Schmargendorf

Neues Flüchtlingsheim sorgt bei Anwohnern für Diskussionen

Am Horst-Dom-Eisstadion in Schmargendorf soll eine neue Unterkunft für rund 200 Bewohner entstehen. Das weckt Befürchtungen.

Seit dem Bau des Tempohomes an der Fritz-Wildung-Straße ist die Kriminalität dort gestiegen. 

Seit dem Bau des Tempohomes an der Fritz-Wildung-Straße ist die Kriminalität dort gestiegen. 

Foto: Carolin Brühl

Berlin. Die Stadtautobahn liegt keine hundert Meter entfernt. Doch von dem Autolärm ist hier, vor den Neubauten der Fritz-Wildung-Straße im Ortsteil Schmargendorf nicht viel zu hören. In den kleinen Gärten, die zu den Erdgeschosswohnungen der Mehrfamilienhäuser gehören, blühen die Geranien, an einem kleinen Bäumchen warten reif-rote Äpfel darauf, gepflückt zu werden. Doch die Idylle ist bedroht.

Schmargendorf: Anwohner sehen Idylle durch MUF bedroht

Doch die Idylle ist bedroht. Das befürchten zumindest einige Anwohner, die sich in einer Bürgerinitiative organisiert haben. Denn auf der schmalen Brachfläche zwischen den Häusern mit den kleinen Vorgärten und der Fahrbahn der Fritz-Wildung-Straße könnte ein Flüchtlingsheim entstehen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestätigte der Berliner Morgenpost, dass die Fläche für den Bau einer sogenannten „Modularen Unterkunft für Flüchtlinge“ (MUF) in Frage kommt.

Zehn neue Unterkünfte für Flüchtlinge in Berlin geplant

Die Senatsverwaltung sei bereits im August vergangenen Jahres zum Ergebnis gekommen, dass der Standort grundsätzlich geeignet sei, bestätigte auch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Die detaillierte Bewertung des Standortes hänge unter anderem davon ab, wie groß die Unterkunft werden solle und wer dort einziehen könne. Zurzeit gehe man von etwa 200 Bewohnern aus, sagte eine Sprecherin des Bezirksamtes. Diese Zahl könne sich allerdings noch ändern.

Anwohner sorgen sich, dass Wohnungen an Wert verlieren

Das Bezirksamt hatte für eine Flüchtlingsunterkunft ursprünglich eine Fläche auf dem Olympia-Gelände vorgeschlagen. Sämtliche Standorte wurden aber wieder verworfen. Als Ersatzstandort brachte der Bezirk die Brache an der Fritz-Wildung-Straße 12 ins Gespräch.

Einige Anwohner sorgen sich seitdem. Es kursierten Gerüchte, dass die Unterkunft sechs Stockwerke hoch werden könne. Der Bau würde dann unmittelbar vor der Wohnanlage stehen, die zurzeit weitgehend freie Sicht wäre dahin, und in die Wohnungen würde deutlich weniger Licht fallen. „Wir haben nichts gegen Flüchtlinge und auch nichts gegen eine neue Flüchtlingsunterkunft“, sagt Meikel Vesper.

Er steht als Anwohner des Wohnhauses einer Bürgerinitiative vor. Deren Mitstreiter sorgen sich, dass ihre Wohnungen an Wert verlieren könnten. „Die meisten Bäume auf der Fläche müssten wohl gefällt und der Bürgersteig verkleinert werden“, sagt Vesper. „Die Lebensqualität würde sich dadurch für viele hundert Menschen deutlich verschlechtern.“

Noch kein Entscheidung über Flüchtlingsunterkünfte

Mit Flüchtlingen in ihrem Wohnumfeld haben die Anwohner bereits Erfahrungen gemacht. Denn in unmittelbarer Nähe, auf einem kleinen Hügel, der das Horst-Dohm-Eisstadion umgibt, befindet sich ein sogenanntes „Tempohome“, ein kleines Containerdorf. Es wurde im Juli vergangenen Jahres in Folge der gestiegenen Flüchtlingszahlen errichtet. Das Tempohome dient eher als provisorische Unterkunft und ist zurzeit mit etwa 130 Flüchtlingen belegt. Von den Bewohnern würde er praktisch nichts mitbekommen, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative, Meikel Vesper.

Kriminalität hat in der Fritz-Wildung-Straße zugenommen

Andere Anwohner haben andere Beobachtungen gemacht. Erst vor wenigen Tagen habe er auf der Brachfläche, auf der die „Modulare Unterkunft“ entstehen könnte, einen Dealer und zwei Drogenkonsumenten gesehen, die sich eine Spritze gesetzt hätten, berichtet ein Bewohner des Hauses, der anonym bleiben möchte. Auch auf dem Spielplatz der Wohnanlage hätten Anwohner Spritzen entdeckt. Er könne zwar nicht beweisen, dass Dealer oder Konsumenten aus dem „Tempohome“ zum Eisstadion kämen. Bevor das Tempohome errichtet wurde, habe es hier aber keine Drogenprobleme gegeben.

Wie sich die Kriminalität in der Fritz-Wildung-Straße seit 2014 entwickelt hat, teilte die Innenverwaltung erst vor wenigen Wochen auf Anfrage des Abgeordneten Marcel Luthe (FDP) mit, in dessen Wahlkreis das Viertel liegt. Bei einigen Delikten verzeichnete die Polizei demnach im Jahr 2018 – dem Jahr, in dem das Tempohome eröffnete – einen deutlichen Anstieg.

So schwankte die Zahl der Körperverletzungen zwischen 2014 und 2017 zwischen zwei und vier Fällen pro Jahr. 2018 registrierte die Polizei dagegen acht Taten. Bis August dieses Jahres waren es bereits sieben Fälle. Auch bei den Delikten Nötigung, Freiheitsberaubung, Bedrohung gab es einen statistisch gesehen signifikanten Anstieg. Diebstahlsdelikte wurden seit Eröffnung des Tempohomes dagegen seltener erfasst als zuvor.

Begehrlichkeiten bei einem anderen Nutzer geweckt

„Die Kriminalitätsentwicklung zeigt, dass schon das Tempohome zu Problemen geführt hat, die mit dem Wohnumfeld nicht vereinbar sind“, sagte Luthe. „Eine noch größere Unterkunft sollte hier daher auf keinen Fall gebaut werden.“ Luthe hält eine Unterbringung von Flüchtlingen in zentralen Unterkünften ohnehin für ungeeignet. „Um Flüchtlinge zu integrieren, wäre es besser, sie dezentral in Wohnungen unterzubringen“, sagte Luthe.

Ein weiteres Problem: Ein Teil der Brachfläche, auf der das Flüchtlingsheim entstehen könnte, hat auch bei einem anderen möglichen Nutzer Begehrlichkeiten geweckt. Das Seniorenwohnheim „Kuratorium Wohnen im Alter“ mit rund 140 Wohnungen würde das Grundstück gerne für einen Erweiterungsbau für eine Tagesklinik nutzen.

Das Bezirksamt prüft nach eigener Aussage zurzeit, wie sich die Planungen mit dem Bau der Flüchtlingsunterkunft „baulich verbinden lasse“. Die Unterbringung von Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht seien, sei eine „berlinweite Herausforderung“, heißt es aus dem Amt. Auch Charlottenburg-Wilmersdorf müsse Verantwortung übernehmen.