Leukämie

Wie eine Charlottenburgerin gegen den Krebs kämpft

Marisol Bohlig aus Charlottenburg erkrankte 2014 an Leukämie. Jetzt engagiert sie sich für die Suche nach Stammzellenspendern.

Marisol Bohlig besiegte den Krebs. Jetzt hilft die 26 Jahre alte Berlinerin anderen Betroffenen im Kampf gegen die Krankheit.

Marisol Bohlig besiegte den Krebs. Jetzt hilft die 26 Jahre alte Berlinerin anderen Betroffenen im Kampf gegen die Krankheit.

Foto: Matthias Vogel

Berlin. Die Geschichte der 26-jährigen Frau aus Charlottenburg bewegt. Die Berliner Morgenpost hatte vor einem Jahr über ihren Schicksalsschlag berichtet. 2014 bekam Marisol die Diagnose Blutkrebs gestellt. Die Chemotherapien und diverse parallel einsetzenden Krankheiten setzten ihrem Organismus enorm zu. Sie rang mit dem Tod, an einigen Tagen war ihr Zustand so schlecht, dass sie befürchtete, sie würde die nächste Nacht nicht überleben.

Dann kam die Wende. Eine der Chemotherapien schlug an, ihr Körper erholte sich ohne Transplantation. Das war großes Glück, denn weil ihre Mutter aus Nicaragua stammt, ist es für sie noch schwieriger als es generell ist, hierzulande einen geeigneten Stammzellenspender zu finden. Seit drei Jahren gilt sie aus medizinischer Sicht als „gesund“, „geheilt ist man erst nach fünf Jahren“, sagt sie. Weil sie am eigenen Leib erfahren hat, wie aufwendig die Suche nach dem passenden Spender ist, hat sie sich schon während ihrer Behandlung für die Suche engagiert, hatte sogar einmal eine Chemotherapie verschoben, um bei einer Typisierungsaktion ihrer Initiative „Mari sucht Held“ dabei sein zu können.

Seit es ihr wieder gut geht, setzt sie sich noch stärker dafür ein, Menschen zum Typisieren zu bewegen. „Ich habe gemerkt, wie sehr ich anderen Betroffenen damit helfen kann“, sagt sie. Mehrere Aktionen von und mit ihr waren so erfolgreich, dass Dietger Niederwieser, Leiter der Abteilung Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Leipzig und Präsident des Vereins für Knochenmark- und Stammzellspenden (VKS) in Dresden, auf sie aufmerksam wurde und ihr einen Job anbot: Marisol sollte dabei helfen, einen VKS-Stützpunkt in Berlin aufzubauen. Und das macht sie jetzt.

Der „Tag des Brotes“ hatte es ihr irgendwie angetan

Neulich durchstöberte sie das Internet nach diesen merkwürdigen Ehrentagen, „um einfach wieder etwas in den sozialen Medien posten zu können“, wie sie sagt. Der „Tag des Brotes“ im Oktober hatte es ihr irgendwie angetan. Vielleicht auch, weil in der Karstadt-Filiale in der Wilmersdorfer Straße, wo mit Filialgeschäftsführer Torsten Dunkelmann ein großer Förderer wirkt, die Bäckerei Steinecke ihre Waren verkauft. Jedenfalls dachte Marisol an eine Kooperation mit der Kette. Womit sie nicht rechnete: „Die Chefin Katrin Steinecke war so begeistert und motiviert, dass sie mit der Typisierungsaktion nicht bis Oktober warten wollte“, sagt Marisol und lacht. „Als ich dann die Touren ausgetüftelt habe, habe ich erst realisiert, wie viele Filialen Steinecke hat und habe mir gedacht: Oh, das wird anstrengend.“ Aber auch das hat sie wieder geschafft: Mehr als 100 Filialen in Berlin, Potsdam und dem Umland hat der VKS vom 17. bis 19. Juli im Zuge seiner ersten „Rollenden Typisierungsaktion“ angesteuert und einen Wangenabstrich von den Mitarbeitern und aufgeschlossenen Kunden gemacht. Die Kooperation zwischen der Brotmeisterei Steinecke und dem VKS war für Geschäftsführerin Katrin Steinecke etwas ganz Besonderes: „Wir sind stolz, dass wir mit dieser Aktion dazu beitragen können, den Kampf gegen die Krankheit Leukämie zu unterstützen“, sagte sie begeistert und ließ sich als erste für die Datei registrieren.

Als Marisol ihrem Vater von der Zusammenarbeit mit der Bäckerei erzählte, war der ganz aus dem Häuschen. „Er hat mir erzählt, dass Erich Steinecke ausgerechnet in dem 500-Seelen-Dorf Groß Sisbeck, in dem meine Eltern wohnen, seine erste Bäckerei aufgemacht hat. Das ist doch lustig.“ Die 26-Jährige freute sich aber in erster Linie über den Erfolg. Erst vergangene Woche hat sie für den VKS eine Typisierungsaktion beim Technischen Hilfswerk organisiert, eine Anfrage bei der Polizei verlief bislang ergebnislos. „Ich habe da noch viele Ideen“, sagt sie.

2016 war Marisol zusammen mit ihren Eltern zu Gast in Nicaragua. Für sie ist es wahrscheinlicher, im Heimatland ihrer Mutter einen genetischen Zwilling zu finden. Die Idee war, dort eine Spenderdatei aufzubauen. Das Treffen mit der Gesundheitsministerin sei für sie damals sehr ernüchternd gewesen. „Die dachte wohl, da kommen Europäer und die haben wahrscheinlich auch Geld dabei. Als sie gemerkt hat, dass wir nur die Idee im Gepäck hatten, war sie sehr schnell von der Bildfläche verschwunden.“

Mit Dietger Niederwieser sprach sie über ihren Plan, den sie nie aus den Augen verloren hat. Der hatte sich ein paar Jahre zuvor bereits Gedanken darüber gemacht, eine Datenbank in Paraguay zu initiieren. Gesagt getan, das Land macht mit, die VKS und Marisol sitzen als Kooperationspartner im Boot. „Als Kind sagt man sich vielleicht mal: „Ich möchte gerne die Welt verändern“. Jetzt kann ich das tun. Und wenn es in Paraguay klappt, vielleicht machen dann andere lateinamerikanische Länder auch mit. Das ist etwas komplett Neues, sehr Essenzielles dort, und ich bin von Anfang an dabei. Ich meine, ich habe nicht einmal ein Studium.“ Am 29. August steigt Marisol Bohlig in den Flieger. Sie wird dort zur Eröffnung nach dem Präsidenten eine Rede halten, ein paar Tage später über ihre Krankheit und deren Behandlung in Deutschland referieren. „Die Erkrankung hat mir dabei geholfen, etwas Gutes auf dieser Welt zu tun. Es ist einfach überwältigend.“