Jubiläum

100 Jahre Friseur am selben Ort

Der Salon „Schwarck & Freese“ in Charlottenburg-Wilmersdorf blickt auf eine lange Tradition zurück. Die Zukunft ist offen.

Hat viel Erfahrung in ihrem Handwerk: Monika Freese (73) schneidet Stammkunde Niklas die Haare.

Hat viel Erfahrung in ihrem Handwerk: Monika Freese (73) schneidet Stammkunde Niklas die Haare.

Foto: Carolin Brühl

Berlin. Die Aufgaben von Friseuren oder Barbieren waren über Jahrhunderte vielfältig. Nicht selten haben die Mitglieder der Zunft auch Wunden versorgt oder Zähne gezogen. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Berufsstand der Friseure und erst 1889 wurde der Bund deutscher Barbier-, Friseur und Perückenmacher-Innungen gegründet. Nur wenig später beginnt die Geschichte des kleinen Friseursalons an der Fechnerstraße 8 in Wilmersdorf, dessen Geschichte dank der Familie und langjähriger Mitarbeiter gut dokumentiert ist.

Hermann Wrampe, der Gründer des „Frisiersalons Angelika“, beginnt im Mai 1897 als 15-Jähriger mit seiner Lehre, die er nach zwei Jahren im Oktober 1899 erfolgreich abschließt. Wrampe tut, was viele Gesellen seiner Zeit machen, er reist durch Deutschland und sogar durch Frankreich und England, um sich von Meistern seiner Zunft inspirieren zu lassen. Nach seiner Rückkehr 1913 kauft Wrampe für 2800 Mark ein Geschäft an der Uhlandstraße 105, doch lange hat er keine Freude daran, denn kurz danach beginnt der Erste Weltkrieg: Der junge Friseur wird eingezogen.

Rückkehr und Neuanfang mit einem neuen Geschäft

Wrampe überlebt, kehrt nach Berlin zurück und startet ein zweites Mal durch. 1919 lässt er seinen Betrieb an der Ecke Gasteiner und Lauenburger Straße ordentlich beim Magistrat der Stadt Berlin registrieren. Die Lauenburger Straße wird 1947 zwar nach dem Wilmersdorfer Maler Hanns Fechner benannt, die Hausnummer blieb aber erhalten.

Der junge Geschäftsmann heiratet, 1923 kommt Tochter Vera zur Welt. Da die Familie auch im Haus Fechnerstraße 8 lebt, wächst die kleine Vera schon früh in das Handwerk ihrer Eltern hinein. Vom Zweiten Weltkrieg bleibt aber weder das Viertel rund um die Fechnerstraße, noch die Familie Wrampe verschont.

In ihren Erinnerungen berichtet Vera Wrampe: „Im Krieg wurde das Haus Ende Januar 1944 durch den Luftdruck der Mienen so zerstört, dass unsere Familie nach Zehlendorf ausquartiert wurde. Während mein Vater tagsüber notdürftige Reparaturen im Laden und in der Wohnung vornahm und ich in Schöneberg in einem Rüstungsbetrieb arbeitete, kam meine Mutter in der Zehlendorfer Wohnung im Mai 1944 bei einem Tagesangriff durch Bomben ums Leben.“

Zwar eröffnet der Vater den notdürftig reparierten Salon nach Kriegsende gemeinsam mit einem Kollegen wieder, doch auch Hermann Wrampe stirbt bereits im November 1947. Tochter Vera verpachtet das Geschäft an den Kompagnon des Vaters und schließt selbst ihre Friseurlehre 1949 ab.

Während ihrer Ausbildung im Salon „Bruno Schmidt“ lernt die junge Frau ihren künftigen Mann Georg Christ kennen, der als Gehilfe im Herren-Bereich des Salons arbeitet. Nach der Verlobung mit Vera Wrampe bereitet er sich auch auf das „Damen-Fach vor und belegt im „Friseurverein 1884“ entsprechende Kurse. „Oft habe ich ihm bei Veranstaltungen für Schaufrisieren Modell gesessen“, erinnert sich Vera Wrampe.

1952 heiratet sie Georg Christ, der nach der Kündigung des Pächters dann den Friseursalon der Familie Wrampe übernimmt. Das Geschäft läuft dank des Fleißes und der neuen Ideen der Christs gut an, auch wenn das Gebäude erst 1960 wieder vollständig renoviert wurde.

Viele Mitarbeiter und Auszubildende arbeiten in den folgenden Jahren im Salon an der Fechnerstraße. 1956 beginnen Renate Schwarck, 1960 Monika Freese als Lehrlinge ihre Ausbildung bei Georg Christ. Beide schwärmen noch heute vom guten Betriebsklima, das bei Meister Christ geherrscht habe. Als Christ das Geschäft 1975 nämlich aus gesundheitlichen Gründen aufgeben muss, überträgt er es an seine beiden langjährigen Mitarbeiterinnen, die es bis heute unter dem Namen „Schwarck & Freese“ weiterführen.

Mehr Konkurrenz, weniger Stammkunden

„Das Geschäft hat sich in den Jahren sehr verändert“, sagt Monika Freese, die trotz ihrer 73 Jahre immer noch fast täglich im Laden steht oder Hausbesuche bei Senioren im Kiez macht. Einen Raum im etwa 100 Quadratmeter großen Laden haben die beiden Friseurinnen inzwischen an freie Kosmetikerinnen und Fußpflegerinnen untervermietet.

Freese bedauert, dass es aber immer weniger Stammkunden gibt. „Früher sind viele Frauen einmal in der Woche zu uns gekommen, um sich frisieren zu lassen. Da wurde geschwatzt und erzählt, was in der Nachbarschaft so los ist. Heute gibt es mehr Konkurrenz und man kann vieles, wie zum Beispiel Haare färben, föhnen oder legen zu Hause selber machen“, analysiert Monika Freese. „Es kommen aber auch immer wieder junge Leute zu uns und viele kommen dann doch auch öfter“, sagt sie und schnibbelt beherzt durch den dichten lockigen Schopf von Niklas.

Auch er ist inzwischen ein Stammkunde, der seinen Kopf gern Monika Freese überlässt. Eines bedauert die Salonchefin jedoch: „Wenn wir hier aufhören, dann war’s das wohl, denn Nachfolger sind keine in Sicht.“ Vorerst denkt sie selbst aber noch nicht an das Ende ihrer beruflichen Laufbahn: „Warum auch?“, sagt sie.