Entmietung & Abriss

Mieter an der Fechnerstraße 7 sollen Neubauplänen weichen

Krieger & Schramm hat allen Bewohnern eines Hauses gekündigt. Der Investor sagt, er gehe sozial vor. Mieter und Bezirkspolitik zweifeln aber.

Das "Uhland House" soll die städtebauliche Situation an Uhlandstraße 104 und 105 reparieren. Der gelbe Nachkriegsbau an der Fechnerstraße 7 (links hinten) soll dafür abgerissen werden.

Das "Uhland House" soll die städtebauliche Situation an Uhlandstraße 104 und 105 reparieren. Der gelbe Nachkriegsbau an der Fechnerstraße 7 (links hinten) soll dafür abgerissen werden.

Foto: Krieger & Schramm

Wilmersdorf. Eine Fressmeile, darüber eine karge Brandwand und ein Blick in den Innenhof: Nach dem Zweiten Weltkrieg ist an der Ecke Uhland-, Berliner und Fechnerstraße wahrlich ein städtebaulicher Sündenfall entstanden. Anfang 2018 kaufte Krieger & Schramm das Grundstück und will den Blockrand schließen. Das geplante „Uhland House“ – ein Siebengeschosser, der sich ab der Berliner bis um die Ecke zur Fechnerstraße zieht – soll das erste Projekt des thüringischen Immobilieninvestors in Berlin werden.

„Es geht um Stadtreparatur“, betonte der mit der Planung beauftragte Architekt Christoph Schwebel im jüngsten Bauausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf, wo das Projekt in der letzten Sitzung vor Weihnachten vorgestellt wurde. Es gelte, die Uhlandstraße an dieser Stelle zu „heilen“ und den Raum „neu zu ordnen“. Spekulation sei nicht das Ziel. Es gehe zwar auch, aber nicht in erster Linie ums Geschäft. „Man sollte einem Investor dankbar sein, dass er sich einem so schwierigen Grundstück annimmt.“ Die Beifallsstürme blieben aber aus. Kritik an der als hoch eingeschätzten Baumasse und der als notwendig erachteten Überbauung des Bürgersteigs waren dabei eher Nebensache.

Schon 15 von 24 Mietparteien ausgezogen

Denn das Haus an der Fechnerstraße 7 liegt ebenfalls auf dem Grundstück. Laut Schwebel ist eine Sanierung des 1961 errichteten Nachkriegsbau relativ aufwendig, wenn überhaupt möglich. Grund seien etwa minderwertige Baumaterialien, eingemauerte Fallrohre und der Verdacht auf Asbest. Das Haus soll abgerissen werden. Die Entmietung läuft. Den Bewohnern der 24 Wohnungen wurde im Sommer wegen „Hinderung an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks“ gekündigt. Bis Ende April beziehungsweise Ende Juli 2019 sollen sie raus. 15 der 24 hätten bereits Mietaufhebungsverträge unterschrieben, sagte Mirko Fiedler, Leiter der Berliner Niederlassung von Krieger & Schramm.

„Wir sind kein harter Entmieter“, so Fiedler weiter. Man habe früh den Dialog gesucht, helfe bei der Suche nach Ersatzwohnungen, trage die Umzugskosten, leiste finanzielle Unterstützung und kümmere sich gegebenenfalls um Schufa-Auskünfte und WBS-Scheine. „Wir sind da sehr sanft mit den Mietern umgegangen und machen das bis heute.“ Dem widersprach der Sprecher der verbliebenen neun Mietparteien entschieden. Beim ersten Gespräch seien zwar Versprechungen gemacht, sofort danach aber mit der Kündigung Druck aufgebaut worden, so der junge Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die angebotenen Wohnungen seien meist deutlich teurer und kleiner.

Vorwurf: Tochter soll Vater in gemeinsamer Einraumwohnung pflegen

„In diesem Haus leben zum Teil kranke und pflegebedürftige Leute – einer davon kann nicht laufen“, sagte der Sprecher. Der Rentner mit Pflegestufe vier bewohne gemeinsam mit seiner Tochter eine 65 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung. „Was denen angeboten wurde, war ein Zimmer um die 40 Quadratmeter, dazu eine Abfindung von 10.000 Euro und für jeden Monat, den man früher auszieht, 1000 mehr.“ Geld, dass bei monatlichen Pflegekosten von 4000 Euro schnell verbraucht sei.

Krieger & Schramm plant nach eigenen Angaben in dem Neubau 103 Mietwohnungen – im Ergebnis 79 mehr als heute. Günstiger Wohnraum solle entstehen. „Ich habe auch gefragt, ob wir dort einziehen können. Da wurde mir gesagt: ‘nein, das können Sie sich dann nicht mehr leisten‘“, wunderte sich eine Mieterin. Eigentümer und Planer wiederum gaben an, sich dieses Szenario nicht vorstellen zu können.

Geplant sind überwiegend Ein-, in kleiner Zahl Zweizimmerwohnungen. Sie sollen laut Planer Schwebel zwischen 23 und 66, im Schnitt 34 bis 35 Quadratmeter groß sein. Die Mieten sollen zwischen 360 bis 900 Euro liegen. „Das wären dann zwölf bis 15 Euro pro Quadratmeter und damit weder günstig noch sozial“, kritisierte der Linken-Fraktionsvorsitzende, Niklas Schenker. Schwebel verwies auf die 24 Wohnungen, die nach der Zweckentfremdungsverbotsverordnung für die abgerissenen zu 7,92 Euro entstehen würden. „Damit hätte man mehr Wohnungen zu geringeren Mieten als jetzt.“ Denn die lägen im Bestand bereits jetzt bei durchschnittlich neun und bis zu 13 Euro. Die verbliebenen Mieter gaben hingegen an, maximal 7,80 Euro zu zahlen.

Mehrheit des Ausschusses fordert Bleiberecht für Mieter

Am Ende war sich der Ausschuss darin einig, dass eine Verbesserung der städtebaulichen Situation an dieser Ecke zwar durchaus wünschenswert sei. Während aber einzig die FDP keine Bedenken äußerte, kritisierten die Sprecher von SPD, Grüne und Linken „Verdrängung“, „nur Eigeninteresse“ und „übelste Methoden“. „Sie haben versucht ein Haus leer zu ziehen um den Abriss leichter zu bekommen“, so baupolitische Sprechers der Sozialdemokraten, Wolfgang Tillinger.

Auch die CDU attestierte Krieger & Schramm in dieser Sache einen Mangel an sozialer Verantwortung. „Gehen Sie nochmal in sich und kommen Sie in einem halben Jahr wieder“, riet der Unions-Verordnete Hans-Joachim Fenske dem Investor. Man wolle weiter Gespräche führen und den Mietern anbieten, zu 7,92 Euro in die neuen Wohnungen ziehen zu können, versprach Krieger & Schramm-Leiter Fiedler.

Stadtrat: Investor führt wissentlich illegalen Zustand herbei

Wie die Mehrheit des Ausschusses ist auch Charlottenburg-Wilmersdorf Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) der Auffassung, dass die vorsorglich fristwahrenden Kündigungen zurückgenommen werden müssen. Denn dadurch provoziere Krieger & Schramm wissentlich einen illegalen Zustand. Der Bauantrag, der seiner Ansicht nach nicht genehmigungsfähig ist, werde derzeit nicht bearbeitet. „Damit ist völlig klar, dass der Leerstand mehr als die erlaubten drei Monate dauern wird“, so der Stadtrat weiter.

Aber in dieser Frage gebe es unterschiedliche Auffassungen im Bezirksamt, so der Stadtrat weiter. Unklar sei, ob gekündigt werden darf, wenn wie in diesem Fall bereits ein Abrissantrag gestellte wurde. „Eigentlich nicht, weil der Antrag ja auch abgelehnt werden kann“, ist Schruoffeneger überzeugt. Eine juristische Frage, die derzeit vom Rechtsamt geprüft werde.