MUF Quedlinburger Straße

Charlottenburger Flüchtlingsheim öffnet erst ein Jahr später

Der Baustart wurde von Frühjahr 2019 auf Mitte 2020 verschoben. Ob dann tatsächlich 580 Flüchtlinge einziehen, ist derzeit ungewiss.

Die geplante Flüchtlingsunterkunft an der Quedlinburger Straße 45

Die geplante Flüchtlingsunterkunft an der Quedlinburger Straße 45

Foto: DMSW ARCHITEKTEN

Charlottenburg. Gelb-braun leuchtet der neue Sand in der Februarsonne. Über Monate wurde der alte Boden zunächst abgetragen und dann ein neuer aufgeschüttet. Mittlerweile steht die Altlastensanierung an der Quedlinburger Straße 45 kurz vor dem Abschluss. Sie war nötig, weil das schmale Grundstück unweit der Spree in Charlottenburg lange Zeit als Kohlelagerplatz diente. Nun soll auf der knapp 4400 Quadratmeter großen Brache eine Modulare Unterkunft für Flüchtlinge (MUF) entstehen. Vom geplanten Baustart in diesem Frühjahr musste die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) mittlerweile aber Abstand nehmen. Los solle es erst im zweiten Quartal 2020 gehen, wie WBM-Sprecher Martin Püschel erklärt. Mit der Fertigstellung sei nach derzeitigem Stand im Juni 2021 zu rechnen.

"Wir brauchten eine Fristverlängerung zur Komplettierung des Bauantrags", so Püschel weiter. Der sei im Mai 2018 beim zuständigen Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf eingereicht worden. Seit geraumer Zeit ruht das Genehmigungsverfahren jedoch. Nichts Ungewöhnliches, sagt der Sprecher und verweist auf die komplizierte Altlastensanierung, auf Gutachten, die hätten nachgereicht werden müssen, und letztlich auf die Komplexität des Bauvorhabens an sich. Man wolle das Verfahren zeitnah wieder aufnehmen und gehe von einer Genehmigung aus. Geplant ist ein siebengeschossiger Gebäuderiegel mit insgesamt 152 Wohnungen, einem Kiezcafé im Erdgeschoss und einer Kita mit rund 60 Plätzen auf dem Dach.

Weniger Flüchtlinge: Bezirk muss Alternativen benennen

"Das Haus soll langfristig in den regulären Bestand der WBM übergehen", sagt Püschel. Man wolle günstig an Studenten vermieten. Zuvor soll es aber das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) für maximal neun Jahre nutzen. Ob aber tatsächlich, wie bislang geplant, 580 Flüchtlinge einziehen werden, ist derzeit ungewiss. Denn im vergangenen Herbst gab es in dieser Frage im Berliner Senat einen Kurswechsel. Die MUFs sollen, sofern möglich, nicht mehr nur mit Flüchtlingen belegt, sondern auch anderen Bevölkerungsgruppen geöffnet werden. In diesem Fall muss der Bezirk allerdings alternative Standorte benennen, an denen Flüchtlinge untergebracht werden können.

Ein Teilerfolg für die Bürgerinitiative (BI) "Quedlinburger Straße 45", die bereits länger eine gemischte Belegung mit dem Ziel einer besseren Integration fordert. "Darauf darf man sich jetzt aber nicht zurückziehen, sondern muss es angehen und nach Lösungen suchen", fordert BI-Sprecher Ingo Zebger die Bezirkspolitik auf. Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) verwies jedoch stets darauf, dass Alternativen in den Innenstadtbezirken rar und schwer zu finden seien. So fielen etwa die Bauvorhaben städtischer Gesellschaften raus, da der Senat sie "wie von Anfang an geplant der allgemeinen Versorgung mit neuen Wohnungen" zuführen wolle, so Naumann. Zebger fordert daher, auf private Investoren auszuweichen. "Es wird schließlich genug gebaut."

Weitere MUFs am Stadtbad Wilmersdorf und an der Glockenturmstraße

Die MUFs entstehen Plattenbauten gleich aus vorgefertigten Betonteilen in Schnellbauweise. Der Standort Quedlinburger Straße ist einer von insgesamt drei in Charlottenburg-Wilmersdorf. Der zweite ist auf einem Grundstück der Berliner Bäderbetriebe neben dem Stadtbad Wilmersdorf an der Mecklenburgischen Straße 80 vorgesehen, dessen Kapazität laut LAF derzeit geprüft wird. Die dritte MUF soll mit 309 Plätzen an der Glockenturmstraße unweit des Olympiastadions neben dem Horst-Korber-Sportzentrum gebaut werden. Bauträger soll in beiden Fällen die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung selbst sein. Mit einer Fertigstellung werde 2021 gerechnet.

Während die Mecklenburgische- und die Glockenturmstraße zu den 25 MUF-2.0-Standorten gehören, die im vergangenen Jahr festgelegt wurden, stammt die Quedlinburger Straße noch aus der ersten MUF-Runde von 2016. Damals wurden 28 Standorte benannt, von denen laut LAF bislang 13 überwiegend in den Randbezirken fertiggestellt wurden.

Nach Freizug der Notunterkünfte kaum Folgeeinrichtungen im Bezirk

Weil die Quedlinburger Straße der einzige MUF-1.0-Standort in Charlottenburg-Wilmersdorf ist, "wurde hier die Unterbringungskapazität, die mit der geplanten Geschossfläche möglich ist, ausgeschöpft", erklärt LAF-Sprecherin Monika Hebbinghaus die bislang noch geplante Belegung mit 580 Menschen. Vergleichbar große Standorte gebe es zwei in Treptow-Köpenick und jeweils einen in Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf und Neukölln.

Da es in Charlottenburg-Wilmersdorf zahlreiche Notunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen gegeben habe, gingen dort noch immer viele Kinder und Jugendliche aus geflüchteten Familien zur Schule oder seien anderweitig angebunden, so Hebbinghaus weiter. "Sie nehmen zum Teil weite Wege auf sich, weil sie nach dem Freizug der Notunterkünfte kaum 'Folgeunterkünfte' im Bezirk gab und sie daher weiter weg untergebracht werden mussten." Ausnahme sei ein kleines Tempohome an der Schmargendorfer Fritz-Wildung-Straße mit 160 Plätze, das im vergangenen Sommer öffnete. Laut LAF leben derzeit 21.621 Flüchtlinge in Berlin, davon nur 1225 in Charlottenburg-Wilmersdorf.