Kleine Schätze

Bismarck in Zivil in Grunewald

Überall in der City West gibt es kleine Schätze, hinter denen meistens eine spannende Geschichte steckt.

Kräftig gebaut mit Hund: Bismarck-Denkmal in Grunewald

Kräftig gebaut mit Hund: Bismarck-Denkmal in Grunewald

Foto: Sofia Mareschow

Grunewald.  „Wer ist das?“, fragen die beiden Passanten – über 60 Jahre der eine, sein Begleiter eine Generation jünger – auf Englisch und halten neugierig inne auf dem Weg zur Bushaltestelle am Grunewalder Bismarckplatz. Mit diesem typischen Touristen-Blick schauen beide nach oben, wo zu ihrer Rechten auf einer kleinen grünen Insel, umgeben von Bäumen und Sträuchern, ein bronzenes Figurenduo auf einem Sockel thront: ein kräftig gebauter Mann in Begleitung eines Hundes. Beide blicken über die Hubertusallee hinweg in eine unbestimmte Ferne.

Staunen über die Darstellung

Vom Bürgersteig aus sind die eingravierten Lettern am Denkmal schlecht zu entziffern und die Berlin-Besucher aus Frankreich dankbar für die Erklärung, wenngleich überrascht. „Das ist Bismarck, really, wirklich?“, fragt der Jüngere, und, nach kurzer Pause: „Das war doch der Gründer Deutschlands, also des Deutschen Reiches damals. „Der gebürtige Iraner kennt sich aus mit deutscher Geschichte, staunt aber über Standort und Darstellung der historischen Persönlichkeit. Der „Eiserne Kanzler“ in Zivil?

Mit Schlapphut und Dogge

Das 2,60 Meter hohe Bismarck-Standbild am gleichnamigen Platz zeigt den preußischen Ministerpräsidenten und ersten deutschen Reichskanzler mit Schlapphut, Stock und seiner Dogge Tyras. „Dem Fürsten Otto von Bismarck - die dankbare Kolonie Grunewald“, lautet besagte Erklärung auf einer Tafel am Granitsockel, der übrig blieb, nachdem das bronzene Original-Denkmal im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen worden war. Mit dem seinerzeit als innovativ gelobten Kunstwerk würdigte der jüdische Bildhauer Max Klein (1847-1908), einer der ersten Bewohner der 1889 angelegten Villenkolonie Grunewald, im Auftrag der Gemeinschaft 1897 den Staatsmann. Otto von Bismarck hatte mit seiner 1873 veranlassten Ausbau-Initiative des Kurfürstendamms indirekt die Schaffung der Kolonie ermöglicht. Und die avancierte bald zum Domizil namhafter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Unternehmer, Bankiers, Professoren, Verleger, Künstler und Schriftsteller, darunter einer Reihe jüdischer Akteure des modernen Berlin – und damit zu einem kulturellen Zentrum.

Umstrittene Wiederaufstellung

War seinerzeit die stadtplanerische Erschließung des Grunewald-Areals zur Schaffung des Villenviertels höchst umstritten und als Eingriff in die Landschaftsstruktur kritisiert, sorgte knapp ein Jahrhundert später die Wiederaufstellung des Bismarck-Denkmals für kontroverse Diskussionen. Die vom Heimatverein Wilmersdorf initiierte, von der Bankgesellschaft Berlin und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin finanziell unterstützte Nachschöpfung von Harald Haacke wurde am 2. Juni 1996 am alten Platz von Prominenten aus Politik und Gesellschaft enthüllt – als Zeichen der Auseinandersetzung, aber auch eines differenzierteren Umgangs mit der Geschichte. Bismarck und die Villenkolonie – diese Verbindung erscheint den Gästen aus Frankreich nicht ganz geläufig. Doch beim Thema Kurfürstendamm huscht ein Lächeln über ihre Gesichter. „Aber ja“, sagt der Jüngere zu seinem Begleiter, „der Kurfürstendamm, die Berliner Champs-Elysées...“