Mobbing

Dicksein ohne sich schuldig zu fühlen

Eine Charlottenburgerin wehrt sich gegen Diskriminierung von Menschen, deren Körper nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht.

Stephanie von Liebenstein hat die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung vor bald 15 Jahren in Charlottenburg gegründet. Heute ist sie die Zweite Vorsitzende des Vereins.

Stephanie von Liebenstein hat die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung vor bald 15 Jahren in Charlottenburg gegründet. Heute ist sie die Zweite Vorsitzende des Vereins.

Foto: Katja Wallrafen

Charlottenburg. GgG e.V.- was soll das sein, was verbirgt sich hinter der Abkürzung der drei Buchstaben? Die drei Gs stehen für die „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung“, die vor bald 15 Jahren in Charlottenburg gegründet worden ist. Stephanie von Liebenstein hatte damals das Gefühl, dass viele Gruppen sich gegen Diskriminierung wehrten. Homosexuelle, Frauen, Menschen mit Behinderung - der Ruf nach Akzeptanz und Gleichbehandlung wurde laut und lauter. „Einzig dicke Menschen blieben still“, sagt Stephanie von Liebenstein. „Dabei erfahren sie doch auch Ausgrenzung und das ist ein gesellschaftlichess Thema.“

Inspiriert in den USA

Inspiriert dazu, den dicken Menschen in Deutschland eine Stimme zu geben, wurde die damals 28-Jährige bei einem Volonteeringaufenthalt in den USA. „In dem Buchladen, in dem ich damals jobbte, gab es ein langes Regal mit Literatur über Size-Acceptance. Das sind Bücher, die viele Aspekte aufgreifen, die Menschen mit starkem Gewicht umtreiben“, erklärt die Verlagslektorin. „Angefangen bei der Akzeptanz des eignen Körpergewichts, ohne sich schuldig zu fühlen. Bis hin zu gesellschaftspolitischen Fragen, wie eben der Diskriminierung.“ Was ihr damals imponiert hat: „Dass man sich wissenschaftlich mit den vielen Facetten des hohen Gewichts beschäftigt. Dass man auch rund und gesund sein kann“, sagt Stephanie von Liebenstein. Dieses Wissen wollte sie auch in Deutschland verfügbar machen und so gründete sie damals mit zwei weiteren Personen die GgG. Heute ist sie zweite Vorsitzende, denn neben ihrem Beruf und den Aufgaben als Mutter von zwei Söhnen bringt sie noch die Energie für ein Jurastudium auf.

Schimpfwort „fette Sau“ hat immer Konjunktur

Seit der Gründung des Vereins ist viel passiert. Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt, zeigt sich offen für Diversität, akzeptiert neue Lebensentwürfe. Geschlecht, Nationalität, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion sollen im Alltag niemanden benachteiligen. Für viele dicke Menschen scheint das nicht der Fall zu sein. Sie erfahren selten Toleranz oder sogar Akzeptanz, die sie eigentlich gerne hätten. Stoßen im Gegenteil auf Ablehnung, Beleidigungen und Diskriminierung. Nicht nur auf Schulhöfen, wo das Schimpfwort „fette Sau“ bedauerlicherweise immer noch Konjunktur hat. Kinder, Jugendliche und Erwachsene erleben es täglich im Alltag in unterschiedlicher Form: Durch wortlose Verachtung, durch Herabwürdigung und missbilligende Blicke. Oder es wird offen gepöbelt, wie Stephanie von Liebenstein berichtet. Ein Mitglied der GgG musste sich von Nachbarn anhören, „du bist zu fett für diesen Sommer“.

Ganz schlimm geht es zu in den leider nicht mehr als sozial zu bezeichnenden Medien. Natalie Rosenke ist inzwischen die erste Vorsitzende der GgG und steht mit ihrer ganzen beeindruckenden Persönlichkeit im Rampenlicht. Sie knüpft politische Netze, hält Vorträge auf Parteitagen oder in Universitäten. Schon als Kind hat es sie genervt, dass sie sich für ihre Figur rechtfertigen, dass Dicksein schambesetzt sein sollte. Die 42-Jährige ist hart im Nehmen, wusste sich als Kind schon der Schmähung als „dicke fette Arschboulette“ hoch erhobenen Hauptes zu begegnen - und war doch mehr als geschockt, als sie sich im Oktober 2018 bei Twitter anmeldete.

Übelste Beschimpfungen gehen an die Nieren

Das tat sie, weil die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) die Kampagne „Drüber Reden“ gestartet hatte. Dort geht es darum, Diskriminierungserfahrungen zu teilen. Für eine Initiative wie die GgG, die antritt um die soziale Akzeptanz von dicken Menschen zu verbessern, ein Forum. Natalie Rosenke zwitscherte also von ihren niederschmetternden Erfahrungen im Alltag. Binnen 72 Stunden hatte sie 600 Follower - fast ausschließlich so genannte „Hater“. Das sind Menschen, die in sozialen Netzwerken schwer beleidigend agieren. Beschimpfungen wie „Ab mit dir ins Gas, du Pommes Panzer“ und übelste sexistische Beleidigungen waren die Folge. Kommentare, die Natalie Rosenke ziemlich zusetzen. Von ähnlichen Erfahrungen berichtete kürzlich Ricarda Lang von der Grünen Jugend. Seitdem sie an der Spitze der politischen Jugendorganisation steht, muss sie mit verbalen Attacken gegen ihre Person klarkommen. „Abstoßend, fette Sau als Frau, unattraktiv“ sind zitierfähige Bezeichnungen, das meiste ist unverschämt und geschmacklos. Auch Ricarda Lang hat in Interviews erklärt, dass es ihr sehr schwer fällt, mit dem anonymen Hass umzugehen.

Das Gleiche gilt für Natalie Rosenke. „Die Wucht und die Vielzahl der Beleidigungen und der Abwertungen sind schockierend und ich kann nicht behaupten, es ließe mich kalt“, räumt sie ein. Zum Glück erfährt sie viel Rückhalt im persönlichen Umfeld und deshalb ist Aufgeben für sie keine Option. Denn noch sind Ziele zu erreichen. Momentan setzt sich die GgG dafür ein, dass das Antidiskriminierungsgsetz um einen einen Schutz für das Merkmal Gewicht erweitert wird. Die durch das Recht geschützten Personen erhalten Rechtsansprüche gegen Arbeitgeber. Das ist ein wichtiger Punkt.

Vorurteile in den Köpfen halten sich hartnäckig

„Wir haben uns lange damit beschäftigt, hochgewichtige Menschen dabei zu unterstützen, wenn ihnen eine Verbeamtung aufgrund ihres Body-Mass-Indexes verwehrt wurde“, berichtet Stephanie von Liebenstein. „Da waren wir erfolgreich, inzwischen gibt es mehrere Urteile, die unseren Argumenten folgen.“ Die GgG setzt sich dafür ein, dass Dicke einen vorurteilsfreien Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. „Vorurteile halten sich hartnäckig“, sagt Natalie Rosenke. „Dick gleich dumm, faul, leistungsschwach und krankheitsanfällig - das steckt leider in vielen Köpfen von Personalentscheidern. Wie schön wäre es, Jobs würden ausschließlich aufgrund der Qualifikation vergeben.“

„Wir sind eine Vereinigung von Menschen aller Kleidergrößen und Bauchumfänge, die aus verschiedenen Gründen nicht einverstanden sind damit, wie unsere Gesellschaft mit dicken Menschen umgeht“, heißt es auf der Onlinepräsenz der GgG. Die Gleichwertigkeit aller Körper und dass der Körper Privatsache ist - diese beiden Ziele wollen Stephanie von Liebenstein und Natalie Rosenke erreichen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

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