Stadtentwicklung

130 Hektar und kein Plan: Was passiert mit dem Olympiapark?

Mit der Absage für die Hertha-Arena ist auch die Zukunft des Olympiaparks wieder in der Diskussion. Ein Ortsbesuch.

Der Olympiapark aus der Vogelperspektive

Der Olympiapark aus der Vogelperspektive

Foto: euroluftbild.de/bsf swissphoto

Wer sich über die Sportforumstraße den zweistöckigen Flachbauten am Rande des Olympiaparks nähert, der stößt als erstes auf ein Schild. Mit Kabelbindern wurde es an einen Laternenpfahl befestigt. „No trespassing!“, steht da: kein Durchgang zum Olympiastadion. In der Sackgasse ducken sich sechs ziegelrote Häuschen mit 24 Wohnungen unter den Birken. Berlin ist hier nur noch als fernes Dröhnen wahrzunehmen. Ein Junge rennt auf der Straße einem Fußball hinterher.

Ginge es nach den Plänen von Hertha BSC, würde die Visualisierung für die lang ersehnte Fußballarena zu Wirklichkeit aus Beton und Glas, dann würden zwei Häuser abgerissen, alle Bewohner verschwinden, Platz machen für einen Kessel für 55.137 Fußballfans.

Seit vergangener Woche sind die Pläne vom Tisch. Für immer, sagt der Eigentümer der Wohnhäuser. Mal sehen, sagt

Hertha. Anne Haas sagt: „Wenn man mit Herz und Verstand an die Sache herangeht, dann kann man das Stadion hier nicht wollen.“ Seit knapp eineinhalb Jahren wohnt die 50-Jährige mit ihren zwei Kindern hier. Ihr Sohn besucht die Poelchau-Schule im Olympiapark, eine Elite-Schmiede für Sporttalente. Sie liegt knapp 500 Meter von Haas’ Wohnung entfernt. Rund 100 Quadratmeter, fünf Zimmer, ein Balkon ins Grüne, eine „wunderbare Gemeinschaft“, wie Haas sagt. Eine Idylle. Wären da nicht die Fußballfans. Also manche davon.

Als Anwohner stünde man hinter Hertha, das zu betonen ist Haas wichtig. Aber: „Klar hat die pinkelnden und Müll um sich schmeißenden Fußballfans keiner gern.“ Oft gebe es nach den Spielen Randale. Klar, was Haas‘ Herz zur Stadionfrage sagt.

Das alles für 18 Heimspiele im Jahr?

Was ihr Verstand sagt, haben die Anwohner in eine E-Mail geschrieben und an 42 Politiker in Land und Bezirk verschickt. Sie haben auf fünf Hektar Wald verwiesen, die gerodet werden müssten, auf Lärmbelästigung, Einnahmeverluste für das Land durch einen Auszug Herthas aus dem Olympiastadion, Zerstörung von knappem Wohnraum. Das alles für 18 Heimspiele im Jahr?

Zwei Jahre nachdem der Club seine Baupläne veröffentlicht hat, hat also der Eigentümer der Wohnungen den Verkauf ausgeschlossen. Schwer zu sagen, ob Herz oder Verstand den Ausschlag für die politische Reaktion darauf gaben. Eindeutig war sie auf jeden Fall. Die Regierungsparteien ließen das Projekt fallen - ohne ein Wort des Bedauerns. Auch aus der Opposition stellte sich kaum jemand hinter Hertha. Die Berliner Politik, so scheint es, sie fremdelt mit dem Verein.

Und, auch das wird jetzt erneut deutlich: sie tut sich auch mit dem Olympiapark schwer.

Angelegt wurde das 130 Hektar große Gelände von den Nationalsozialisten samt Olympiastadion als Reichssportfeld für die Olympischen Spiele 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente der nördliche Teil des Olympiaparks den britischen Alliierten als Hauptquartier, war Sperrgebiet. 1994, nach dem Abzug der Besatzungsmächte, fiel die Immobilie erst an den Bund, dann an das Land Berlin.

Warten auf den Masterplan

Viel Papier wurde seitdem mit Maßnahmen für die Erhaltung und Entwicklung des denkmalgeschützten Ensembles bedruckt. 2004 wurde ein „Leitkonzept für das Olympiagelände“ beschlossen, ein „einzigartiges Areal für Sport, Kultur und Freizeit“ sollte entstehen. Es wurde nie umgesetzt. 2011 erblickte eine Machbarkeitsstudie das Licht der Stadtöffentlichkeit, 74 Seiten dick, mit bunten Bildern und Konzepten zu „fünf Raumwelten“ und dem „enormen Entwicklungspotenzialen“, die das Areal biete. Sie wurde nie umgesetzt. Im Herbst 2018 wollte die Sportsenatsverwaltung einen Masterplan für den Olympiapark vorlegen. Auch das ist bislang nicht geschehen.

Nach 25 Jahren gibt es viele Interessen und kein Konzept

Rund 25 Jahre nachdem die Berliner ihren Olympiapark zurückbekamen, gibt es keinen einheitlichen Plan für das Gelände - und viele Interessen.

„Wir wollen einen Ort für Sport und Freizeit, der weniger abgeschottet wirkt und für alle öffentlich zugänglich ist“, sagt die sportpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Nicole Ludwig.

Heike Schmitt-Schmelz, Sportstadträtin im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, zu dem das Olympiagelände gehört, will vor allem mehr Sportplätze für die Vereine in ihrem Bezirk.

Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes Berlin sagt: „Wir müssen uns endlich einmal darauf einigen, was auf dem Gelände alles verändert werden kann – und nicht immer nur hören, was alles erhalten werden muss. Der Olympiapark hat viel Potenzial zur Entwicklung.“ Aber selbst wenn der Senat die Ausschreibung für eine neue Konzeption herausgäbe, würde die Erstellung wohl ein Jahr brauchen. Und so fürchtet der ehemalige Staatssekretär, dass in dieser Wahlperiode nicht mehr sonderlich viel passiert.

Hertha will die Idee der Fußballarena trotzdem nicht aufgeben. Und initiierte für vergangenen Freitag ein Treffen von Klubpräsident Werner Gegenbauer mit der Senatsspitze um den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Konkrete Absprachen wurden danach aber nicht bekannt. Man habe auf dem Gelände rings um das Olympiastadion drei, vier weitere Standorte für eine Fußball-Arena ausgemacht, heißt es aus dem Verein. Auch das Maifeld, von den Nationalsozialisten als gigantischer Aufmarschplatz hinter dem Olympiastadion errichtet, wird über die Presse ins Gespräch gebracht.

Landeskonservator: das Maifeld wird nicht bebaut

Der oberste Denkmalschützer des Landes, Christoph Rauhut, will von Ausweichstandorten nichts gehört haben. Aber so viel steht fest: „Eine Bebauung des Maifelds halten wir für nicht genehmigungsfähig.“ Das Gelände sei ein Gesamtkunstwerk von höchstem künstlerischen Anspruch. „Uns geht es darum, die Verbindungen zwischen Sport- und Freiflächen und Architektur wieder stärker herauszuarbeiten“, sagt der Leiter des Landesdenkmalamtes.

Das alles müsse aus einem Guss geschehen. Wie das gehen soll? Sollten die langfristigen Verträge mit Hertha aufgelöst werden, so Rauhut, böte dies die Chance für mehr Breitensport auf dem Gelände. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten - heute auf Park-Verwaltung, den Betreiber des Olympiastadions und den Bezirk verteilt - gelte es zu bündeln. Dazu müsse man ein sogenanntes „Parkpflegewerk“ unter Regie der Senatsverwaltung für Sport schaffen.

Und was sagt die Senatsverwaltung? Wenig Konkretes. Man prüfe die Kosten für eine Instandsetzung, erst dann könne man über konkrete Entwicklungspläne sprechen. Martin Pallgen, Sprecher der Sportsenatsverwaltung, sagt: „Wir wollen das Areal wieder zurück ins Gedächtnis der Berlinerinnen und Berliner bringen.“

Fast ein ganzes Leben im Olympiapark

Bernd Hohmann versucht gerade das genaue Gegenteil. Er will den Olympiapark vergessen. Aber es will ihm nicht gelingen. Kein Wunder, hat der 63-Jährige - breiter Rauschebart, breites Kreuz, breites Berlinerisch - doch sein Leben auf dem Gelände verbracht. Schon als Sechsjähriger war er Dauergast im Olympischen Schwimmbad, hat 1973 „für nen Fuffie Schmalz“, wie er sagt - als Gartenpfleger hier gejobbt, dann war er Rettungsschwimmer, später Platzwart im Olympiastadion, dann für das ganze Gelände um die Arena.

Seit zwei Wochen ist Hohmann im Ruhestand. Aber wenn er Morgens aufwacht, denkt er immer noch, er müsse jetzt auf den Platz. „Das muss ich noch in den Griff kriegen“, sagt er.

Jetzt steht er auf der Aussichtsplattform des Glockenturms, blinzelt in die Sonne, sagt: „Dit is ‘n Ausblick, wa?“ Unter ihm breitet sich das Maifeld aus, schießen Fontänen aus Sprenkelschläuchen, umkreisen blaue Tartanbahnen grüne Felder, öffnet sich das Oval des Olympiastadions über dem Marathon-Tor.

Auch nach 46 Jahren auf dem Olympiagelände kann sich Bernd Hohmann an diesem Anblick nicht satt sehen.

Wer wissen will, was die Berliner in den vergangenen Jahrzehnten aus ihrem Olympiapark gemacht haben, der sollte Bernd Hohmann treffen, sich den Generalschlüssel am Eingangstor abholen, einen Rundgang machen.

Fragt man Hohmann nach Turnieren, bei denen er dabei war, dann klingt die Antwort wie eine Rezitation des deutschen Sportalmanachs: Fußball Weltmeisterschaft 1974 und 2006, Schwimm-WM 1978, Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften, 33 DFB-Pokalfinals, Hockey und Fechtmeisterschaften, Trockenrudern, Holzpferdreiten, Hertha, Hertha, Hertha….

Dass Politiker fordern, das Areal müsse näher an die Stadt rücken, sich den Berlinern öffnen, das versteht Bernd Hohmann nicht. „Hier kommt doch jeder rinn“, sagt Hohmann.

Rund 75 Vereine trainieren im Olympiapark

Zählt man die Events im Olympiastadion nicht mit, finden zwischen April und September rund 120 Veranstaltungen auf dem Gelände statt – vom Mini-Wettkampf im Modernen Fünfkampf bis zum Lollapalooza mit 70.000 Besuchern.

Rund 75 Vereine mieten die Plätze und Hallen regelmäßig für Trainings und Wettkämpfe. Mehr als 20 Sportorganisationen siedeln dauerhaft auf dem Areal. Neben Hertha BSC mit seinen Profis und allen Jugend- und Nachwuchsmannschaften zählen dazu die die Modernen Fünfkämpfer, die Wasserfreunde Spandau, der Behinderten-Sportverband Berlin, der

Berliner Radverband, mehrere Reitvereine mit Stallungen und diversen Parcours oder der Profi-Boxkader von Sauerland. Seit 2015 siedelt die Eliteschule des Berliner Leistungssports, die Poelchau-Schule auf auf dem Areal.

Bernd Hohmann, so viel ist schnell klar, hat einen pragmatischen Blick auf das Gelände. Was dem Olympiapark fehle? „Garderoben“, sagt der Platzwart. Für die vielen Außensportanlagen gäbe es kaum Möglichkeiten zum Umziehen.

Und, auch das wird bei einem Rundgang schnell klar: Jemand muss den Verfall aufhalten. Das ist der zweite Wunsch des Platzwartes für den Olympiapark.

Als die Briten das Areal übergeben haben, so erinnert sich Hohmann, da mussten die Platzwarte das Gelände erst entdecken. „Da war klar, so ‘nen Acker kriegst du nicht in ein paar Jahren hin“, sagt der Platzwart. Wo heute Fußballfelder sind, türmten sich riesige Komposthaufen, am Anger neben dem Schwimmstadion hinterließen die Soldaten einen Schrottplatz und einen Sendemast, der Jahre später abmontiert wurde.

Für 242 Millionen wurde das Olympiastadion saniert

Seit 1994 wurde immer wieder saniert. Der größte Umbau fand im Olympiastadion statt, das zur WM 2006 für insgesamt 242 Millionen Euro saniert und ausgebaut wurde.

Aber auf dem Gelände stehen etwa 90 Gebäude, vom Haus des Deutschen Sports über die Waldbühne bis zum ehemaligen Telefonverteiler und dem Gärtnerhaus. Vieles bröckelt vor sich hin, an anderen Stellen wurde teilsaniert. Das Olympiabad etwa wurde in letzter Minute vor dem Zusammenbruch bewahrt. An den Tribünen am Maifeld wird im Moment gearbeitet. Und dann gibt es Orte, an die gelangt man nur mit Bernd Hohmann und seinem Generalschlüssel. Das alte Familienbad ist so ein Ort.

Bernd Hohmann zieht eine Eisenkette bei Seite, stößt einen Zwei-Meter-Zaun auf. Er trampelt durchs Dickicht, vorbei an aufgetürmten Holz- und Erdhaufen. Dann deutet er nach vorn, sagt: „Das ist das Entenschutzprogramm hier“. Wo früher die Frauen und Kinder der britischen Soldaten badeten, wachsen heute Borken aus dem Beton des Beckenrands, modert ein Bademeister-Häuschen vor sich hin, schwimmen Enten in einem hellblau gekachelten Schwimmbecken.

Ein Stück weiter verwittert die Bronzestatue eines breitbeinigen Hünen. Die Skulptur heißt „Der Faustkämpfer“, eine klobige Vergrößerung von Max Schmeling. Regen und Wind haben eine blaue Kruste auf seinen riesigen Händen wachsen lassen.

„Wann passiert hier wirklich etwas?“

Bernd Hohmann sagt: „Es gab so viele, schicke Konzepte. Ich frage mich: Wann passiert hier wirklich was?“

Zumindest für das Familienbad gibt es eine Antwort. Laut Senatsverwaltung sollen dort Felder für Hockey und Blindenfußball entstehen. Aber der lang ersehnte Masterplan? Bevor man die Zukunft des Areals plane, so sagt es ein Sprecher der Sportsenatsverwaltung, müsse man wissen, was die Vergangenheit einem beschert hat. Es werde gerade eine Instandhaltungsstudie ausgewertet.

Kosten wurden darin bereits benannt. In einem Zwischenbericht für den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses heißt es: Eine Sanierung und Modernisierung des Geländes und seiner Gebäude bis 2050 werde auf 567 Millionen Euro geschätzt. Aber dem Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses, der die Gelder frei geben muss, liegen noch nicht alle Unterlagen vor. Die Sportverwaltung hat um eine Fristverlängerung bis Ende Juni gebeten. Dann sind die Haushälter in der parlamentarischen Sommerpause.

Erst wenn die Sanierungsmaßnahmen benannt sind, werde „eine weitergehende, detailliertere Konzeption für den Standort“ aufgesetzt, heißt es aus der Sportsenatsverwaltung. Die beinhalte auch die Frage des Stadionneubaus für Hertha.

Wie Hertha die Stadionfrage beantwortet, das kann man im Foyer der Geschäftsstelle des Clubs erkennen. Die Visualisierung jener Arena, die man anstelle der Häuser an der Sportforumstraße gebaut bauen will und die die Politik bereits für beerdigt erklärt hat, sie wurde noch nicht weggeräumt.

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