Kommunalpolitik

Diese Hilfe gibt das Integrationsbüro den Menschen

In Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es ein gut ausgestattetes Integrationsbüro. Für den Bezirksbürgermeister eine Notwenigkeit.

Eine Tanzvorführung bei einem Fest, im „Haus der Nachbarschafft“ im Volkspark Wilmersdorf.

Eine Tanzvorführung bei einem Fest, im „Haus der Nachbarschafft“ im Volkspark Wilmersdorf.

Foto: David Heerde

Charlottenburg-Wilmersdorf. Es gibt Stadtteilmütter wie Yvon M’Bonheh-Chie, die sich im Familienzentrum Jungfernheide um Menschen aus dem afrikanischen Raum kümmert, es gibt Brückenbauerinnen wie Helena Miller, die im Pflegestützpunkt an der Bundesallee Senioren mit russischer Muttersprache hilft – oder Hamudi Mansour, der sich seit Jahren die Geschicke der Kicker des FC Wilmersdorf lenkt. Und es gibt Leon Godeffroy, der das Integrationsbüro im Rathaus Charlottenburg leitet und sich mit seinem Team bemüht, diese vielen unterschiedlichen Fäden zu einem Netz zusammen zu knüpfen.

Mehr als 40 Prozent aller Einwohner des Bezirks haben Migrationshintergrund

Es war nicht unstrittig in einer Zeit der Personalnot in den Bezirken , als Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) das Integrationsbüro in Charlottenburg-Wilmersdorf auf acht Mitarbeiter aufstockte. Schaut man jedoch hinter die Kulissen des Bezirks, wird schnell deutlich, dass das Büro kein Luxus ist. Es greift die Lebenswirklichkeit in der City West auf, in der immerhin 41,8 Prozent der rund 340.000 Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Der Bezirk liegt damit 8 Prozentpunkte über dem Berliner Durchschnitt. Manche Gruppen leben seit Generationen hier, andere sind erst in jüngerer Zeit als Flüchtlinge in die Stadt gekommen. Einige haben sich so schnell integriert, dass nur noch der Name ihre Herkunft verrät, doch es gibt auch Menschen, die nie wirklich angekommen sind.

Stärkung der Strukturen war erforderlich

„Das Integrationsbüro ist eine wichtige strategische Weichenstellung und aus den Erfahrungen hier im Bezirk entstanden“, sagt Naumann, in dessen Ressort das Büro angesiedelt ist. „Auslöser war natürlich die Herausforderung, auf die wir im Sommer 2015 mit Blick auf die zu uns geflüchteten Menschen gestellt waren“, sagt Naumann. Charlottenburg-Wilmersdorf war bei der Unterbringung von Flüchtlingen berlinweit Spitzenreiter. Bilder aus dem ehemaligen Rathaus Wilmersdorf gingen um die Welt. Klar sei aber auch schon länger gewesen, dass es im „Bestand“, also unter den Menschen mit Migrationshintergrund, die im Bezirk schon in dritter oder vierter Generationen wohnten, vieles zu verbessern gebe, sagt Naumann.

Es sei notwendig gewesen, in der öffentlichen Verwaltung für ein „Setting“ zu sorgen, um die Herausforderungen zu bewältigen, vor die Kommunalpolitik an der Schnittstelle zur Gesellschaft gestellt ist. „Integration ist kein Sprint, es ist ein ein gesellschaftlicher Marathon, um Erfolge nachhaltig zu erzielen“, sagt der Rathauschef. Dazu habe es einer entsprechenden Stärkung der Strukturen bedurft, dafür mussten wir auch „Geld in die Hand nehmen“.

Nach Flüchtlingen jetzt Zuwanderer aus Südosteuropa

Die Mitarbeiter im Integrationsbüro erleben, dass ihre Aufgaben einem ständigen Wandel unterliegen. „Nach Jahren, in der die Neuzugänge hauptsächlich über das Asylsystem zu uns kamen, müssen wir im Augenblick im besonderem Maß über die Zuwanderung aus Südosteuropa reden“, sagt Leon Godeffroy. Uns geht es aber darum Integration nicht als einen einseitigen Vorgang zu begreifen, sondern als einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, der alle Menschen gleichberechtigt an den Ressourcen unserer Gesellschaft teilhaben lässt“, sagt der Politikwissenschaftler. Darüber müsse sich die gesamte Gesellschaft in einem Diskurs befinden und nicht nur die Menschen, die hier einwanderten, Da müssten alle Fragen, auch unangenehme, offen thematisiert und nichts weggeschoben werden.

Neben der aktuellen Situation beschäftigen sich Godeffroy und sein Team immer wieder mit dem Bereich nachholende Integration. „Es geht darum, anzuerkennen, dass beispielsweise Arbeitsmigranten Hilfe brauchen, die hier alt geworden sind, aber vielleicht nie damit gerechnet haben, für immer hier zu bleiben, das aber nun tun, weil ihre Kinder hier leben“, sagt der Integrationsbeauftragte. In Charlottenburg-Wilmersdorf betrifft das besonders türkisch- und russlandstämmige Einwohner, von denen viele nicht gut genug Deutsch sprechen, um sich im Pflege- oder Rentensystem zurecht zu finden. „Sie müssen uns und die Gesellschaft darauf vorbereiten“, sagt Goddefroy. Der Bezirk will vermeiden, dass sich Parallelsystem wie türkische Pflegedienste oder russische Altersheime in Nischen etablieren und setzt eher darauf, entsprechende Hilfen in den regulären Einrichtungen des Bezirks unterzubringen.

„Ausgetrampelte Pfade verlassen“

„Integration geht nur mit Brückenbau“, sagt dazu auch Naumann. Dies erfordere aber auch die Bereitschaft sie von beiden Seiten zu betreten. Die Gesellschaft müsse Sackgassen, die zu Nischen geführt haben, hinterfragen und aufzubrechen. „Dafür müssen wir aber auch ausgetrampelte Pfade verlassen.“ Naumann will beispielsweise die Rathausverwaltung stärker öffnen. „Wir sind hier immer noch ausgesprochen bio-deutsch unterwegs, wir haben hier sogar eine Gender-Problematik, weil 90 Prozent junge Frauen sind“, sagt er.

Nur vereinzelt seien unter den angehenden Verwaltungsangestellten Jugendliche mit einem Migrationshintergrund zu finden. „Ihnen fehlt einfach ein entsprechendes Vorbild in ihren Familien, in ihrem privaten Umfeld. Für die müssen wir attraktiver werden“, sagt Naumann. „Da müssen wir deshalb die Kontakt zu den Communities verstärken oder auch in den Schulen dafür werben, denn der öffentliche Dienst braucht dringend frisches Blut.“ Eine der Stellen des Integrationsbüro sei daher explizit auf den Schwerpunkt „interkulturelle Öffnung der Verwaltung“ ausgerichtet. Ein Vorbild, das sich Naumann zufolge auch das Land Berlin nehmen sollte. „Nach meiner Überzeugung muss in jeder größeren Behörde, also in den zwölf Bezirken sowieso, aber auch in den Senatsverwaltungen sehr, sehr bald eine Vollzeitstelle strategisch verankert werden, die sich mit der interkulturellen Öffnung der Verwaltung beschäftigt.“