Bonsais

Die große Liebe zu den kleinen Bäumen

Wer sich für Bonsais und fernöstliche Gartenkunst interessiert, findet an der Kantstraße in Charlottenburg gleich zwei Adressen.

Der Biologe Steffen Weber in der grünen Pracht im "Boomki". Dort werden Workshops angeboten, nicht nur zum Thema Bonsai, auch Keramikkurse, um Pflanzschalen selbst zu herzustellen.

Der Biologe Steffen Weber in der grünen Pracht im "Boomki". Dort werden Workshops angeboten, nicht nur zum Thema Bonsai, auch Keramikkurse, um Pflanzschalen selbst zu herzustellen.

Charlottenburg. Wer denkt, es sei eine kurzlebige Mode gewesen, auch in Deutschland Mini-Bäume in winzige Schalen zu pflanzen, ist auf dem Holzweg. Sträucher und Bäume im Miniaturformat sind nach wie vor gefragt. Die „Landschaft in der Schale“ begeistert immer noch in Europa, Deutschland und natürlich auch Berlin. Ein winziger, konzentrierter Gegenpol zum XXL-Lebensgefühl einer stark urbanisierten Umgebung, mit ihren Menschenmengen und dem schnellen Tempo einer Metropole.

„Die kleinen Dinger haben was“

Kontemplation und Konzentration aufs Wesentliche also? Todd Grand lächelte fein bei der Antwort auf die Frage. „Ja, wenn man will. Und auch nein, denn nichts muss, alles kann.“ Vom philosophischen Überbau will der Inhaber von „Japan Bonsai“ an der Kantstraße 124b nichts wissen. Der US-Amerikaner, den die Liebe 1995 an die Spree verschlagen hat, war gleich fasziniert, als er aus Zufall vor zwanzig Jahren den Laden seines Vorgängers betrat. Das war damals noch an der Krumme Straße. Analysieren möchte Todd Grant seine große Hingabe an die kleinen Bäumen nicht. „Es ist einfach so. Die kleinen Dinger haben was. Der eine spürt es bei ihrem Anblick, der andere nicht“, sagt er. Und er mag eben kleine Dinge.

Statt in die Kneipe zum Feierabendbier zu schlüpfen, schaute er damals einfach abends immer mal wieder bei den Bonsais vorbei. 2000 hat er dann den Laden übernommen. 2010 zog er um an die Kantstraße, wo er die Pflanzen ansprechend auf langen Regalen präsentieren kann. Die Kundschaft von damals ist ihm bis heute treu. Etwa die Mitfünfzigerin, die schon zu ihrem ersten Schultag ein kleines Pflänzchen geschenkt bekam und den Winzling bis heute hegt und pflegt. Wenn sie im Urlaub ist, übernimmt Todd Grant den Job und kümmert sich um die Pflanze.

Bonsai kann jeder - auch ohne grünen Daumen

Tamtam und Wichtigtuerei rund um die Bonsaikunst sind ihm ein Gräuel. „Bonsai kann jeder“, sagt Todd Grant. Er berät die Kundschaft mit Hingabe. Fragt, ob sie stressige Jobs haben und wie viel Zeit sie für die Pflege des Bäumchens eingeplanen können. Wer sich wenig kümmern kann, bekommt ein widerstandfähiges Exemplar, das sich zur Not auch mit wenig Fürsorge bescheidet. „Im besten Fall überlegt man sich, wo der Bonsai zu Hause stehen soll und macht ein Foto vom geplanten Standort“, empfiehlt Grand. „Dann kann ich besser einschätzen, welche Pflanze sich eignet. Ich frage nach der Sonneneinstrahlung, aber auch nach dem individuellen Tagesrhythmus.“ Todd Grant führt für Laien durchaus auch robuste, pflegeleichte Pflanzen, die Fehler verzeihen, wenn es denn sein muss. Wenn aus Anfängern dann Fortgeschrittene werden, wird die Beziehung enger. Dann ordert Grand auch exklusivere, kostbarere Bonsais. Aber egal ob Einsteiger oder Profi - jeder Bonsai, der seinen Laden verlässt, erhält einen Bonsaipass. Plus einer detaillierte Pflegeanleitung.

Aufmerksamkeit und ein bisschen Übung

Sein jüngster Kunde ist ein fünf Jahre alter Junge, die älteste Kundin war kürzlich eine 86 Jahre alte Dame. „Die kam und meinte, sie habe immer einen Bonsai haben wollen, sich aber nie wirklich herangetraut“, erzählt Todd Grand. „Sie hat sich an ihrem Geburtstag selbst ein Bäumchen geschenkt und es einfach ausprobiert. Die Bonsai-Pflege ist unaufwändiger, als man denken würde. Es braucht keinen grünen Daumen. Lediglich Aufmerksamkeit und ein bisschen Übung.“

Neben Neugierigen, die sich beraten lassen, kommt es auch immer mal wieder vor, dass Menschen schimpfend in seinen Laden stürmen. Und ihm „Vergewaltigung von Pflanzen vorwerfen“. Es sei gemein, die Pflanzen in ihrer Entfaltung zu hemmen. „Eine Dame meinte, sie kaufe mir einen Baum ab, um ihm die Freiheit zurückzuschenken“, erzählt Grand. „Ich habe ihr noch gesagt, dass sie einer tropischen Pflanze, wie es die meisten Bonsais sind, die wir hier in Europa als Zimmerpflanzen anbieten, damit nicht wirklich einen Gefallen tut…“

Workshops zu Bonsais oder zu Wabikusa

Auch im „Boomki“, ein paar Meter weiter in Richtung Savignyplatz an der Kantstraße 141, ist dieser Gedanke schon aufgeworfen worden, wie Steffen Weber berichtet. Der Biologe gibt sich dann viel Mühe und versucht, die Bedenken zu zerstreuen. Er erläutert das Handwerk, das zugrunde liegt. Und verweist auf die jahrhundertealte Tradition. Bonsais werden aus Sämlingen, aus Jungpflanzen geformt. Genetisch unterscheiden sie sich nicht von anderen Pflanzen, es ist allein die Kulturtechnik, die sie nicht in die Höhe wachsen lässt. In China wurde bereits während der frühen Han-Dynastie (220 n, Chr.) kleine Landschaften in den Palastgärten der Kaiser nachgestaltet. Im 10./11. Jahrhundert brachten buddhistische Mönche die Bonsaikunst nach Japan.1867 stellte Japan auf der Weltausstellung in Paris erstmals Bonsais der westlichen Öffentlichkeit vor.

Im „Boomki“ werden neben dem Verkauf von Bonsais zudem Kurse angeboten. Einführungsworkshops etwa, die elementare Kenntnisse zur Pflege und Gestaltung vermitteln. Philipp Jahn hat einen Workshop gemeinsam mit seiner Gattin besucht. Das Ehepaar gönnt sich ab und an das Vergnügen, gemeinsam Neues zu entdecken. „Das kann besser sein als Kino“, lacht Jahn. Baristas sind sie so schon geworden, Experten im Messerschleifen ebenfalls. Und kürzlich lauschten sie den Ausführungen über die Kunst, Bäume winzig zu kultivieren. Denn Philipp Jahn hat ein Faible für asiatische Gartenästhetik. Ein chinesischer Garten als Abbild des idealen Universums konzipiert, dieser Gedanke sagt ihm zu. „Im Workshop gefällt es mir, dass es Informationen zur Geschichte der Bonsai-Kunst erhält uns neue Baumarten kennenlernen. Über Tee-, Jade- und Pfefferbäume wusste ich bislang kaum etwas. Und dass wir hier selbst anpacken, eigenständig pflanzen und schneiden, finde ich prima. Theorie ist immer gut, aber es unter Anleitung auszuprobieren ist noch besser“, sagt Philip Jahn.

Dieser handwerkliche Zugang sei sehr gefragt, berichtet Steffen Weber. „Ich habe den Eindruck, dass bei unserer großstädtisch geprägten Kundschaft das Haptische gewünscht ist. Auch unsere Kurse zu Wabikusa, das ist die Anlage eines Gartens in einer Flasche, oder Keramikkurse, in denen Pflanzschalen ebenfalls eigenhändig gefertigt werden, kommen gut an.“ Das entspricht dem alten chinesischen Verständnis der Bonsai-Kunst: Die belebte Natur wird durch den Baum dargestellt. Die Naturkräfte werden vertreten durch einen Stein oder feinen Kies. Und der Mensch hat Anteil in Form seines Werks - einer Pflanzschale. Diese drei Elemente sollten sich im Einklang befinden.

Information

Japan Bonsai“, Kantstraße 124b, Telefon (030) 3121358

„Boomki“, Kantstraße 141, Telefon (030) 55607881

Preise: Je älter, desto kostbarer und desto teurer sind die kultivierten Bäume. 1,3 Millionen Dollar sollen angeblich für eine Jahrhunderte alte Kiefer auf einer japanischen Bonsai Convention gezahlt worden sein. Anfänger können mit einem verhältnismäßig überschaubaren Budget beginnen und finden in beiden Geschäften an der Kantstraße bereits ab 30 Euro ein gutes Angebot.