Autorennen

So arbeitet der Raser-Jäger von Berlin

Der Jurist Andreas Winkelmann verfolgt in Berlin Autofahrer, die sich illegale Rennen liefern. Die Zahl der Fälle steigt.

Andreas Winkelmann (53) in der Sicherstellungshalle der Polizei vor einem konfiszierten Raser-Auto.

Andreas Winkelmann (53) in der Sicherstellungshalle der Polizei vor einem konfiszierten Raser-Auto.

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Als A. seinen Kontrahenten gefunden hat, will er Stille in seinem Audi A8. Er hat das Auto gerade die Bismarckstraße in Charlottenburg heraufgefahren, an einem frühen Sonnabendmorgen ohne eine Wolke am Himmel. Bei 60 Stundenkilometern klagt aus den Boxen eine türkische Laute über eine verflossene Liebe.

Hinter der Frontscheibe ziehen kahle Hochhausfassaden vorbei, Fußgänger, Radfahrer. Er überholt einen schwarzen SUV und stellt sich an der Ampel neben ihn. Jetzt schleppt sich ein müder Jogger über die Fahrbahn, A. macht die Musik aus, murmelt: „Komm, komm.“

Ein Fluch, weil der andere aufgibt

Dann drückt er das Pedal herunter. Der SUV zieht vorneweg, A. schließt auf, überholt, macht einen Schlenker vor den Kontrahenten, wieder zurück auf die rechte Fahrbahn. A. flucht. Der andere hat aufgegeben.

A. beschleunigt, die Fahrbahnmarkierungen flackern auf dem Asphalt. Mit 119 Stundenkilometer schießt er am Witzlebenplatz vorbei. Dann heult eine Sirene auf. Zivilpolizei. Eine Kamera in A.s Auto zeichnet alles auf.

Früher nur eine Ordnungswidrigkeit

Vor dem 13. Oktober 2017 wäre das, was sich vor ein paar Wochen in der City West abgespielt hat, rechtlich gesehen nicht verwerflicher gewesen als Falschparken: eine Ordnungswidrigkeit. Heute ist es ein Fall für den Strafrichter.

In Paragraf 315d des Strafgesetzbuchs steht seither: Auf „verbotene Kraftfahrzeug­rennen“ drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis oder hohe Geldstrafen. Wird eine Person fahrlässig gefährdet oder kommt jemand zu Tode, können daraus auch fünf bis zehn Jahre Haft werden.

Berlin gilt als eifrig in der Umsetzung dieses Paragrafen. Seit Inkrafttreten im Oktober 2017 gab es mehr als 600 Verfahren gegen Raser. Bis Mitte März wurden 176 Anklage erhoben und mehr als 50 rechtskräftige Verurteilungen ausgesprochen.

Berliner Fall war der Auslöser

Vielleicht liegt der Eifer der Berliner Strafverfolger daran, dass gerade ein Fall aus der Hauptstadt die Einführung des sogenannten Raser-Paragrafen beschleunigt hatte. Erst nachdem im Februar 2016 die inzwischen wegen Mordes verurteilten Hamdi H. und Marvin N. über den Kurfürstendamm gerast waren, den 69 Jahre alten unbeteiligten Michael W. totgefahren haben, wurde 315d eingeführt.

Vielleicht gibt es in Berlin auch einfach besonders viele Raser. Und vielleicht macht Andreas Winkelmann einfach seinen Job gut.

In 59 Tagen hat die Polizei 21 Autos beschlagnahmt

Eine lichtdurchflutete Backsteinhalle in Schöneberg. Rund 150 Autos stehen auf dem Sicherstellungsgelände der Berliner Polizei. Viele von ihnen wurden wegen des Verdachts auf illegale Autorennen beschlagnahmt. Denn auch das ermöglicht die Gesetzesänderung: Schon während des Verfahrens können Führerscheine eingezogen und Autos beschlagnahmt werden.

Allein in den ersten 59 Tagen des Jahres hat die Polizei 21 Mal zugegriffen. Als Andreas Winkelmann die Halle betritt, sieht seine Frisur aus wie immer: So, als wäre er mit offenem Verdeck hergefahren. Sein Fiat 500 Cabrio kommt auf 69 PS. „Bisschen lahm“, sagt Winkelmann. Aber er sehe das pragmatisch. Im Stau stünden alle Autos gleich.

Winkelmann ist 53 Jahre alt, Oberamtsanwalt und seit zehn Jahren Leiter der Abteilung 31 am Amtsgericht in Tiergarten, die sich seit November 2017 auf Raserkriminalität spezialisiert hat. Manche sagen, Andreas Winkelmann ist der oberste Raser-Jäger Berlins.

Unfallspuren im Auto

Heute trägt er einen blauen Anzug, unter dem Arm einen roten Aktenordner, unter den Augen dunkle Ringe. Wenn er die Reihen der hochmotorisierten Autos entlanggeht, kann er Fahrzeugtypen nennen, PS-Zahlen, Kaufpreise. Mercedes CLS, AMG getunt, 5er-BMW, ein Golf GTI, ein Mini von DriveNow.

In einer Ecke der Halle steht der völlig zerstörte lilafarbene Jeep von Michael W. und daneben das Wrack des AMG-Mercedes von Marvin N. Das Auto des Opfers der Kudamm-Raser. Und das von einem der Täter. Im Jeep klebt noch Blut. Die Tachometer-Nadel im 380-PS-Mercedes steht noch bei 200 km/h.

Rennmaschinen mieten über Ebay Kleinanzeigen

Winkelmann hat selbst mal ein Auto getunt. An einen perlmuttweißen Golf 1, sein erster Wagen, hat er in der Werkstatt seines Vaters einen Spoiler geschraubt. „War damals schwer in Mode.“ Die Jungs heute, so sagt er, machten es sich einfach.

Viele holen sich über zwielichtige Vermieter für einen Tag eine aufgemotzte C-Klasse, 200, 300 PS. Auf der Internetplattform Ebay gibt es die ab 150 Euro pro Tag. Rennmaschinen. „Und dann machen sie für einen Tag die Welle“, sagt Winkelmann.

Der Raser-Jäger ist Quereinsteiger in der Strafverfolgung, war zuvor jahrelang Rechtspfleger, beschäftigte sich mit Grundbucheinträgen und Erbscheinen. Seit eineinhalb Jahren verfolgt er gemeinsam mit sieben Kollegen die Rennfahrer. Rechtliches Neuland.

Gute Kooperation mit der Polizei

Die Verfahrenszahlen und die vielen Autos in der Halle, das alles ist für Winkelmann ein Beweis dafür, dass die Jagd auf die illegalen Rennfahrer erfolgreich ist. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist hervorragend“, sagt Winkelmann. Mehrmals im Monat schult er Beamte zum Raser-Paragrafen. In einer Power-Point-Präsentation erklärt er die rechtliche Definition illegaler Autorennen.

Dann erklärt er, dass Rasen in der Stadt noch kein Autorennen ist. Die zwei Fahrer müssen sich duellieren, etwa wenn sie sich auf dem Weg zwischen zwei Ampeln ausbremsen, wenn jeder als erster am Ziel sein will. Weitere Indizien: Nachfolgende Autos werden ausgebremst, bevor die Kontrahenten Gas geben.

Aber Paragraf 315d kennt auch den „Alleinraser“. Der bringt sein Auto an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. In seiner Präsentation erklärt Winkelmann den Beamten auch, dass ein Verfahren allein über Zeugenaussagen schwer zu führen ist. Was er braucht, sind Fakten.

Daten aus Klimaanlage, Airbag, ABS-System

Deswegen ist er heute in der Sicherstellungshalle. Winkelmann hat einen Sachverständigen mitgebracht, der dicke Kabel in den Motorraum eines zerbeulten Mercedes legt. Auf seinem Touchscreen kann er jetzt Daten aus dem Wagen ziehen, aus der Klimaanlage, den Airbags, dem ABS-System.

Er ruft Geschwindigkeiten und Drehzahlen ab. Ob zum Zeitpunkt des Aufpralls ein illegales Rennen gefahren wurde, kann Winkelmann nicht sagen. Die Verhandlung steht noch aus. Nur so viel: Die Daten sagen etwas anderes als der Fahrer.

Nicht immer sind Daten so leicht zu bekommen. Aber Winkelmann mag die Suche nach ihnen, in kleinen Festplatten, die in manchen Autos verbaut sind oder in Navigationssystemen.

Mathematische Beweisführung

In seinem Büro im Amtsgericht Tiergarten wertet Winkelmann Videoaufnahmen aus, er berechnet Geschwindigkeiten, indem er Sekunden mit dem Abstand zwischen Fahrbahnmarkierungen verrechnet, er stellt Gleichungen für die maximale Geschwindigkeit in einem bestimmten Kurvenradius auf.

Und manchmal holt er sich eine Sachbearbeiterin zu Hilfe. Wie im Fall von A., der an jenem Sonnabendmorgen mit 120 Stundenkilometer durch Charlottenburg gedonnert ist.

Die Fahrt wurde mit einer Kamera am Rückspiegel von A.s Auto aufgezeichnet, die Sachbearbeiterin übersetzt aus dem Türkischen, was A. während des Rennens mit seinem Kontrahenten murmelte. Inzwischen wurde ihm die Fahrerlaubnis vorläufig entzogen. Der Prozess steht noch aus.

Paragraf 315d soll auch abschreckende Wirkung haben

Paragraf 315d sollte auch ein Zeichen setzen: Rasen in Innenstädten ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine gefährliche Straftat. Er soll abschrecken. Fragt man eineinhalb Jahre nach der Gesetzesverschärfung bei der Polizei, ob das gelungen ist, hört man Ernüchterung.

Die Anzeigen wegen Rasens haben zugenommen, die Verfahren wegen Autorennen sogar stark. „Es ist nicht besser geworden. Die Zahlen sprechen für sich“, sagt Oliver Woitzik, Hauptkommissar im Fachstab Verkehr der Berliner Polizei. Die Gründe: Die Polizei ist sensibilisiert. Und wo mehr kontrolliert wird, werden mehr Straftaten gezählt.

Ein weiteres Problem: In Berlin gibt es keine Raserszene, gegen die man vorgehen könnte. Rennen sind meist spontan, des Startsignal oft nur ein aufforderndes Nicken an der Ampel. „Wir haben noch nie zweimal denselben ertappt“, so Woitzik.

Jedes Rennen, das nicht stattfindet, ist ein Erfolg

Das alles überrascht Winkelmann nicht. „Das Töten ist auch seit dem alten Testament verboten. Trotzdem wird gemordet“, sagt er. Der Staat müsse Härte zeigen. Wenn nur ein Rennen weniger stattfände, habe sich die Arbeit gelohnt.

Saal 4104. Amtsgericht. Ein Mann berlinert den Tathergang: „Bei dem Audi habe ich noch gedacht: Was für ein Vollpfosten, macht hier den Dicken. Aber als der Porsche über die Kreuzung geschossen ist, da dachte ich: Jetzt reicht es.“ Der Mann rief die Polizei.

Die stoppte kurz darauf auf der Flatowallee in Westend einen Audi S7, einen Audi R8 und einen Porsche 911. Drei Mittdreißiger hatten sie sich für eine Hochzeitsfeier geliehen. Und, davon ist Winkelmann überzeugt, dann sind die Pferdestärken mit ihnen durchgegangen.

Der Angeklagte schweigt

Der Angeklagte, er sitzt mit breitem Kreuz und breiten Beinen vor dem Richter, fixiert den Zeugen mit seinem Blick. Sagen will er nichts. Sein Anwalt und die anderen Fahrer streiten alles ab. Vielleicht sei man etwas zu schnell gefahren, aber ein Autorennen, absurd.

Nach Stunden der Verhandlung steht Winkelmann auf, hält sein Plädoyer. „Ich halte solche Rennen für gefährlicher als Alkohol. Da steckt eine eigensüchtige, egoistische Motivation dahinter. Und das hat im Straßenverkehr nichts verloren.“

Jetzt spricht der Angeklagte doch: Er sei ein bedächtiger Fahrer. Der Richter liest aus dem Punkteregister vor. Sieben Einträge hat der Mann auf der Anklagebank. Mehrere wegen Rasens.

„Sie sind ein rücksichtsloser Fahrer“, sagt der Richter. Der Angeklagte verliert für zwölf Monate seinen Führerschein. Danach muss er ihn neu machen. Er schluckt. Sein Anwalt will in Berufung gehen.