Umweltschutz

Verkehrsinseln werden Brachen – für Wildbienen

Wildpflanzen und Totholz als Oasen: Der Senat fördert die Ansiedelung der gefährdeten Insekten mit 1,5 Millionen Euro.

Bisher blüht an der Otto-Suhr-Allee noch nicht viel, Wildbienen sieht man auch noch nicht.

Bisher blüht an der Otto-Suhr-Allee noch nicht viel, Wildbienen sieht man auch noch nicht.

Foto: Foto: Uta Keseling

Auf den ersten Blick wirken sie wie ein Schildbürgerstreich: Die Tafeln, die die Senatsumweltverwaltung derzeit auf Verkehrsinseln und Grünstreifen aufstellen lässt. „Hier leben Wildbienen“, verkünden die Schilder unter dem überlebensgroßen Foto eines entsprechenden Insekts. So etwa auch auf der Otto-Suhr-Allee in Sichtweite des Charlottenburger Rathauses. Zu sehen sind auf dem kargen Flecken allerdings nur ein paar magere Unkräuter. Rechts und links davon stauen sich Busse und Autos. Bienen? Sieht man nicht. Noch nicht?

Glaubt man Derk Ehlert, dem Wildtierreferenten der Senatsumweltverwaltung, sind die Schilder Vorboten eines großen Projekts. Für insgesamt 1,5 Millionen Euro sollen Wildbienen in die Stadt gelockt werden. Unter dem Motto „Berlin blüht auf“ solle beispielhaft geklärt werden, „wie öffentliches Grün bestäuberfreundlich aufgewertet werden kann“. Rund 600 Wildbienenarten gibt es in Deutschland, etwa 320 davon leben auch in Berlin – doch etwa 50 Prozent gehören zu den gefährdeten Arten. Das erklärt, wieso sich neben dem Land Berlin auch die Deutsche Wildtierstiftung mit 200.000 Euro an dem Projekt beteiligt.

Ergebnis soll in Handbuch für Pflegestandards einfließen

2018 beschloss der Senat einen offiziellen „Bienenstrategieplan“. Neben der künstlichen Verwilderung des Stadtgrüns wird das Projekt auch wissenschaftlich begleitet. Unter anderem werden die Insekten sogar gezählt, die für die Bestäubung von Obst und anderen Pflanzen wichtig sind. Das Ergebnis soll in ein Handbuch für Pflegestandards auf Berliner Grünflächen einfließen.

Wer also Ackerwinde, Melde oder auch Rucola für schlichtes Unkraut hält, das derzeit an der Otto-Suhr-Allee überwuchert, der irrt. Auch wenn identische Pflanzen auf jeder Berliner Brache gern von allein wachsen – hier wurden gemäß Bienenstrategie exakt 41 Pflanzenarten aus „regionalem Saatgut“ ausgesät, „die für die Nutzung durch Wildbienen optimiert wurden“, so Experte Ehlert. Da die Flächen jedoch gerade erst eingesät wurden, sei momentan noch nicht viel zu sehen. „Mit einem Aufblühen ist erst im September oder auch erst im nächsten Jahr zu rechnen.“

Imkerverband: Zu viele Honigbienen-Völker in Berlin

Weitere Flächen des Projekts „Berlin blüht auf“ liegen am Tegeler Weg, im Ruhwaldpark, am Halensee und an der Forckenbeckstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch im Spreebogenpark, am alten Zellengefängnis Moabit und an der Altonaer Straße in Mitte sowie in Friedrichshain-Kreuzberg werden „wilde“ Insektenzonen angelegt.

Wildbienen sind die unscheinbaren Verwandten eines derzeitigen Lieblingstiers der Berliner – der Honigbiene. Rund 7100 Völker sind mittlerweile beim Berliner Imkerverbandes registriert, dazu kommen bis zu 3000 Bienenvölker auf Dächern oder Balkonen und jeden Sommer bis zu 5000 Völker von außerhalb. Wenn sich Völker teilen und Fahrräder oder Bäume okkupieren, rückt immer häufiger die Polizei an. Inzwischen warnen selbst Imker vor zu vielen Honigbienen in Berlin – auch weil sie eine Futter-Konkurrenz für Wildbienen und Hummeln darstellen. Statt selbst Honigbienen zu halten, so Petra Friedrich, Sprecherin des Deutschen Imkerbundes, sei es für den Bienenschutz wichtiger, eine Nahrungsgrundlage mit entsprechenden Pflanzen zu schaffen, „vor allem auch für Wildbienen“.

Wer bisher Unkraut wuchern ließ, musste eher mit dem Ordnungsamt rechnen

Auch deshalb sind die Wildbienen-Flächen in Berlin möglichst öffentlich zugänglich, heißt es im Umweltamt von Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Schilder fordern zum Mitmachen auf: „Schaffen Sie offene Bodenstellen, Altholz und Hecken!“ Die Maßnahmen klingen etwas gewöhnungsbedürftig – wer bisher Totholz nicht entsorgte oder Unkraut wuchern ließ, musste eher mit dem Ordnungsamt rechnen. Was nicht auf den Schildern steht: Wildbienen sind weniger gefährlich als Honigbienen. Sie leben einzeln, legen keine Honigvorräte an, von ihnen geht kaum Stechgefahr aus.