Museen in Berlin

Das Geheimnis roter Lippen: Zu Besuch im Lippenstiftmuseum

Schönheitsexperte René Koch vermittelt im weltweit einzigen Lippenstift-Museum in Wilmersdorf die Kulturgeschichte des Schminkutensils.

René Koch hat das Lippenstiftmuseum gegründet.

René Koch hat das Lippenstiftmuseum gegründet.

Foto: Sven Lambert

Zwischen Bayerischem Viertel und der Bundesallee liegt die verhältnismäßig kleine Helmstedter Straße. Trotz der geringen Länge erinnern auffällig viele Gedenktafeln an ehemalige prominente Bewohner. Von 1928 bis 1933 lebte in der Nummer 24 etwa die Autorin Anna Seghers, bevor sie über Frankreich und Spanien nach Mexiko emigrierte. Acht Häuser weiter befindet sich heute das weltweit einzige Lippenstiftmuseum, das der Starvisagist René Koch vor zehn Jahren gründete.

Bevor Koch das Museum eröffnete, stellte er seine private Sammlung in der Galerie Lafayette in der Friedrichstraße aus. „Ich hatte damals nicht damit gerechnet, dass sich dafür so viele Menschen interessieren.“ Die Warteschlange reichte täglich bis zum Gendarmenmarkt. Es folgten Anfragen aus verschiedenen deutschen Städten, schließlich aus europäischen, asiatischen und US-amerikanischen Metropolen. Koch fühlte sich geehrt, lehnte aber die meisten Anfragen ab: „Ich habe lange genug aus dem Koffer heraus gelebt.“

Mehr als 30 Jahre war der gebürtige Heidelberger Chefvisagist bei Charles of the Ritz und Yves Saint Laurent Beauté. In der Zeit pendelte er zwischen Berlin, New York, London und Paris. Zu seinen berühmten Kundinnen gehörten unter anderem Hildegard Knef, Shirley Bassey und Eartha Kitt.

Bereits als Kind begeisterte sich René Koch für Lippenstifte

Die Affinität zum Lippenstift wurde bereits in jungen Jahren geweckt. „Der weibliche Kopf spielte so lange ich mich erinnern kann eine besondere Rolle“, sagt Koch. „Ich wurde damit groß, denn meine Mutter arbeitete als Schneiderin und Hutmacherin. Sie ging nie ohne Lippenstift aus dem Haus.“ Mitte der 60er-Jahre wurde Koch der erste männliche Kosmetiker West-Berlins. Kurz darauf begann seine Sammelleidenschaft. Zahlreiche der berühmten Kundinnen schenkten Koch ihren Lippenstift, Freunde brachten aus den entlegensten Winkeln der Erde Sammelstücke mit.

„Die Zusammensetzung der einzelnen Lippenstifte unterscheidet sich kaum“, erklärt Koch. „Sie besteht aus Fetten und künstlichen Farbstoffen.“ Das war jedoch nicht immer so. „Vor der Präsentation des ersten Lippenstifts bei der Amsterdamer Weltausstellung 1883 benutzten Frauen pflanzliche Extrakte oder auch Läuseblut, das sie mit den Fingern auf die Lippen auftrugen.“ Das Design hingegen variierte schon immer. Unter den hervorragend kuratierten Fundstücken aus aller Welt befinden sich handgefertigte Stücke aus Perlmutt sowie mit teuren Edelsteinen besetzte Lippenstifte.

Im Laufe der Zeit änderte sich die Bedeutung des Schminkutensils, das bereits in der Antike verbreitet war: Während in Griechenland die Hetären sich den Mund nachziehen mussten, damit keine Verwechslung mit „anständigen“ Frauen zustande kam, grenzten sich im alten Rom wiederum die Damen aus dem gehobenen Stand durch das Tragen von Lippenstift von den Plebejern ab. Erst mit der Christianisierung kam es zu einem Paradigmenwechsel, Schminke galt fortan viele Jahrhunderte als verpönt. „Noch im 18. Jahrhundert gab es ein Gesetz, das besagte, dass Ehen annulliert werden können, wenn das Hochzeitsversprechen abgegeben wurde, während die Frau Lippenrot trug“, erklärt Koch.

Bei den Führungen durch das private Museum legt Koch Wert auf den historischen Kontext. Schließlich handelt es sich dabei um keine Werbeveranstaltung für Lippenstiftmarken. „Da ist man im Kaufhaus besser aufgehoben“, sagt Koch. Stattdessen erklärt der Visagist und Schönheitsexperte die Kulturgeschichte eines Modeutensils. „Die Emanzipation der Frau ist eng mit dem Lippenstift verbunden. Die Suffragetten kämpften zu Anfang des 20.Jahrhunderts mit knallrot nachgezogenen Lippen für Wahlrecht und Gleichberechtigung. Es ist eine Metapher für ‚eine Lippe riskieren‘. Letztlich ist Rot die Farbe der Revolution.“

Die Wände zieren Kussabdrücke von Hunderten von Stars

Die einzelnen Vitrinen sind nach unterschiedlichen Epochen und Jahrzehnten geordnet – von der Belle Epoque über die Weimarer Republik bis in die heutige Zeit. Die Wände des Museums zieren Kussabdrücke von Hunderten von Stars, darunter etwa von der Chansonsängerin Ute Lemper oder von Supermodel Claudia Schiffer.

Besuchen kann man die kleine Institution übrigens ausschließlich nach Voranmeldung, vorzugsweise im Rahmen einer Führung. Die kürzeste Tour heißt „Red Moments“ und führt im anderthalbstündigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Lippenbemalens von der Barockzeit bis in die Gegenwart. Wer es genauer wissen will, kann auch den „Happy Afternoon“ buchen. Neben einer ausführlichen Gruppenführung gibt es im vierstündigen Paket auch einen Make-up-Workshop. In beiden Fällen sind Sekt, Kaffee, Kuchen und ein Plausch mit René Koch enthalten.

Dass das Lippenstiftmuseum nicht nur über das Modeutensiel aufklärt, sondern auch die Biografie seines Besitzers aufarbeitet, können Besucher im Rahmen einer Einzeltour erleben. Hierbei plaudert René Koch aus dem Nähkästchen seiner 50-jährigen Karriere und verpasst seinen Besuchern ein ganz individuelles Styling – inklusive roter Lippen, das versteht sich von selbst.

Museums-Info

Adresse: Helmstedter Str. 16, Wilmersdorf. Besuch nach telefonsicher Voranmeldung möglich, Tel. 854 28 29, E-Mail: info@ lippenstiftmuseum.de

Führungen: von anderthalb bis vier Stunden verschiedene Optionen, Preise variieren zwischen 20 und 75 Euro inklusive Sekt, Kaffee und Gebäck, ggfs. mit Make-up-Workshop Einzeltermine Auch Einzelführungen sind möglich, etwa „Pretty Woman“, zweistündige Dauer, inklusive individuelles Make-up von René Sommer, Preise ab 165 Euro.

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