Neubau in Berlin

Zu wenig Wohnungen: Spreebord-Projekt stößt auf Kritik

Die Werkbundstadt sah 1100 Wohnungen vor. Wegen Lärmschutz können nun nur noch halb so viele errichtet werden, sagt der Bauherr.

Sió soll es einmal aussehen, das Projekt  Spreebord in Charlottenburg

Sió soll es einmal aussehen, das Projekt Spreebord in Charlottenburg

Foto: Christian Schlippes / bm infografik

Charlottenburg.  Es ist eines der größten Neubauvorhaben Charlottenburgs. Im Süden der Mierendorff-Insel soll direkt an der Spree ein ganzes Quartier entstehen. Lange firmierte das Projekt auf dem 2,8 Hektar großen Tanklager unter dem Namen „Werkbundstadt“. Nachdem der Eigentümer und die mit der Planung betraute Architektenvereinigung Werkbund Ende 2018 im Streit auseinandergingen, wurde die Pläne überarbeitet. Seit Kurzem werden sie unter dem Titel „Am Spreebord“ der Öffentlichkeit vorgestellt.

Auf insgesamt 96.300 Quadratmetern Geschossfläche sind zu 40 Prozent Büros und zu 50 Prozent Wohnen vorgesehen. Auf den übrigen zehn Prozent soll ein Sozialcampus entstehen. Was hier einzieht, ist noch weitgehend offen. Vorstellbar sind für den Investor etwa ein Kiezcafé, ein Familienzentrum, eine Kita, Tagespflege oder Angebote für Flüchtlinge. Die Gebäude sollen extensiv begrünt werden. Dazwischen ist viel Freiraum geplant.

Auch der Bauausschuss hat sich mit dem Vorhaben beschäftigt. Dort stießen die Pläne aber auf ein geteiltes Echo. Einzig die FDP reagierte ausnehmend positiv. Der baupolitische Sprecher der Fraktion, Johannes Heyne, nannte das Projekt „spannend“ und attestierte ihm einen „Pilotcharakter“.

Die Grünen zeigten sich aufgrund der geplanten Höhenentwicklung skeptisch. Die Häuser sollen bis zu 65 Meter hoch werden. Auch bis zu 90 Meter sind im Gespräch. „Wir sind uns aber nicht ganz schlüssig, ob wir das weiterverfolgen“, sagte Harald Großkinsky, Geschäftsführer der „Am Spreebord Projektentwicklungsgesellschaft.“ Denn die Diskussion darum würde die Umsetzung des Projekts wahrscheinlich verzögern.

Statt 1100 nur noch 600 Wohnungen

Besonders kritisiert wurde von den Bezirksverordneten allerdings der Wohnanteil, der entgegen früherer Pläne nur noch bei 50 Prozent liegen soll. 600 Wohnungen sind insgesamt vorgesehen. In älteren Plänen war stets von 1100 die Rede. Großkinsky begründete den geringeren Wohnanteil mit dem Lärm des Heizkraftwerks von Vattenfall westlich des Grundstücks. Ein Lärmschutzgutachten habe ergeben, dass hier nur Gewerbe und keine Wohnungen gebaut werden könnten. Diese sind ausschließlich auf der Ostseite vorgesehen.

Er könne sich die Lärmquelle nicht als Hinderungsgrund für Wohnbebauung vorstellen, sagte der baupolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Wolfgang Tillinger. „Bei der Werkbundstadt waren 36 hochkarätige Architekten am Werk, die das so nicht gesehen haben.“ Entsprechend forderte er mehr Wohnungen. Die Linken wurden mit ihrer Kritik noch deutlicher. „Das Projekt bricht leider mit den sinnvollen städtebaulichen, sozialen und ökologischen Zielen des Werkbundstadtprojektes“, so Fraktionschef Niklas Schenker. Es sei unverantwortlich, die Anzahl der Wohnungen zu halbieren und stattdessen viel hochpreisiges Gewerbe realisieren zu wollen. Die CDU begrüßte zwar die Büronutzung, denn auch hier gebe es im Bezirk Bedarf. „Aber das Verhältnis stimmt nicht“, sagte der baupolitische Sprecher der Unionsfraktion, Christoph Brzezinski. Er sprach sich dafür aus, weiter Gespräche mit Vattenfall zu führen.

Werkbund hat sich nie um Lärmschutz Gedanken gemacht

Großkinsky gab an, die Zahl von 1100 Wohnungen nie offiziell verbreitet zu haben, sondern dass die wahrscheinlich vom Werkbund stamme. Ursprünglich seien einmal 110.000 Quadratmeter Geschossfläche vorgesehen gewesen. Bei einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 100 Quadratmetern sei man dabei auf 1100 gekommen. „Der Bezirk hat diese 110.000 Quadratmeter auf 96.000 Quadratmeter reduziert und da sind erstmal 140 Wohnungen von der Baumasse weggefallen“, so Großkinsky weiter.

Außerdem hätten sich die Werkbund-Architekten nicht sonderlich für die Lärmfrage interessiert. „Es gab eine Verabredung mit Vattenfall, dass das Projekt die Kosten für die Lärmreduktion zu tragen hat.“ Diese sollten im zweistelligen Millionenbereich liegen. „Auch das muss bezahlt werden.“

Investor will Campus auf Sozialwohnungen anrechnen

Gemäß des Berliner Modells der kooperativen Baulandentwicklung sollen 30 Prozent der Wohnungen als Sozialwohnungen zu Quadratmetermieten von 6,50 Euro gebaut werden. Die Investoren verfolgen dabei das Ziel, dass der Sozialcampus auf diesen Anteil angerechnet werden soll. Ein Wettbewerb, der nicht sein könnte, so der SPD-Verordnete Tillinger. „Wohnraum und der Campus oben drauf – nur dann macht die Sache Sinn.“ Die Linken bezeichnete diese Pläne des Investors sogar als „Unverschämtheit“.

Großkinsky nannte den Campus lediglich „ein Angebot“. Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) verwies auf die Notwendigkeit der dort möglichen Einrichtungen. „Wir brauchen überhaupt nicht darüber zu diskutieren, ob ein Nachbarschaftszentrum oder eine Kita anrechenbar ist.“ Worüber er aber reden würde seien Wohnungen, die als solche benutzt werden, formal aber den Status als Gewerbe haben – sogenannte Trägerwohnungen.