City West

Breitscheidplatz bleibt vorerst eine Festung

Eigentlich sollten längst Planungen für eine dauerhafte Sicherheitslösung laufen. Anrainer beklagen mangelnde Kommunikation und Müll.

Ausgerechnet dort, wo der Lkw auf den Weihnachtsmarkt raste, klaffte bis vor wenigen Tagen eine Lücke in den Absperrungen. 

Ausgerechnet dort, wo der Lkw auf den Weihnachtsmarkt raste, klaffte bis vor wenigen Tagen eine Lücke in den Absperrungen. 

Foto: Foto. Uta Keseling

Berlin. Angekündigt waren sie als Provisorium, doch noch immer ist unklar, wie lange die massiven Absperrungen am Breitscheidplatz bleiben werden. Aufgebaut wurde der ambulante Anti-Terror-Schutz aus mobilen Pollern, Metall- und Stahlblöcken erstmals zum vergangenen Weihnachtsmarkt, dann erneut zu Ostern. Nach ersten Protesten der umliegenden Hotels hieß es zunächst, die Aufbauten sollten Anfang 2020 einer endgültigen, weniger martialischen Sicherung weichen. Doch dies hat nur offenbar auch keinen Bestand mehr.

Zwar versichert die Senatsinnenverwaltung auf Anfrage der Berliner Morgenpost einmal mehr, man strebe weiterhin einen „schnellstmöglichen, stadtbildverträglichen, permanenten Schutz des Breitscheidplatzes“ an. Ein genauer Zeitpunkt, wann dieser Plan Wirklichkeit wird, könne jedoch „aktuell nicht genannt werden“. Möglicher Grund: Mindestens sieben verschiedene Behörden, mehrere Verbände und Interessengruppen müssen an der Planung beteiligt werden – von Polizei und Feuerwehr bis zum Denkmalschutz.

Touristen vermuten am Breitscheidplatz eine aktuelle Bedrohung

Zwei Jahre nach dem Terroranschlag am 19. Dezember 2016 waren die Sperren im vergangenen Dezember erstmals aufgebaut worden. Zwar begrüßten alle Beteiligten, dass nach einem langen Streit um die Verantwortung für die Sicherheit am Platz nun überhaupt etwas passiert war. Doch Hotels und Gewerbetreibende rundum beklagen seitdem nicht nur die Optik der Beton- und Stahlaufbauten, die eher an ein Militärcamp erinnert als einen Stadtplatz. Gerade auswärtige Kunden und Gäste reagierten besorgt und verängstigt auf die Absperrungen. „Weil kein anderer Platz in Berlin derartig gesichert ist, vermuten sie eine aktuelle Bedrohung rund um die Gedächtniskirche”, sagt etwa Michael Frenzel, General Manager des Hotels Palace.

Tatsächlich versichert die Senatsinnenverwaltung immer wieder, der Anlass für die 2,5 Millionen teuren Absperrungen sei eine „anhaltende hohe abstrakte Gefährdungslage“. Allerdings gelte diese für ganz Berlin. Öffentliche Räume mit den sich dort aufhaltenden Menschen sollten vor den Gefahren durch „Überfahrtaten“ geschützt werden.

Poller-Wall hatte über Wochen eine Lücke - ausgerechnet am Ort des Anschlags

Wie verwundbar dieser Schutz ist, zeigte sich jüngst. Ausgerechnet an jener Stelle, wo damals der Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt gerast war, klaffte in dem Poller-Wall über Wochen eine breite Lücke. Zuerst war ein Fernwärmerohr geplatzt, die Bauarbeiten zogen sich hin, statt Pollern versperrten Baustellenbaken die Einfahrt zum Platz Danach nutzen Markthändler die Lücke als Ausfahrt.

Geschlossen wurde sie just in dem Moment, als Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche, bei der Senatsinnenverwaltung nachgefragt hatte. Ins Grübeln kamen auch viele Passanten, als der Platz kürzlich von der Polizei geräumt wurde. Grund war ein herrenloser Koffer, der innerhalb der Absperrungen stand.

Pfarrer Germer beklagt neben dem Erscheinungsbild auch logistische Probleme. Wegen der erschwerten Zufahrt für Baufahrzeuge komme die aktuelle Sanierung der Gedächtniskirche in Zeitverzug und es drohten Zusatzkosten in fünfstelliger Höhe. Besonders verärgert ist er jedoch, ebenso wie andere Anrainer, über die mangelnde Kommunikation der Senatsinnenverwaltung, die federführend ist bei der Sicherheitsplanung an dem Platz.

Anrainer des Breitscheidplatzes sehen sich nicht an dauerhafter Lösung beteiligt

Die Anlieger seien weder über den erneuten Aufbau der Sperren an Ostern informiert worden noch darüber, dass und wie lange diese nun stehen bleiben sollten, so Germer. „Trotz Protests sind wir bis heute nicht an den Planungen für eine dauerhafte Lösung beteiligt“, sagt der Pfarrer, der zudem organisatorische Pannen beklagt. So seien im Zuge der mobilen Aufbauten sämtliche Papierkörbe am Platz entfernt worden. Trotz zusätzlicher Schichten der Stadtreinigung häuft sich das Weggeworfene nun zwischen Pollern, Baustellenzäunen und den Marktbuden, die fast das gesamte Jahr über auf dem Platz stehen.

Bereits im Mai hatten sich die größten Anlieger in einem Brief an Innensenator Andreas Geisel (SPD) gewandt und eine Modifizierung der Sperrmaßnahmen gefordert. Absender waren neben dem Plaza Berlin auch die Hotels 25hours, Waldorf Astoria, Motel One Berlin-Upper West und die Shoppingmall Bikini Berlin. Zwar habe es seitdem ein erstes Treffen mit der Senatsinnenverwaltung gegeben, ein weiteres sei avisiert, sagt Germer. Dennoch befürchtet er, man sei von einer dauerhaften Lösung weit entfernt, die sowohl der Sicherheit, den Anrainern als auch der Bedeutung des historischen Ortes Rechnung trage.

Touristen nutzen Absperrungen am Breitscheidplatz als Kulisse für Selfies

Optimistischer ist Arne Herz, Wirtschaftsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf (CDU). Er sei sicher, dass ihm bei einem nächsten Treffen mit der Senatsinnenverwaltung erste konkrete Entwürfe für eine dauerhafte Sicherung des Platzes vorgestellt würden, sagte er am Freitag der Berliner Morgenpost. Er gehe davon aus, dass eine für alle Seiten verträgliche Lösung im kommenden Jahr umgesetzt werde. Allerdings räumt auch er ein: „Ich hätte mir eine bessere Kommunikation und ein früheres Mitdenken bei der Senatsinnenverwaltung gewünscht.“

Unterdessen zeichnet sich ab, dass die Absperrungen trotz allem neue Freunde finden könnten. Touristen nutzen sie als schauerlich-bedrohliche Kulisse für Selfies, ab und zu entdecken Mountainbiker die Rampen und Poller als Parcours. Viele Besucher stehen auf der Suche nach dem historischen Turm der Gedächtniskirche staunend zwischen Bierbuden, Panzersperren, Baustelle und der Bühne für das Drehorgelfest, das an diesem Wochenende stattfindet. Eine solche Mischung aus Kriegsschauplatz, Abenteuerspielplatz und Rummel – die gibt es eben nur in Berlin.