Als Thea mit dem dritten Kind Wolfgang schwanger war, erwarben sie ein 2240 Quadratmeter großes Eckgrundstück an der Lindenallee und gaben den Bau in Auftrag.

Haus Buchthal ist Erstlingswerk von Wassili und Hans Luckhardt

Das „Haus Buchthal“ ist das Erstlingswerk der damals noch jungen Architektenbrüder Wassili und Hans Luckhardt. Sie konnten ihre Pläne einer expressionistischen Villa umsetzen. Ein kristallartiges Gebäude mit zwei spitz endenden Flügeln entstand, die im rechten Winkel zueinander stehen. Sie gehen von einem um 45 Grad angewinkelten Mittelbau ab. Gesäumt von eckig geknickten Doppelgiebeln erinnerte der Eingangsbereich eher an eine Kirche oder den Sitz eines Unternehmens, als an ein Wohnhaus. „It’s so... bahnbrechend. Extraordinary… außergewöhnlich“, sagt Stuart, der immer wieder vom Deutschen ins Englische wechselt.

Vielleicht zu außergewöhnlich in der damals vornehm-gediegenen, vor allem von Gründerzeitbauten geprägten Villenkolonie Westend. Denn bereits 1929 ließen die Buchthals das Haus umbauen. Der Grundriss blieb. Allerdings glättete Ernst Ludwig Freud, Sohn von Sigmund Freud, die Kubatur des expressionistischen Hauses und verwandelte es in einen Bau der Neuen Sachlichkeit. Auch der portalartige Eingangsbereich verschwand. Im Inneren blieb das Haus aber ein Ort, an dem vor allem junge Künstler ein- und ausgingen.

Buchthals mussten 1938 nach London auswandern

Die systematische Verfolgung und Drangsalierung jüdischer Deutscher ab 1933 brachte auch die Familie Buchthal in finanzielle Not. Sie wurde gezwungen, ihre Kunstsammlung zu verkaufen. Dazu zählten Werke von Lyonel Feininger, Wilhelm Lehmbruck, Emil Nolde, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner. Heute sind sie über die ganze Welt verstreut, viele gelten auch als verschollen. Die genauen Umstände des Verkaufs sind bis heute nicht abschließend geklärt. Einige Werke verblieben aber auch in Berlin, wie etwa Kirchners in Blau gedruckte Radierung „Fehmarnhäuser“, die zuletzt im Kupferstichkabinett zu sehen war.

1936 sah sich die Familie gezwungen, auch das Haus zu verkaufen. Ihr ältester Sohn Hugo war bereits drei Jahre zuvor nach London ausgewandert, Tochter Annegerda studierte zu dieser Zeit im italienischen Bologna. Nur der jüngste Sohn Wolfgang, damals 14 Jahre alt, lebte noch mit seinen Eltern in Westend, als der damalige Krupp-Generaldirektor Bruno Bruhn (1872–1958) und seine Frau Eva das Haus erwarben. Anders als zu dieser Zeit oft üblich, bezahlte Bruhn den geforderten Preis. „Es war von seiner Seite keine Ausnutzung der Situation, sondern eine große Hilfe für mich“, wie Eugen Buchthal 1946 in einem Brief bestätigte. Bruhns schnelles Entgegenkommen und seine äußerst faire Haltung „hat mir meine rechtzeitige Auswanderung ermöglicht“. Die erfolgte 1938. Bis dahin lebten die Ehepaare Buchthal und Bruhn unter einem Dach. Über das Verhältnis der beiden Familien zueinander ist heute nichts bekannt.

Kammersänger Dietrich Fischer-Dieskau kaufte Haus 1954

Im Zuge der zunehmenden Zerstörung Berlins durch den Krieg wurden viele Menschen obdachlos. Das Ehepaar Bruhn nahm einige von ihnen auf – darunter auch verfolgte Kommunisten und Juden. Im Jahr 1942 begann Eva Bruhns Nichte Irmgard Poppen in Berlin Musik zu studieren und zog zu ihrer Tante nach Westend. An der Berliner Musikakademie lernte sie den Gesangsstudenten Dietrich Fischer-Dieskau kennen. „Beide verliebten sich und er zog nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft mit ins Haus“, erinnert sich der gemeinsame Sohn Martin Fischer-Dieskau. Beide heirateten 1949. Fünf Jahre später kaufte Dietrich Fischer-Dieskau, mittlerweile weltweit als Kammersänger erfolgreich, das Haus für 95.000 DM von der Tante seiner Frau, baute an und bewohnte es mit seiner Familie künftig allein.

Der Name Buchthal geriet in Vergessenheit. „Über Bruhn hinaus wurde nichts diskutiert“, erinnert sich Sohn Martin Fischer-Dieskau, der im Zimmer von Ian Stuarts Mutter aufwuchs. „Zumindest nicht mit uns Kindern.“

Dietrich Fischer-Dieskau lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2012 in dem Haus. Klimmer kaufte es drei Jahre spätern von den Erben des Sängers und baute es um. „Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt“, sagt der 55-Jährige. „Ich wollte dem architektonischen Kunstwerk gerecht werden, aber kein Museum schaffen, sondern ein Haus, in dem man wohnen kann.“ Das bedeute nicht, dass man die Geschichte aus dem Haus vertreiben müsse – im Gegenteil. „Aus jeder Ära ist etwas geblieben.“

Jetziger Eigentümer stellte Originalzustand wieder her

So stellte Klimmer die originale Farbgebung der Innenräume wieder her und ließ etwa die Wände grün, rot, blau oder gelb streichen. Durch Zufall stießen die Bauarbeiter auf den repräsentativen Eingangsbereich, der fast 90 Jahre unter einer Betonverschalung versteckt lag, und nun in Abstimmung mit dem Denkmalschutz wieder freigelegt wurde. Er setzt das Haus wirkungsvoll in Szene. „Es hat aber eine Weile gedauert, bis ich mich damit anfreunden konnte, weil es jetzt nicht mehr das unauffällige Haus ist, als das ich es erworben hatte“, sagt Klimmer.

Viel habe er sich mit der Geschichte des Hauses und seiner Erbauer auseinandergesetzt, so Klimmer weiter. „Wer hat eigentlich in den 20er-Jahren so etwas errichten lassen?“ Ihm sei vor allem wichtig gewesen, dass sich kein Unrecht fortsetze, so der Eigentümer weiter. Entsprechend sei der Brief Eugen Buchthals aus dem Jahr 1946 entscheidend gewesen. Dass es Nachfahren gibt, habe er erst durch einen Artikel in der Berliner Morgenpost aus dem April 2018 erfahren. Darin ist vom Restitutionsfall Buchthal die Rede und davon, dass sich das Kupferstichkabinett im Fall eines Kunstwerks von Ernst Ludwig Kirchner mit den Erben geeinigt hat. „Ich habe Ian dann ausfindig gemacht, im April in London kennengelernt und eingeladen.“

„Ich habe seit heute eine neue Idee von meiner Familie und von dem, was sie hier errichtet haben“, sagt Stuart nach dem Besuch. Seinen Großvater, den er als ehrenwerten, ehrlichen, gegenüber den Kindern strengen, aber den künstlerischen Ambitionen seiner Frau freigiebigen Mann beschreibt, lernte er nie kennen. „Ich habe mir oft vorgestellt, wie er abends hungrig von der Arbeit nach Hause kam und in Ruhe zu Abend essen wollte, aber das ganze Haus voller Künstler vorfand“, sagt Stuart und lacht. „Beide müssen sehr sozial und unterhaltsam gewesen sein.“ Zu seiner Großmutter, die er als alte Frau kennenlernte, habe er nie eine Beziehung aufbauen können.

Kunst zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte

Generell zieht sich die Kunst wie ein roter Faden durch die Geschichte des Hauses an der Lindenallee. Nach Thea Buchthal zog mit Eva Bruhn eine Opernsängerin ein. Bei seinem Vater gingen Größen wie Benjamin Britten, Igor Strawinsky oder Paul Hindemith ein und aus, sagt Martin Fischer-Dieskau, den es ebenfalls in die Welt der Musik zog: Er wurde Dirigent. „Es war immer ein Begegnungshaus und das hatte doch Thea Buchthal schließlich begonnen und es ist schön, dass daran wieder angeknüpft wurde, wenn auch unbewusst.“

Auch Ian Stuart hat eine musikalische Karriere eingeschlagen, er ist Klarinettist und war lange Teil des Ensembles von Karlheinz Stockhausen. Nur für seine Großeltern spielte die Kunst nach der Auswanderung keine Rolle mehr, sagt Stuart. „Sie sind mit ihrem Leben davon gekommen und waren dafür sehr dankbar.“ Viel gesprochen über die Zeit in Berlin wurde nicht. In London begann ein bescheidenes Leben. Die einstige Kunstmäzenin verdingte sich als Näherin. Der Kaufhausbesitzer arbeitete bis zu seiner Erblindung als Handelsvertreter für Kindermode. „Ich bewundere sie, dass sie weitergemacht haben“, sagt Stuart. Rachegedanken habe es nie gegeben. „Aber es war ein sehr leises Ende.“ Zu dem Haus in Westend sind Eugen und Thea Buchthal nie zurückgekehrt. Auch Fotos von ihnen gibt es heute nicht mehr.