Kultur

Dieses besondere Theater hat nun die Mierendorff-Insel

Mit dem Globe Theatre auf der Mierendorff-Insel erfüllt sich Christian Leonard einen Lebenswunsch. Der Prolog ist schon einmal gelungen

Die provisorische Freilichtbühne an der Sömmeringstraße ist der nächste Schritt auf dem Weg zum großen Traum von Christian Leonard: Ein originales Globe Theater nach Shakespeare in der Hauptstadt.

Die provisorische Freilichtbühne an der Sömmeringstraße ist der nächste Schritt auf dem Weg zum großen Traum von Christian Leonard: Ein originales Globe Theater nach Shakespeare in der Hauptstadt.

Foto: Matthias Vogel

Christian Leonard würde nicht sagen, er jage einem Traum hinterher. Vielmehr habe sich die Realisierung eines spektakulären Globe Theaters nach den originären Vorstellungen von William Shakespeare in Berlin verselbstständigt. „Man sollte nicht so anmaßend sein zu glauben, dass man so etwas alleine bewältigen kann. Ich bin lediglich Väterchen Schneeball in einer Lawine. Im Grunde genommen bin ich reich beschenkt mit so vielen Menschen, die das gemeinsam stemmen wollen. Und ich darf dabei sein“, sagt Leonard.

Mit einer Idee die Sitzung des Bauausschusses gestürmt

Im Januar 2018 hatte er zusammen mit Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) eine Bauauschusssitzung gestürmt, fast in Guerilla-Marketing-Manier präsentierten die beiden das Projekt. Schmitt-Schmelz hatte damals schon einen passenden Standort für die Holzkonstruktion in modularer Bauweise im Gepäck: An der Sömmeringstraße 15, auf einer bezirklichen Lagerfläche zwischen dem Sportplatz und der Spree, dort sollte das außergewöhnliche Konstrukt stehen. Das Bebauungsplanverfahren läuft und bis es soweit ist, versucht Leonard, Anwohner in Charlottenburg-Nord und Kulturfreunde der ganzen Stadt mit einer Übergangslösung für sich zu gewinnen. „Es wäre fatal, hier wie ein Ufo zu landen und loszulegen, ohne die Bürger mit ins Boot zu holen“, sagt er. Auch benachbarte Schulen und kulturelle Institutionen wie die Universität der Künste oder die Jugendkunstschule seien mit in die Entwicklung eingebunden, und mit dem Bezirk arbeite er ohnehin sehr eng zusammen.

Die besondere Atmosphäre im Hinterkopf

Für einen symbolischen Preis hat er einst das Globe Theater in Schwäbisch Hall erworben und immer diese besondere Atmosphäre im Hinterkopf, die in dem achteckigen Bauwerk herrscht. Beim Shakespeare-Festival in Neuss wurden Leonards Arbeiten von Anfang an gespielt. „Dort passen 600 Leute in das Globe. Wenn eine Aufführung gut ist, trampelt das gesamte Publikum vor Begeisterung mit den Füßen, so dass das Theater wackelt. Das ist unwiderstehlich und auch deshalb wollte ich das eines Tages unbedingt selber anbieten – und dabei unabhängig sein.“

Bühne ragt in das offene Rund hinein

Der Clou eines Globe Theaters – in diesem Falle mit 26 Metern Durchmesser und 14 Meter Höhe dimensioniert – ist, dass die Bühne in das Rund hineinragt. Jeder Platz ist vom künstlerischen Geschehen gleich weit entfernt. Die Schauspieler befinden sich ständig mit den Zuschauern in Kontakt. „Das geht gar nicht anders und man merkt, dass Shakespeares Werke dafür geschrieben sind“, sagt Leonard. In der originalen Open-Air-Arena des englischen Dramatikers standen vor 400 Jahren vor der Bühne die „Groundlings“, die sich nur einen Stehplatz für einen Penny leisten konnten. In den Logen saß der Adel. Wurden Witze über das gemeine Volk gemacht, wurde auf den besseren Plätzen gelacht und umgekehrt.

„Man ist sich als Gesellschaft begegnet, Unterhaltung und Bildung fügten sich zusammen, die Stimmung war friedlich und sehr demokratisch.“ In der Charlottenburger Ausgabe des Globes werden die Besucher eine Ahnung bekommen, wie sich das damals anfühlte. „Wir werden uns textlich nah am Original bewegen, aber wir gehen auch auf das Zeitgeschehen ein und hier und da wird die heutige Politik sicher ihr Fett wegkriegen“, kündigt Leonard an.

Als Christian Leonard begann, die Weichen für die neue Spielstätte zu stellen, war er noch Teil der Shakespeare Company Berlin, die er selbst gegründet hatte, und die bis heute im Naturpark Schöneberger Südgelände einen festen Spielort hat. Ursprünglich wollte er das Ensemble auch mit auf die Mierendorff-Insel nehmen. Doch das habe nicht in einem Intendanten-geführten Haus spielen wollen, sagt Leonard. „Die wissen nicht, wie es hier wirklich läuft. Ohne die Tischler, die die Bühne des Provisoriums zusammengebaut haben, würde es nicht funktionieren. Das künstlerische Ensemble ist komplett an allen Prozessen beteiligt, kollektiver und kollegialer geht es eigentlich nicht“, sagt er. Ausgestiegen sei er in dem Sinne auch nicht, er habe nur an seiner Vision festgehalten. „Wir gehen unterschiedliche Wege, nicht unbedingt getrennte. Das Angebot, dass die Shakespeare Company hier spielen kann, besteht nach wie vor.“

Premiere ist gelungen

Die Vorbereitungen für die Prolog-Saison haben Kraft gekostet. Leonard stand täglich um 5.30 Uhr auf, fühlte sich für jeden Nagel verantwortlich, der irgendwo gefährlich aus dem Holz stand. „Von früh morgens bis zur Probe war ich Geschäftsführer, während der Probe Regisseur und anschließend allein erziehender Vater, zumindest in Teilzeit.“ Mittlerweile ist die Premiere rum. Es kam, wie sollte es anders sein, „Romeo und Julia“ zur Aufführung. „Ausverkauft, prächtige Stimmung, gutes Wetter, es war super“, sagt Leonard. Er kann nun wieder etwas ruhiger schlafen und die Verantwortung seinen Mitarbeitern übertragen, sagt er. Bis Mitte September bespielt das Globe Berlin die provisorische Freilicht-Bühne, die bereits in etwa die Ausmaße und die Ausrichtung des Globes hat, unter dem Motto „Utopie Illusion“ mit drei Theater-Premieren, Konzerten und Gastspielen – insgesamt sind es mehr als 80 Veranstaltungen.

Shakespeares Gesamtwerk auf Deutsch und Englisch

Die Kulturfreunde sollen einen Eindruck von der Bandbreite des künftigen Globe-Programms bekommen. „Wir wollen unbedingt Shakespeares Gesamtwerk auf Deutsch und Englisch herausbringen. 13 Stücke sind bereits übersetzt, 38 Dramen hat er geschrieben. Ich habe also genug zu tun“, sagt der Visionär. „Die Busfahrerin, der Bürgermeister, die Anwältin oder der Briefträger – alle sollen etwas mitnehmen. Weil die Darbietung einfach sinnlich, ästhetisch, unterhaltsam und niveauvoll ist.“ Allerdings sei das Globe Berlin viel weiter gefasst. „Wir machen Schauspiel, Wortkunst, Weltmusik, spielen auch andere Klassiker, arbeiten mit zeitgenössischen Dramatikern zusammen oder veranstalten Slam Poetries“, so Leonard. Baugenehmigung, Erbpachtvertrag und Betriebserlaubnis vorausgesetzt, kann der hölzerne Theaterbau voraussichtlich im Herbst 2019 aufgebaut und 2020 bespielt werden. Das Haus hat dann Platz für etwa 600 Besucher. maz

Weitere Informationen zu Globe Berlin und der Spielplan der Prolog-Saison finden sich im Internet auf der Homepage .