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Kudamm soll wieder Prachtboulevard werden

Die Aktiven Bürger haben eine Bilanz der Situation der Straße erstellt. Die Vereinigung fordert schnellstmöglich ein Gesamtkonzept.

Verlottert, vermüllt, vernachlässigt: Der Kurfürstendamm muss aufgewertet werden, sagt eine Gruppe von Anwohnern.

Verlottert, vermüllt, vernachlässigt: Der Kurfürstendamm muss aufgewertet werden, sagt eine Gruppe von Anwohnern.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Auf den Mittelstreifen wuchert bestenfalls Unkraut. Bäume, die Stürmen zum Opfer fielen, wurden nicht wieder ersetzt. Baustellen, an denen man nie jemanden arbeiten sieht, werden zur Dauereinrichtung. Müll wird abgeladen.

„Paris würde die Champs-Élysées nie so verwahrlosen lassen, wie es in Berlin mit dem Kurfürstendamm geschieht.“ Da sind sich die Aktiven Bürger sicher. In einem Brief an das Bezirksamt haben sie deshalb jetzt Bilanz gezogen und aufgelistet, was wo im Argen liegt und ihrer Meinung nach dringend geändert werden muss auf dem Boulevard. Sie fordern vom Bezirksamt ein Gesamtkonzept, das dafür sorge, dass der Kudamm einem Facelifting unterzogen werde.

Der Kudamm nämlich, so Christine Wußmann-Nergiz und Heinz Murken, die beiden Köpfe der Vereinigung, die aus einem Zusammenschluss von Bürgerinitiativen entstanden ist, sei das Herz der City-West und ein für Berlin wichtiger Wirtschaftsstandort. Hier hielten sich viele Touristen auf, hier werde Geld verdient, das teilweise auch in den Berliner Haushalt fließt. Doch das, sagt Murken, könne schnell der Vergangenheit angehören, wenn sich Bezirk und Senat nicht schnell in einer konzertierten Aktion um den Boulevard kümmerten. „Wer sich in diesem Jahr den Kurfürstendamm in Ruhe anschaut, der ist noch entsetzt“, sagt Murken. Beim besten Willen lasse sich nicht mehr übersehen, wie heruntergekommen er ist, schimpft er.

Breitscheidplatz ohne Gespür zur Festung umgebaut

An vorderster Stelle ihrer Kritik steht für Wußmann-Nergiz und Murken der „vollkommen ohne jedes Gespür für die Historie des Ortes zur Festung umgebaute Breitscheidplatz“. Eine Situation, die auch Hoteliers und Geschäfts­leute verärgert und deren Lösung inzwischen schon für Zwist in Bezirks- und Landespolitik sorgt. „Der gesamte Kudamm ist doch immer auch ein bisschen das gefühlte Wohnzimmer ungezählter Berliner, die in diesem Umfeld noch wohnen“, beschwört Murken einen Umstand, der in Innenstadtlagen anderer Metropolen längst nicht mehr so ist.

„Wir haben aber viele Signale von Gewerbetreibenden, die wegen des ungepflegten, sich selbst überlassenen Kurfürstendamms abwandern wollen“, sagt der Aktivist. „Stellen Sie sich vor: Über mehr als drei Kilometer gibt es keinen einzigen gepflegten Mittelstreifen! Hinzu kommen Stolperfallen auf den Geh- und Überwegen“, sagt Murken.

Wußmann-Nergiz und Murken haben bei ihrer Bestandsaufnahme auf dem Kudamm Fotos gemacht. Sie zeigen zahlreiche verwaiste Baumscheiben, auf denen nach den Sturmschäden der vergangenen Jahre Bäume nicht mehr nachgepflanzt worden sind. „Beispielsweise hier zwischen C&A und Karstadt fehlt einer“, sagt Murken und deutet auf eines der Fotos. Doch selbst wenn die Baumscheiben zwischen Breitscheidplatz und Halensee noch mit Bäumen bestückt seien, wirkten sie ungepflegt.

„Man sieht da nie einen arbeiten“

Baustellen, von denen keiner mehr weiß, warum sie eigentlich da sind und wer sie eingerichtet hat, stehen ebenfalls auf der Agenda der Aktiven Bürger. Die Bushaltestelle am Olivaer Platz sei seit Monaten nach Westen verlegt. „Man sieht da aber nie einen arbeiten“, sagt Murken und ergänzt: „Dass der westliche Eingang des U-Bahnhofs Uhlandstraße seit Monaten geschlossen ist, ist per se eine Katastrophe“, sagt er. Hinzu kämen an dieser Stelle aber auch noch verrottete, sich teilweise widersprechende alte Schilder und schlampige Zäune. „Selbst das scheint Bezirksamt und Senat nicht aus ihrem desinteressierten Koma zu reißen“, schimpft Murken.

Wann der U-Bahn-Zugang wieder geöffnet wird, kann indes auch die BVG nicht genau beantworten. Erst im September oder Oktober werde eine Baufirma mit den Reparaturarbeiten beauftragt, sagt BVG-Sprecher Markus Falkner. Wann diese tatsächlich beginne, sei noch offen. Die eigentliche Bauzeit werde dann auf etwa ein Jahr veranschlagt.

Baustellen statt Roter Teppich für Touristen

Baustellen, von denen keiner mehr weiß, wer sie eingerichtet hat, sind auch ein Thema für die AG City. „Direkt vor dem Europa Center, mitten auf dem Bürgersteig stehen seit Wochen ein paar rot-weiße Baken in einem Viereck, auf dessen Grund die Platten entfernt werden sind“, sagt Uwe Timm vom Vorstand der Händlervereinigung. Inzwischen hat sich Müll auf dem Boden der Absperrung gesammelt, doch wer das Loch aufgerissen oder abgesichert habe und wann die Absperrung wieder abgeräumt werde, ist nicht zu ermitteln. In anderen Städten werden den Touristen rote Teppiche ausgerollt, bei uns stolpern sie über Baustellen“, sagt Timm.

Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) räumt ein, dass auf dem Kurfürstendamm dringender Handlungsbedarf besteht, verweist aber ebenfalls auf die chronisch leeren Kassen: „Wir haben aber ja durchaus Ansätze für eine Verbesserung“, sagt er. So sei die AG City selbst dabei, Tauentzien und Kudamm zwischen Wittenbergplatz und Uhlandstraße mit dem sogenannten Business Improvement District (BID) umzugestalten. BID bezeichnet eine Immobilien- oder Geschäftsregion, die Geschäftsleute und Grundeigentümern selbst aufwerten wollen. „Dazu gehört auch die komplette Umgestaltung der Mittelstreifen“, so der Stadtrat.

Wenn die AG ihr Konzept vorlege, folge daraus auch etwas für den Rest des Boulevards. „Man kann ja da dann nicht einfach so einen Bruch machen“, sagt Schruoffeneger. Konkreter will er aber noch nicht werden. „Wir haben derzeit auch eine Kampagne laufen, in der wir um Spenden für Straßenbäume bitten“, sagt der Stadtrat, zu dessen Arbeitsbereich auch das Grünflächen- und Umweltamt gehört.

Opposition: Bestehende Regeln durchsetzen

Der Kudamm hat für Schruoffeneger ein grundsätzliches Problem. In dem Bereich des Boulevards, unter dem die U-Bahn hindurchfahre, könnten keine Bäume gepflanzt werden, und an der Seite behinderten die Platanen mit ihrer starken Kronenentwicklung die doppelstöckigen BVG-Busse. „Wir müssen bei Neupflanzungen mal über die Baumart nachdenken, die da künftig stehen soll“, sagt er. Die Baustellensituation sei ihm auch ein Dorn im Auge, vor allem weil die BVG nur schleppend mit ihren Arbeiten vorankomme, sagt er.

Für den stadtplanungspolitischen Sprecher der FDP, Johannes Heyne, ist vor allem letzterer Punkt kein Argument: „Berlin und der Bezirk haben ja durchaus Regeln, die so etwas verhindern können. Es gibt in Charlottenburg-Wilmersdorf einfach ein Vollzugsdefizit.“ Beim Straßengrün und den Bäumen sei das Bezirksamt in der Pflicht. „Der Steuerzahler hat ein Recht darauf, dass die Grünanlagen und der öffentliche Raum in Ordnung gehalten werden“, so Heyne.

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