Kirche

Die Franziskaner verlassen St. Ludwig

In der Gemeinde herrscht Trauer und Entsetzen: Der Orden arbeitet schon seit 1986 in der katholischen Kirche in Wilmersdorf.

Ein Leuchtturm im katholischen Geistesleben Berlins: die von Franziskanern betreute Kirchengemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf.

Ein Leuchtturm im katholischen Geistesleben Berlins: die von Franziskanern betreute Kirchengemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf.

Foto: Carolin Brühl

Wilmersdorf.  Hinter den dicken Backsteinmauern von St. Ludwig in Wilmersdorf brodelt es. In der sonst so friedlichen katholischen Kirchengemeinde herrscht seit der Messe am vergangenen Sonntag Krisenstimmung. Am Ende des Gottesdienstes hat der Provinzialminister der Franziskaner, Pater Cornelius Bohl, verkündet, dass die Leitung der Deutschen Franziskanerprovinz beschlossen habe, sich von der Pfarrei St. Ludwig in Wilmersdorf zu verabschieden und ihre dortige Niederlassung im Sommer 2020 nach 34 Jahren zu schließen. „Ich werde an den Papst schreiben“, sagt Gemeindemitglied Herbert Strempel und kämpft mit den Tränen.

Erzbistum zeigt sich überrascht von der Entscheidung

Leicht gemacht haben es sich die Franziskaner nicht. Um diese Entscheidung, so Pater Cornelius in einem Brief an die Gemeindemitglieder von St. Ludwig, sei lange gerungen worden. St. Ludwig sei für die Brüder ein sehr guter Ort, die Pfarrarbeit mitten im Herzen Berlins biete viele Chancen, und die Präsenz in der Hauptstadt an einem so profilierten Ort werde von vielen Brüdern als sehr wichtig angesehen.

Im Erzbistum ist man dennoch erstaunt über die Entscheidung. „Überlegungen der Franziskaner, sich aus bestimmten Standorten zurückzuziehen gab es schon länger, der Zeitpunkt 2020 ist aber überraschend“, sagt Sprecher Stefan Förner. Für Sankt Ludwig wolle sich niemand vorstellen, dass die Franziskaner von dort weggehen.

Über eine sehr lange Zeit hätte der Orden die Gemeinde geprägt durch starke Prediger, menschenfreundliche Seelsorge, immer flankiert durch das zweite Standbein der Franziskaner in der Suppenküche in Pankow. „Für die Gemeinde Sankt Ludwig wäre es das Ende einer Ära und ein riesiger Verlust. Daher wird es natürlich noch Gespräche mit den Franziskanern geben“, sagt Förner.

Franziskaner nennen Nachwuchsmangel als Grund für den Rückzug

Schon im Sommer hätte das Provinzkapitel mit aller Schärfe deutlich gemacht, dass aufgrund der Personalsituation die Strukturen der Provinz radikal verkleinert werden müssten, schreibt Pater Cornelius. Die hohe Zahl älterer und alter Brüder und der in den vergangenen Jahren nicht nur spärliche, sondern völlig fehlende Nachwuchs zwingen zu drastischen Reduzierungen der Standorte und Aufgaben. „Wenn wir heute keine mutigen Entscheidungen treffen, werden wir in ein paar Jahren die wenigen jungen Brüder völlig überfordern“, so der Provinzialminister.

Die geplante Schließung des Berliner Standorts reiht sich ein in ähnliche Entscheidungen der vergangenen Monate. So hatten die Franziskaner erst im April bekannt gegeben, das Franziskanerkloster im nordrhein-westfälischen Neviges zum 31. Januar 2020 zu verlassen und das Kloster nach mehr als 340 Jahren zu schließen. Als Grund für die Entscheidung war ebenfalls die sinkende Mitgliederzahl und die Überalterung des Ordens genannt worden.

Vier Franziskaner-Patres tun Dienst in Wilmersdorf

Von den vier Patres, die noch in Wilmersdorf Dienst tun, wollte sich keiner äußern. Pater Maximilian Wagner weile aktuell in Assisi, heißt es.

„Wir sind wirklich alle entsetzt und traurig“, sagt Marie-Hélène Müßig vom Pfarrgemeinderat. Gerade die Zusammenarbeit mir den Franziskanern habe St. Ludwig zu der offenen, liberalen Kirchengemeinde gemacht, die sie heute ist. Doch Müßig sieht auch die schwierige personelle Situation der Franziskaner in Deutschland: „Stellen Sie sich vor, es gibt ja nur noch 15 Brüder unter 50 Jahren.“

So viel Verständnis haben nicht alle Freunde und Gemeindemitglieder für die überraschende Entscheidung: „Hier steht der Orden, der uns so sympathisch ist, in der Tradition einer selbstherrlichen Kirche die – statt auf ihre ,Kinder‘ zu schauen – lieber den Weg der Entscheidungsverkündung ex cathedra geht. Das ist eine Linie von der Inquisition über den Index verbotener Bücher bis zur Sexualmoral des Vatikans“, sagt Professor Peter Raue. Es sei unfassbar, dass eine solche Entscheidung bekannt gegeben werde, ohne auch nur annähernd über die Folgen zu reden.

Gemeinde würde vor allem gern Pater Joseph behalten

„Wir dachten immer, die Franziskaner würden St. Ludwig als letzten Standort vor der Grabeskirche in Jerusalem aufgeben“, sagt Dr. Christoph Lehmann. Die Familie des Rechtsanwalts ist eng mit der Gemeinde verbunden. Lehmann selbst hat schon als Junge dort als Ministrant gedient. „St. Ludwig war für die West-Berliner Katholiken ein Leuchtturm. Hierher sind viele auch aus anderen Gemeinden zur Messe gekommen, weil sie die Predigten schätzten, sagt Lehmann. Das sei nicht von Anfang an so gewesen, erinnert er sich. Am Anfang habe sich die Gemeinde schwergetan, „von den Franziskanern übernommen“ zu werden.

Auch Pater Joseph hatte offenbar so seine Probleme, in der Großstadt gelandet zu sein. „Wir jungen Leute haben dann gewitzelt: ,Dann geh doch wieder in den Wald und predige den Vögeln.‘“ Doch man habe sich schnell aneinander gewöhnt. Vor allem Pater Joseph ist überaus beliebt und wird von den Katholiken in der Stadt sehr geschätzt. „Wir würden ihn so gern bei uns behalten“, sagt Marie-Hélène Müßig.