Breitscheidplatz

Das sind die Pläne für die Gedächtniskirche

Im und um das Gotteshaus auf dem Breitscheidplatz wurde bereits viel erneuert. Doch Pfarrer Martin Germer hat noch mehr Ideen.

Im und um das Gotteshaus auf dem Breitscheidplatz wurde  bereits viel saniert und erneuert. Doch Pfarrer Martin Germer hat noch mehr Pläne für das Ensemble.

Im und um das Gotteshaus auf dem Breitscheidplatz wurde bereits viel saniert und erneuert. Doch Pfarrer Martin Germer hat noch mehr Pläne für das Ensemble.

Foto: Getty

Berlin. Pfarrer Martin Germer brennt für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. „Sie ist für mich der schönste Arbeitsplatz der Welt“, sagt er. Doch nichts ist offenbar so schön, dass es nicht noch schöner werden könnte. Der Geistliche hat viele Pläne für Kirche und Umfeld, die mit 1,3 Millionen Besuchern zu einem der meistbesuchten Orte Berlins gehören.

„Stellen Sie sich vor, an der Gedächtniskirche sind alle Baugerüste verschwunden und kehren auch lange nicht mehr zurück!“, sagt Germer. Während er seine Pläne für das weltberühmte Gotteshaus skizziert, führt er schnellen Schritts durch den Keller, der das Ensemble verbindet, um die fünf Gebäude herum und hoch hinauf in den Turm der Ruine. „Stellen Sie sich weiter vor, Sie betreten den Alten Turm und sehen dort eine Treppe, die Sie vorher noch nicht kannten. Sie lassen sich zum Aufstieg nach oben verlocken, aus der Gedenkhalle mit ihren goldenen Mosaiken hin- auf in das Innere der Ruine“, malt Germer seine Zukunftsbilder.

Hier oben habe man die Spuren der Kriegszerstörung 1943 unmittelbar vor Augen und spüre mehr denn je, was dieses Bauwerk so unverwechselbar zu einem Mahnmal für den Frieden macht. Zudem, sagt er und weist aus der großen fensterlosen Öffnung im alten Turm in Richtung Westen. hat man eine wunderschöne Aussicht über den Kudamm. Um ein solches Erlebnis auch gehbehinderten Menschen zu ermöglichen, würde Germer gern auch einen Aufzug in den alten Turm einbauen.

Gedächtniskirche am Breitscheidplatz: Ausstellungen in der Kapelle, die zum Konzept passen

Es ist viel geschehen in den letzten Jahren in und um die Gedächtniskirche. Denkmalgerecht hergestellt wird derzeit auch der Belag auf dem Podium des Sockels mit farbigen runden Pflastersteinen. Die Kapelle ist saniert, fristet inmitten des Budenzaubers vieler Pseudo-Feste auf dem Breitscheidplatz jedoch oft eher ein Hinterhofdasein. Im November wurde sie erstmals für eine multimediale Installation der New Yorker Künstlerin Bettina WitteVeen, mit der an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert wurde, öffentlich zugänglich gemacht. „Derartige Ausstellungen, die zum Konzept der Kirche auch als Ort des Gedenkens und Friedens passen, kann ich mir auch künftig in der Kapelle vorstellen“, sagt Germer.

Am spektakulärsten kündet derzeit aber wieder die Werbehülle um den Glockenturm davon, dass dahinter etwas geschieht und geschehen muss. Die Schäden an der Fassade sind dem Alter und der Witterung geschuldet. „Oben am Turm, besonders auf der Höhe der Glocken, ist es am schlimmsten“, sagt Germer. Dort sei die Konstruktion wegen der Schallauslässe noch filigraner und darum noch empfindlicher. Doch auch die 5100 Glasmosaik-Elemente, die den Turm im Innern in blaues Licht tauchen, müssen einzeln herausgelöst, gesäubert und saniert werden. Problematisch für die Sanierung war bisher die Forderung des Denkmalschutzes, möglichst viel von der Substanz des ursprünglichen Materials zu erhalten. „Das bedeutet aber, dass wir damit etwa alle 15 Jahre wieder vor dem gleichen Problem stehen“, sagt der Gemeindepfarrer.

Die Gemeinde hat viel Fantasie entwickelt, um die gewaltigen Sanierungskosten auf dem Gelände stemmen zu können. Nicht jeder schätzt ein mit Werbung verhülltes Gotteshaus. „Aber was sollen wir denn sonst machen“, sagt Germer und zuckt mit den Schultern.

Die Gemeinde habe gut verhandelt, „aber für die rund vier Millionen Euro teure Sanierung allein des Glockenturms reichen die Werbeeinnahmen nicht“, sagt der Kirchenmann. Die Wüstenrot-Stiftung sei noch mit im Boot und übernehme eine Million Euro der Kosten. Über weitere Fördermöglichkeiten werde noch verhandelt. Die schönen, aber empfindlichen Gebäude, die nach den Entwürfen des Berliner Architekten Egon Eiermann zwischen 1961 und 1963 rund um die Turmruine herum errichtet worden waren, sind ein Dauerdilemma für die Kirchengemeinde, die trotz der hohen Besucherzahl nicht ausreichend hohe Erlöse erzielen kann, um die für Schäden so anfälligen, aber denkmalgeschützten Gebäude aus eigener Kraft zu unterhalten.

„Wir hoffen für unser Gesamtkonzept auch auf Geld vom Senat“, sagt Germer. Staatssekretär Torsten Wöhlert (Linke) hatte vor der Sommerpause im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses in seiner Antwort auf eine Anfrage der FDP-Fraktion mitgeteilt, dass das Land sieben bis acht Millionen Euro für die Sanierungs- und Umgestaltungsarbeiten zuschießen wolle. Eine Sprecherin seines Hauses bestätigte die Aussage gegenüber der Berliner Morgenpost. Bei der Kirchengemeinde ist die Zusage indes bislang noch nicht angekommen. „Das würde für die erforderliche Kofinanzierung etwa ein Viertel unserer prognostizierten Kosten ausmachen. Ein weiteres Viertel müsste die Kirchengemeinde selbst aufbringen. Die Hälfte der Kosten steuert der Bund zu“, rechnet Germer vor.

Das Geld braucht die Gemeinde indes nicht nur, um immer neue Löcher in den Gebäuden zu stopfen. Sie will auch neue Pläne umsetzen und die Kirche zeitgemäß in Szene setzen.

Geschichte erfahrbar machen und Ansprechpartner bieten

„Wir wollen in den Gebäuden Geschichte erfahrbar machen, aber den Menschen auch verdeutlichen: Das hier ist eine Kirche, ein Ort der Besinnung und des Gebets, in dem es auch immer Ansprechpartner gibt, wenn man einen solchen wünscht.“ Wer sich in den Kirchenraum setzt, das blaue Licht und die Stille inmitten des lebhaften Treibens auf Tauentzien und Kurfürstendamm auf sich wirken lässt und vielleicht Zwiesprache mit dem segnenden goldenen Christus hält, könnte sich unversehens mit Fragen konfrontiert sehen, für die er sich vielleicht einen Ansprechpartner wünscht. Auch dem will Germer abhelfen. Im benachbarten, kleinsten und derzeit leerstehenden östlichen Gebäude des Ensembles will er ein Café einrichten. „Auch da wollen wir immer jemanden haben, der für einen ,Erstkontakt’ und in einer entspannteren Situation für ein Gespräch zur Verfügung steht.“

Zeitgemäß sei heute, dass Besucher Informationen zur Geschichte und Architektur eines solchen Bauwerks auf elektronischen Displays auch auf Englisch oder in anderen Sprachen finden, sagt Germer.

Draußen auf dem neu gepflasterten Podium sollen Tische und Stühle stehen, die stilistisch zur Modernität der Kirche passen sollen. „Bisher hat leider kaum jemand diesen kleinen Bau wahrgenommen“, sagt Germer. Er ist im Innern überraschend geräumig und auch erkennbar aus der Hand Egon Eiermanns. Im Gegensatz zu den Nachbargebäuden ist das Licht im Innern des von außen eher verschlossen wirkenden Flachbaus allerdings nicht mystisch-blau. Die Wände hinter der Betonwaben bestehen aus Milchglasscheiben, die je nach Lichteinfall geometrisches Muster aus Licht und Schatten bilden.

„Die Aufgabe ist groß und kostet viel Geld, aber wir könnten das ganze Areal so positiv mit Leben füllen“, ist Germer überzeugt von seinen Zukunftsvisionen. Bund, Land Berlin, Evangelische Kirche, Wüstenrot Stiftung, Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Überall sei die Bereitschaft groß, zur Realisierung dieses Zukunftsprojekts beizutragen. „Die Zeichen stehen also gut“, glaubt Germer. Und Glaube, so hört man ja immer wieder, versetzt ja bekanntlich Berge.